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Vie

Tiere als Partner

Tiere als Partner

Tiere wurden lange Zeit nur als „Sachen“ angesehen.
Auteur: 
Prof. Dr. phil. Helmut Bachmaier

Tiere wurden lange Zeit nur als „Sachen“ angesehen und entsprechend behandelt. Heute betrachten wir sie als Partner des Menschen. Die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier ist seit der Frühgeschichte und durch Mythen und Erzählungen belegt. Immer gehören die Tiere zur sozialen Ordnung des Menschen und zu seinem Bild der Schöpfung oder des Kosmos. Ganze Gesellschaftsformationen wie die der Jäger oder der Bauern sind ein Niederschlag dieser Beziehung. Der Anthropomorphismus hat Tiere vermenschlicht und ihnen Charaktereigenschaften des Menschen zugesprochen. Märchen verwischen oft die Grenze zwischen Mensch und Tier und sind als frühe Zeugnisse Ausdruck des Ineinanderfliessens und der stammesgeschichtlichen Nähe beider Lebewesen. Die Fabeln haben ausserdem den Tieren oft eine Weisheit in den Mund gelegt, die Menschen manchmal fehlt.

Herrschaft über Tiere

Im Alten Testament, in der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1), wird die Erschaffung des Tierreichs durch Gott am fünften Tag vollbracht. Am sechsten Tag wird der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen und mit folgendem Auftrag versehen:

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Durch diesen Passus der Genesis wurde der Zweck der Tierwelt lediglich darauf reduziert, dass der Mensch über die Tiere herrschen soll, die ihm zur Nahrung dienen. Zwar waren sie mit ihm im Paradies, jedoch haben Tiere – ausgenommen die Schlange – keinen Anteil am Sündenfall. Dennoch entsteht der Eindruck, dass Tiere die eigentlichen Opfer geworden sind. Das Verfügungsrecht des Menschen über alle Kreaturen wurde aus dem göttlichen Auftrag direkt abgeleitet.

Orpheus

Ein durchaus freundliches Bild begegnet uns im griechischen Mythos um den Sänger Orpheus. Dieser stimmt seinen Gesang an, oder er spielt auf seinem Instrument sanfte Töne, so dass die Tiere aus allen Himmelsrichtungen zu ihm kommen, um der Musik zu lauschen. Tiere, die sonst einander Feind sind, legen alle Aggressionen und Beuteinstinkte ab und stehen friedlich zusammen. Der Wohlklang der Musik verwandelt die Tierwelt und schafft eine Gemeinschaft mit dem Menschen wie sonst nur die „Vogelpredigt“ des Franz von Assisi.

Keine Sache

Tiere werden auch heute noch oft lediglich als Sache und uneingeschränktes Eigentum eines Tierhalters betrachtet. Diese können in manchen Staaten relativ frei über ein Lebewesen verfügen, ohne dass Sanktionen zu befürchten sind. Durch die Tierschutzbewegung hat sich – zumindest in den Köpfen - vieles verändert. Zunehmend wird der Grundsatz anerkannt, dass Tiere als „Mitgeschöpfe“ zu betrachten sind, für die wir eine Schutz- und Sorgfaltspflicht haben. Insofern müssen wir vor allem verhindern, dass Tieren Schmerzen zugefügt werden und dass sie leiden. Während wir Menschen lernen können, mit einem Schmerz umzugehen – wir wissen, dass es Aspirin gibt und den Arzt -, sind Tiere dem Leiden direkt ausgeliefert, ohne eine „Bewältigungsstrategie“ zu kennen. Darum sind alle Formen von rituellen Tieropfern, von Hunde- und Stierkämpfen oder gar qualvolle Tiertransporte ein Skandal unserer Zivilisation. Unser Umgang mit Tieren lässt Rückschlüsse auf unseren Umgang mit Menschen zu.

Tiere im Alter

Tiere können uns als Freunde und Partner viel bedeuten. Sie geben uns häufig das Gefühl einer engen emotionalen Bindung: Sie wenden sich nicht von uns ab, sie spenden Trost in Krisensituationen, sie sind Helfer bei Trauerbewältigungen, sie stellen eine Kontaktbrücke zu anderen Menschen dar. Tiere verhindern Vereinsamung und Isolation und tragen zur Strukturierung des Alltags bei: Füttern, Ausführen usw. sind feste Bestandteile im Tagesverlauf. Nicht zuletzt nehmen sie uns in die Verantwortung, für sie schonend, artgerecht und liebevoll zu sorgen. Dafür spenden sie uns das Glück einer guten Freundschaft.

Nachweislich tragen Tiere gerade im Alter zu Wohlbefinden und zur Stärkung von Seele und Körper bei. Die Nähe eines Tieres als Begleiter des Menschen fördert dessen Mobilität und Lebenszuwendung. Ausserdem gilt es als gesichert, dass Tierhalter eine um bis zu ca. 7 Jahre höhere Lebenserwartung haben. Es kann eine schöne Aufgabe für ältere (und jüngere) Menschen sein, sich um Tierpartnerschaften zu kümmern, etwa Tiere in einem Tierheim regelmässig zu besuchen, auszuführen, zu betreuen.

Tierhaltung wird in Alterseinrichtungen heute zunehmend gewährt. Die Versorgung der Tiere wird – wenn nötig - vom Personal übernommen. Und auch im Todesfalle wird die Fürsorge für die zurückbleibenden Tiere gewährleistet: Tiere gelten uns als wichtige Partner des Menschen.

Lesen Sie den Artikel in ganzer Länge auf SenLine, der Online-Zeitung der TERTIANUM-Stiftung.