Es beginnt mit dem Einbruch der Eiszeit im August. Zentrum der fast leer geräumten Bühne ist ein lächerliches, qualmendes Cheminée, um das sich alle zitternd scharen. Das Heizmaterial geht aus und mit ihm schwindet die Hoffnung der Familie Antrobus, dass es sich hier nur um ein kurzfristiges Phänomen des Wetterglücks handle. Und in der sich ausbreitenden Kälte stehen die Werte der heilen Familie – Elternpaar, 2 Kinder – auf dem Prüfstand. Die Konstellation hatten wir doch schon mal: Adam und Eva und ihre beiden Söhne, Urbild der Familie. Aber bei denen lief es ja, wie wir wissen, schief – es blieb nur ein Sohn, noch dazu der schlechtere, übrig.
Thornton Wilder aber - auch schon ein „Klassiker der Moderne“, Amerikaner aus Wisconsin, 1897 geboren – stellt die Familie nicht nur als Archetypus dar, sondern auch als jene planetare Konstellation, die alles, einfach alles überlebt: Nach der hereinbrechenden Eiszeit, welche auch die süssen kleinen Thyrrannosaurus im Antrobus’schen Haus dahinrafft, übersteht die Familie nicht nur die Sintflut, sondern auch geschichtliche Zusammenbrüche jeglicher Art. Und in der Basler Fassung, welche den dritten Akt im amerikanischen Einkaufsparadies ansiedelt, überleben sie, nur leicht angeschlagen, auch diese Hölle. Beim dritten Akt befinden wir uns allerdings nicht mehr im Wilder’schen Text, sondern in einer Fassung der österreichischen, Weltuntergangs-erprobten Autorin Kathrin Röggla. In Absprache mit den Wilder-Erben und dem S. Fischer Verlag wurde der - im Original nach dem zweiten Weltkrieg spielende - dritte Akt von Röggla in die Jetztzeit versetzt.
Für das nicht vorbereitete Publikum ist die plötzlich veränderte Sprache der „Katastrophen-Dramatikerin“ (Programmheft) Kathrin Röggla aber leider kein Schock, sondern versetzt es in leicht gelangweilte, die innere Beteiligung rasch abflauen lassende Ermüdung. Zuviel Katastrophe verträgt der Mensch offenbar nicht. Man ist zuerst natürlich geneigt, das Nachlassen der Sprachqualität dem Autor Thornton Wilder anzulasten. Man überlegt, ob Wilder eventuell unentschlossen gewesen sei, wie er das Stück enden solle, und jetzt und hier sei es von der Dramaturgie verkrampft auf aktuell getrimmt worden. Die Aufklärung per Programmheft über die wahre Urheberschaft dieses von Tsunamirauschen und anderen donnerndenToneffekten überladenen Aktes ruft dann nur einen „Aha“-Effekt hervor. Dies zum dritten Akt.
Die beiden ersten Akte jedoch sind nicht nur grosse Literatur, sondern liefern auch die Vorführung hinreissenden schauspielerischen Könnens des gesamten Ensembles, das von der deutschen Regisseurin Amélie Niermeyer temporeich, intelligent und witzig geführt wird. Die auch vom Film her bekannte Mavie Hörbiger gibt das verwandlungsfähige Dienstmädchen Sabine, die eigentliche und zwischendurch kommentierende Hauptrolle, mit umwerfender, aber nie aufdringlicher Komik angesichts des drohenden Weltunterganges – eine perfekte Umsetzung des Wilder’schen Kosmos zwischen Anzüglichkeit und Ausgeliefertheit. Ihr gegenüber steht in ganzer Pracht und Fülle Christiane Rossbach als leicht hysterische Hausfrau und Mutter, die schlussendlich trotz allem unbeirrt über alles Ungemach obsiegt und ihre ramponierte Familie wieder zusammentrommelt, um in einer ungewissen Zukunft weiterwursteln zu können.
Der Herr und Meister des Hauses, Erfinder aller zivilisatorischen Errungenschaften vom Rad bis zum Alphabet, Herr Antrobus (griech.: Mensch), wird von Andrea Bettini als in Wirklichkeit realitätsfremdes, dauernd in der Welt seiner Erfindungen lebendes Familienoberhaupt vorgeführt, die unfreiwillige Komik dieser Figur, die auch Wilder selbst auf der Bühne dargestellt hatte, wunderbar herausarbeitend. Auch die nicht immer einfachen, anspruchsvollen Rollen der beiden Kinder sowie einzelne Kabinettstückchen von Nebenrollen wurden sorgfältig besetzt.
Man verlässt das Theater mit der sich wieder mal bestätigenden Erkenntnis: „Wir lachen so lange, bis wir selber dran sind“. Und geht nach diesem umwerfenden und bejubelten Theaterabend denn auch lachend nach Hause. Denn schliesslich befinden wir uns immer noch mitten im Tanz auf dem Vulkan und niemand weiss, wann der aufhört.
Nächste Vorstellungen: 1., 2., 6., 8., 12., 14., 15., 17. Februar
Foto: Thornton Wilder als Mr. Antrobus, 1942www.de.wikipedia.org/wiki/Thornton_Wilder
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