Auf meine Bitte um ein Interview erinnert mich Bea Schilling in bedächtigem Berner Dialekt, ich sollte etwas langsamer sprechen, das dürfe man im Alter. Sie lädt mich ein, mit ihr einen Tee zu trinken, in ihrer Wohnung hinter dem Tierpark Langenberg, an der Grenze des Agglomerationsgürtels der Stadt Zürich.
(BP) Bea Schilling, ich habe mich kürzlich über die nackte Karikatur einer älteren Politikerin geärgert. Ich hätte sie vor unbefugten Blicken schützen und verhüllen wollen. Sie aber gehen in die Offensive, fotografieren ihren alt gewordenen Körper und stellen die Bilder aus. Wieso?
Bea Schilling: Im Leben ist selten ganz sicher, was richtig ist oder „wo Gott hockt“. Ich habe das gern. Ich mag es, wenn man seine Position finden muss und wenn die dann für eine Weile stimmt. Später kann eine innere Entwicklung oder ein Anstoss von aussen kommen, und man muss überlegen: „Wie stelle ich mich jetzt neu darauf ein?“
Bild: Bea Schilling vor dem Bild "Entwurf Kirchenfenster" anlässlich der Vernissage ihrer Ausstellung "Mein Körper - eine Feldforschung" auf Boldern.
(Foto Lisa Stamm)
Was gab den Anstoss, dass Sie sich mit Ihrem Körper befassen wollten?
Zum einen meine Pensionierung, das Gefühl, dass ich damit nochmals einen Freiraum bekomme - die Pflicht ist vorbei, jetzt kommt die Kür.
Im weitern habe ich eine sehr intensive Psychotherapie gemacht, drei Jahre lang, happig und nicht die erste in meinem Leben. Es ging um die Versöhnung mit meiner eigenen Kindheit. Ich brachte das früher nicht zustande. Es gab in meiner Jugend schwere Brocken, ein sehr prüdes Elternhaus, einen Inzest, faule Kompromisse. Mit der Pensionierung wurde mir das Aufarbeiten zum Bedürfnis. Gegen Ende der Therapie überkam mich eine grosse Leichtigkeit und das Gefühl, meinen Körper gefunden zu haben. Ich bekam Lust, mich auf meinen Körper einzulassen und ihm, im Sinne einer Hommage, auch einmal wohlwollend „Hoi, wie geht es dir?“ zu sagen.
Ich habe viel mit meinem Körper gearbeitet in meinem Leben. Ich war Schweizer Meisterin im OL, bin zu Fuss von Katmandu an die chinesische Grenze marschiert, habe acht Jahre lang als Alpkäserin gearbeitet, war sehr sportlich. Mein Körper hat immer mitgemacht, hat funktioniert. Jetzt wird er müde, ist nicht mehr so attraktiv. Ich bringe es kaum mehr höher hinauf als 2500 m, kann keine 10 Stunden mehr gehen, meine Füsse wollen nicht mehr. Und doch – mein Körper hat mich während 65 Jahren getragen. „Sieh mal nach, was mit ihm los ist, ob es ihm gut geht, ob er dir gefällt, ob du gerne Frau bist“, fragte ich mich.
Wie sind die Bilder entstanden?
Ich habe eine kleine, leichte Digitalkamera gekauft, mich auf meine Bettkante gesetzt, die Leintücher glatt gestrichen und fotografiert - zuerst scheu meine Knie, mit Herzklopfen, wie ein Teenager. Ich fotografierte weiter, lud die Bilder auf den Computer, besah sie mir, wurde traurig, fotografierte meine Trauer. Dann kam die Wut über so viele verpasste Lebensjahre: Ich fotografierte meine Wut. Ich wollte vor allem meine Gefühle würdigen. Die Bilder läpperten sich im Computer zusammen, überstiegen die 100er, die 200er Grenze. Dann kamen die Freude und der Übermut. Ich plante, Bilder zu löschen, bekam mittlerweise Freude am Computer, begann - statt zu löschen - die Bilder zu bearbeiten. Bald überschritt ich die 1000er Grenze. Das dauerte wohl sechs Wochen, dann hörte das Fieber auf.
Bild: Die Insignien der Macht und der Schönheit ablegen.
Nun hatte ich meine Ernte im Computer eingefahren, und ich wollte sie jemandem zeigen. Der Erste lachte über meine Werke. Darauf leckte ich während drei Monaten meine Wunden, dann besah ich die Bilder von Neuem.
