20.11.2017 - Ulrich Knellwolf

Gelassenheit. Eine Tugend?

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Wie es redet, dieses grosse Wort Gelassenheit! Lass es sein, sagt es. Kümmere dich nicht darum! Lass dich nicht aus dem Häuschen bringen! Reg dich nicht auf! Take it easy! Halt dich heraus! Nimm’s, wie’s kommt! Verlier nicht die Übersicht! Bleib überlegt und überlegen!
 

Und immer mit Ausrufzeichen, das Wort Gelassenheit. Rat also, Aufforderung, Gesetz. Eine Tugend eben. Gesetz, Tugend sagt, was nicht ist und was wir tun sollen, damit es werde. Rat an einen, der das Geratene schon lebt, ist nutzlos. Aufforderung zur Gelassenheit an einen Gelassenen ist Wasser in den See getragen. Stoische Philosophie der Gelassenheit hat einen Sinn nur in turbulenten Zeiten für Leute, die Kopf und Mut zu verlieren drohen. Denen rät sie: Lass dich nicht anfechten! Bleib cool! Gelassenheit. Das Wort gemahnt an Gelass, Verlies. Und an den Rat, sich zum Schutz seiner selbst in den Käfig des eignen Ichs einzuschliessen. Incurvatio in se ipsum, Eingekrümmtheit in sich selbst, nennt christliche Theologie das. Ist sie rechte christliche Theologie, weiss sie, dass ein solcher Rat ein Bärendienst, weil nutzlos, ist. Aus folgenden Gründen: Zum Ersten: Die Schnecke verzieht sich, verschreckt vom Lärm der Welt, zwecks ungestörten ­Beisichselbstseins in ihr spiralig eingekrümmtes Häuschen. Kommt ein Unvorsichtiger oder Bösartiger mit grossen Füssen in schweren Schuhen dahergelatscht, tritt darauf – und Schluss ist es mit Häuschen, Schutz und Sein. Hätte ein stärkeres Haus gebraucht. Zum Zweiten: Das stärkere Haus kann die Schnecke nicht bauen. Und insoweit sind auch wir Menschen Schnecken. Können lang nicht alles, was wir sollten und unbedingt müssten, weil’s zu unserm Überleben unerlässlich wäre. Gesetze setzen stillschweigend voraus, dass wir können, was wir sollen. Darum schweigen sie sich über die dazu nötigen Ressourcen grosszügig aus. Der Rat «Rennen Sie hinaus, wenn Ihr Haus in Flammen steht!» ist für die ans Bett Gefesselten ein Hohn.

Vom Wort Gelassenheit und seiner Bedeutung
Gelassene, Stoiker, Unerschütterliche, so mein Verdacht, sind vom sich selbst gegebenen Gesetz ins Gelass ihrer Mängel Eingeschlossene. Gelassenheit. Die Vorsilbe «Ge» und die Nachsilbe «heit» sind die ­Riegel an dem Gefängnis. Gelassenheit ist darum kein biblisches Wort. Wo es in der Bibel anklingt, beim Prediger Salomo etwa, hat es den Charakter eines Grenzsteins, der zum grös­sern Teil ausserhalb steht. Christlicher Glaube ist im Kern nicht Gelassenheit. Alles andere als Unerschütterlichkeit. Christlicher Glaube ist angefochten, weil er’s mit einem Angefochtenen zu tun hat. Im Zentrum biblischer Überlieferung steht ja doch der im höchsten Mass tangierte, von Häschern ergriffene, weil vor ­ihnen nicht davongerannte Mensch am Kreuz. Dessen letztes Wort ist der Schrei nach dem Gott, der nicht ­ungerührt auf seinem Himmelsthron sitzen bleiben, sondern sich erschüttern lassen und kommen soll, um zu helfen und zu retten. Nichts von dem unbewegten Beweger der Philosophen. Nichts auch von Buddha, der in jedem Fall die Ruhe selbst ist.

Was es heisst zu leben
Leben heisst Angerührtwerden. Wer als Verliebter gelassen bleibt, geniesst vielleicht, liebt aber nicht. Wer ob der täglichen Gräuel nicht geschüttelt wird, ist möglicherweise intelligent und dogmatisch sattelfest, hat aber kein Herz. Intelligente Herzlose nennt man Ideologen. Das sind die, die sich von nichts anrühren lassen. Angerührt werden hinterlässt freilich Spuren, häufig Narben. Die aber geben einem alten Gesicht Charakter und eigenartige Schönheit, aus der Lebenserfahrung spricht, erlittene und geschenkte. Ein altes Rührmichnichtan hingegen gleicht gern einer Vogelscheuche. Wer nie tüchtig den Kopf anschlug, weil er ihn immer einzog, droht als Kindskopf aus dieser Welt zu gehen. Natürlich soll ich mich nicht von jeder Bagatelle ins Bockshorn jagen lassen. Eifernde Alte werden schnell lächerlich. Aber die Maxime «Das geht mich nichts mehr an» ist statt gepriesener Gelassenheit meistens bloss egoistische Feigheit. Sich anrühren zu lassen, verzehrt Kraft, und es braucht Souveränität, ob Hanebüchenem würdig die Contenance zu verlieren. Quelle dazu, soweit sie mir zuteil wird, ist die Mitteilung, dass der Schöpfer aller Dinge selbst nicht unberührbar sei. Dass er sich ­vielmehr anrühren lasse, sich aufmache, um mich mitsamt seinem ganzen begonnenen Werk zu vollenden. ­Davon redete jener Nazarener.

 

  
   Ulrich Knellwolf

Dr. theol., geboren 1942, aufgewachsen in Zürich und Olten. Studium der evangelischen Theologie in Basel, Bonn und Zürich. Pfarrer in Urnäsch AR, Zollikon, an der Predigerkirche in Zürich und beim Diakoniewerk Neumünster im Zollikerberg. Zahlreiche erzählende und theologische Veröffentlichungen. Zuletzt «Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber», Stückwerk zu Gott und der Welt (2016) und «Rede, Christenmensch!». Wie den reformatorischen Kirchen die mündigen Christen abhandenkamen und dass die Predigt nur soll, was sie kann (2017). Er wohnt mit seiner Frau Elsbet im Zollikerberg.

 

Gastautor: 
Ulrich Knellwolf

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