14.09.2017 - SeniorIn

Was uns ein Tier­anwalt zu sagen hat

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Wir wissen es: Tiere können gerade für ältere Menschen erheblich zur Lebensqualität beitragen. ­Hunde geben zu regelmässigen Spaziergängen Anlass und damit zu Kontakten zu anderen Hunde­halterinnen und -haltern. Katzen können durch ihre eigene, manchmal eigensinnige Art erfreuen und Abwechslung bringen. Aber verhalte ich mich richtig dem Tier gegenüber? Der Tierrechtsanwalt Dr. Antoine Goetschel berichtet über den richtigen, seinen Umgang mit dem «Freund» Tier.
 

Eine aufmerksame Haltung Heimtieren gegenüber bringt es mit sich, dass viele, gerade im Alter, einen Perspektivenwechsel vornehmen. Sie fragen sich: wie ergeht es wohl meinem tierlichen Gegenüber wirklich? Überstülpe ich ihm meine eigene Weltsicht, und vermenschliche ich mein Heimtier? Oder nehme ich die Bedürfnisse des Tieres auch wahr, kann ich sie «lesen» und schenke ich dem im Tier von Natur aus Angelegten höchstmögliche Beachtung? Seit über dreissig Jahren bin ich im Bereich des Schutzes von Tieren besonders durch das Recht tätig, fühle ich mich besonders von eben diesen Bedürfnissen der Tiere angesprochen und erlaube mir, in diesem Bericht Sie als Leserin und Leser ein Wegstück mit dem «tierlichen Blick» zu begleiten.

Das Tier im Heim

Mancher Tierschutzfall, den ich als offizieller Tier­anwalt begleitete – rund 180 Fälle pro Jahr – betraf Hunde, denen gerade auch betagte Menschen zu wenig Auslauf gewährten oder es an der Pflicht der angemessenen tierärztlichen Betreuung ermangeln liessen. Heikle Fälle betrafen die Renitenz, dem eigentlich todkranken Tier die Gnade der Euthanasie zuteilwerden zu lassen. So verständlich eine Haltung aus der Sicht der Tierhaltenden auch ist, weil die Euthanasie des ­eigenen Tieres die Endlichkeit von uns Menschen direkt vor Augen führt: das Tier in unserer Verantwortung hat einen – auch gesetzlichen – Anspruch auf ein würdiges Leben und ein würdiges Sterben.

Auch beim Zusammenleben mit Tieren im Altersheim ist auf eine dem Tier gerechte Haltung zu achten. So mögen früher an Auslauf gewöhnte Katzen nicht von einem Tag auf den anderen drinnen gehalten werden. Tiere sind in ihrer Rolle als Gefährten, etwa auch von anderen Bewohnern, in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht zu überfordern. Wie bereitet es doch Freude, als Halter des Tieres bewusst und lustvoll das eigene Tier wirklich verstehen zu wollen, sich mit der Fach­literatur und den öffentlichen Diskussionen zu befassen – die häufig gar viel Zeit den Fähigkeiten und Fertigkeiten des Tieres widmen.

Wald statt Zoo

Der Zoologische Garten ist doch stets einen ­Besuch wert, meinen viele gerade auch ältere Tierfreundinnen und Tierfreunde. Doch die Tiere sind auch dort, wenn wir den Zoo wieder verlassen haben. Ihre ureigenen Bedürfnisse nach Reproduktion, nach langen und ­packenden Streifzügen, nach Sozialkontakten mit ähnlichen Tieren, wie in der freien Wildbahn, haben sie sich abzuschminken. Sind Spaziergänge im Wald, vielleicht gerade zur Unzeit, wo einheimische Wildtiere gesichtet werden können, nicht ansprechender, spannender?

Gesundheit stärken anstatt Krankheit bekämpfen

Ich habe mir vor vielen Jahren schon zum Leitsatz gemacht, die Gesundheit zu stärken, anstatt die Krankheit zu «bekämpfen». Aber: Was hat das denn mit ­Tieren auf sich? Viele Medikamente und Behandlungsmethoden aus dem Bereich der Schulmedizin sind ­allesamt am Tier entwickelt und getestet worden. Hingegen scheint mir als Tierfreund nicht zuträglich zu sein, «Ja» zum Produkt und «Nein» (oder wenigstens «Ja, aber») zur Produktion zu sagen. So bin ich in den letzten Jahrzehnten in der glücklichen Lage auf schulmedizinische Produkte verzichten zu können. Und ­damit einen kleinen zumindest symbolischen Beitrag zur Verringerung des Leidens von Versuchstieren in der Schweiz und im Ausland geleistet zu haben.

… und im Ausland …

Ja, in der Schweiz geht es den Tieren ja gut, aber im Ausland: stets begleitet mich dieses Credo in Gesprächen. Weshalb ich mich mit meinem neuen Global Animal Law GAL Projekt der Besserstellung des Tieres im Recht gerade auch im Ausland widme und mich am Weiterentwickeln auch in der Schweiz beteilige. Eine Art Bringschuld von uns in der Schweiz, welche wir uns einen hoch stehenden Tierschutz leisten können, sehe ich allemal.

Hinweis: Antoine F. Goetschel: «Tiere klagen an», S. Fischer-Verlag, 2. Auflage, 2015

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