Fotografiert habe ich im Herbst 2008. 2009 reifte die Arbeit. Ich spürte, dass ich es ernst meinte, wollte eine gewisse Verbindlichkeit schaffen, zu meinen Bilden stehen und auch ein gewisses Feedback bekommen. Ich meldete mich bei Stadtrat Neukomm, bezog mich auf persönliche Beziehungen und auf das Projekt „alt und jung“ der Stadt, ging weiter zur Präsidialabteilung. Nach einigen Absagen fand ich den Zugang zu Boldern. Das Evangelische Tagungs- und Studienzentrum feierte gerade sein 60-jähriges Jubiläum und bot mir 2010 eine Zusammenarbeit an.
Boldern hat sich in diesen 60 Jahren weiter entwickelt, in feministischer Theologie mit Marga Bührig und Reinhild Traitler, mit starkem ökumenischem Aspekt und als Alterskompetenzzentrum.
Wollen Sie ein neues Frauenbild schaffen?
Ich bin in einem Alter, in welchem ich die Überzeugung verloren habe, dass ich die Welt revolutionieren kann. Doch habe ich den Mut gefunden zu sagen: Andere machen das anders, ich mache das so. Aus meinen Bildern ist auch zu lesen, dass ich mich darnach sehne, eine seelisch-geistige Heimat zu finden, auch über meinen Frauenkörper. Erstaunlicherweise landete ich während meiner Arbeit geradewegs in alten matriarchalen Geschichten. Dass in der Fraumünsterkirche in Zürich auf den Chagall-Fenstern 33 Männer und nur drei Frauen portraitiert sind, begann mich zu ärgern.
Ich habe meine Foto-Ausstellung „Mein Körper – eine Feldforschung mit der Methode des teilnehmenden Beobachtens“ genannt. Ich suche mit meinen Bildern nach Anregungen und Schwingungen, die mir gut tun, nach einer Seelennahrung, die mir in den nächsten 20 bis 25 Jahren einen Gehalt gibt, der über die Grundbedürfnisse von Essen, Trinken und Zeitung lesen hinaus geht.
Bild: Gefühle zeigen - auch Wut und Protest
Sind Sie Feministin?
Ich habe mich nie als Feministin gesehen, doch wurde ich hinein gezogen in einen riesigen Protest sowohl gegen das Patriarchat als auch gegen den Kapitalismus. Wenn wir die alten matriarchalischen Weisheiten abwürgen, berauben wir uns eines Kapitals, das unserer Welt bitter nottut. Durch meine Arbeit habe ich ein neues Selbstbewusstsein gewonnen. Es sind nicht nur die Wachstumsorientierten, welche die Zukunft gestalten. Wichtig sind viel mehr die Menschen, die wissen, dass das Leben ein Kreislauf ist und keine Mondrakete.
In meiner Arbeit bestärkt wurde ich durch Hanna Gagel, die in ihrem Buch „So viel Energie - Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“ über das grosse Potenzial schreibt, das in Frauen über 50 aufgebrochen ist.
Sie zeigen in der Ausstellung ihre ersten Arbeiten im Bereich von Fotografie und Bildbearbeitung. In den letzten Jahren haben Sie Erzählungen publiziert. Wo liegen Ihre weiteren Pläne?
Noch sind meine Fähigkeiten bei den Bildern an einem kleinen Ort. Ich wünschte mir, mein Wissen zu erweitern, etwa mit zwei Semestern Kunstakademie für digitale Bildbearbeitung.
Ich schreibe seit 20 Jahren, könnte mir auch vorstellen, einen Bildband mit Text zu veröffentlichen, sofern sich dafür ein Verleger fände.
Wird es weitere Ausstellungen geben?
Ich habe keine PR-Agentur. Ich habe mich in Wiesbaden und im Frauenmuseum im Bregenzerwald beworben. Weitere Ausstellungen würden mich freuen. Es eilt nicht.
Links:
Vernissage der Foto-Ausstellung im Tagungszentrum Boldern
Im Zusammenhang mit der Foto-Ausstellung "Mein Körper" lädt Boldern ein zu einem Kurs
Mit anderen Augen – alt werden im eigenen Körper“ 12./13. März 2010
Bea Schilling
wurde 1944 in Biel geboren. Sie studierte in Zürich Forstwirtschaft und arbeitete freiberuflich in Wald-, Land- und Alpwirtschaft. Als Schriftstellerin schrieb und veröffentlichte sie drei belletristische Bücher. Neu befasst sie sich mit Fotografie und Bildbearbeitung.