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Wolke 9 Drucken E-Mail Vorlesen
Autor: Fritz Vollenweider   
Donnerstag, 2. Oktober 2008

Liebe und Sex im Alter – ein Tabuthema? Wie viel Beglückendes, aber auch welchen Aufruhr der Gefühle (sei’s bei Jung oder Alt) das auslöst, bewegt die Zuschauenden. Am 4. Oktober ist der Film am Zürich Film Festival 2008, ab 9. Oktober in den Kinos zu sehen

 


Eine „alte Geschichte“

„Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Dies hat einen andern erwählt; ...

.......

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.“

So schreibt Heinrich Heine.

Hier ist es die über 60-jährige Inge, die nicht weiss, wie ihr geschieht. Seit rund dreissig Jahren glücklich verheiratet mit einem guten, vernünftigen Mann, mit Tochter und Enkeln, nebenberuflich tätig – warum fühlt sie sich so mächtig vom zufälligen Bekannten Karl, annähernd 80-jährig, in den Bann gezogen, dass sie – hilflos – einfach nicht anders kann...?

Behutsam, einfühlend und konsequent erzählt

Beglückendes, Beschwingtes, Aufwühlendes einer Liebe in der Jugend umschreibt man mit „Schmetterlingen im Bauch“. Was macht den Unterschied zwischen „Erster Liebe“ und „Letzter Liebe“ aus? Das ist ein Hauptthema des Films. Auch Liebe und Sexualität sind in der Aufbruchzeit nicht dasselbe wie in der mutmasslichen Endzeit des Lebens. Der Unterschied besteht darin, dass Vernunft und Furcht vor Familie und Gesellschaft die Betroffenen im Alter vielleicht daran hindern mag, diesen „Schmetterlingen...“ kompromisslos zu folgen. Inge und Karl tun es, weil es sie machtvoll packt. Für Inges Familie, vor allem für Ehemann Werner, sind die Folgen unbegreiflich – und letztlich tragisch, erschütternd. Andreas Dresen dazu:

 

 

Andreas Dresen, Filmautor

„Denn es macht ja sehr wohl einen Unterschied, ob man mit 40 jemanden verlässt oder ob man das nach 30 Jahren Ehe mit 70 tut. In unserem Fall hat das viel drastischere Konsequenzen für die Betroffenen, weil sie viel mehr gelebtes Leben mit sich herumschleppen. Da hat man nicht mehr unbedingt das Selbstbewusstsein, sich noch einmal auf etwas einzulassen oder überhaupt noch mal jemanden zu finden – denn so viel Zeit bleibt einem ja nicht mehr.“ 

 Enge Räume – weite Blütenfelder

Die Filmsprache von Regisseur Andreas Dresen und die Darstellungskunst der Hauptdarsteller Ursula Werner (Inge), Horst Rehberg (Ehemann Werner) und Horst Westphal (Karl) vereinigen sich zu einer Leistung, zu welcher spürbar alle übrigen Mitwirkenden – bis zu Kamera, Technik, Kostüm, Requisite – einen ebenbürtigen Anteil beitragen. Ein paar filmische Höhepunkte fallen auf, die nicht zufällig sein dürften. Da ist zum einen die Wohnung Werners und Inges. Er lebt in seinem Arbeitszimmer, beschäftigt sich noch immer mit Themen aus seiner Berufszeit als Studienrat und daneben mit seinem Hobby. Sie sieht man im Gang, in ihrem Arbeitszimmer, wo sie Änderungsarbeiten an Kleidern für Kunden ausführt, und in der Küche. Da steht auch der gemeinsame Tisch für Essen und Gespräche. Die Kamera führt den Blick meistens zwischen Türpfosten in die Räume, vor allem in die Küche. Das weckt das Gefühl von Enge, von Alltäglichkeit, ein kleines Bisschen auch von Tristesse und Verlorenheit.

 

 

Die Räume von Karl, wo sich die Liebenden treffen, erscheinen filmsprachlich eher weniger bedeutend; hier füllen die Liebenden meistens das Bild. Und draussen rufen Licht und Blumen, Wasser und Bäume. Unvergesslich die beiden Radelnden hinter einem weiten blütenroten Feld; locker, verspielt und auf gewisse Art wärmend die Szene am See, die Beiden im Wasser oder am Ufer. Selbst wenn hier wieder die Hilflosigkeit gegenüber dem Brennenden dieser Beziehung aufscheint. Raum zum Atmen, Raum für die Liebe!

Spontan und unverkrampft

Geschmackvolle erotische Szenen sieht man nicht immer in modernen Filmen. Und wo sexuelle Handlungen gezeigt werden, ist die Grenze zu krudem Voyeurismus oft rasch überschritten. Hut ab vor solchen Szenen in diesem Film! Sie sind dezent, natürlich, unverkrampft und in Erzählung wie filmischer Ausdruckskraft nie Selbstzweck. Wer die Entstehungsgeschichte von „Wolke 9“ vernommen hat, weiss, dass der Regisseur mit den Darstellenden aufgrund eines strengen Handlungskonzepts frei improvisierend die Handlung, die Dialoge, die Mimik und die Bewegungen entwickelt hat. Das mag Hauptursache sein für Frische und Lebensnähe des Films einerseits, andererseits für alles Berührende und Erschütternde, das man miterlebt.

Bilder: Mediendokumentation "Wolke 9" 

Filmcoopi.ch verlost unter den Seniorweb-Besucherinnen und Besuchern 10 x 2 Kinoeintritte.

Links

Filmcooperative Zürich Wolke 9

Wolke 9

Zürich Film Festival 2008





  Kommentare (2)
RSS Kommentare
 1 Geschrieben von: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können , am 05.10.2008 12:04
Einfühlsam nachempfunden und ausgezeichnet geschrieben, diese Vorschau auf den Film.
 2 Wolke 9
Geschrieben von: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können , am 21.10.2008 13:18
Ein sehr einfühlsamer, lebensnaher Film. Aesthetische Aufnahmen und eine lebensnahe Geschichte. Beeindruckt hat mich auch die Natürlichkeit der Schauspieler. Und - der Film hat mir bestätigt, dass Verliebtsein und Leidenschaft IMMER ein Thema bleibt. Ich bin erst 52 Jahre alt und gehe nach diesem Film wieder eine Spur gelassener in den neuen Lebensabschnitt.

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