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Tempo libero

Brauchen wir überhaupt noch einen Hund?

Brauchen wir überhaupt noch einen Hund?

Mein Ältester schleppt alles an, Hauptsache es fleucht, fliegt, keucht, kriecht, watschelt oder humpelt. Es darf natürlich auch schwimmen.

 

Als er noch klein war, begnügte er sich mit Spinnen oder Schnecken, Grashüpfer und Blindschleichen, manchmal auch eine kleine Natter. Alles genügsame Tiere, die mich im Grossen und Ganzen nicht viel kosteten, ausser ab und zu ein bisschen Nerven und Unmut, vorallem, wenn sie in meinem Bett warm gehalten werden mussten. So kleine Tierchen frieren eben schnell. Später kamen dann Wellensittiche, Katzen und ein Hund dazu. Leila, unsere Bergamasker-Berner-Sennenhündin ist jetzt schon acht Jahre alt. 

Seit meine beiden Söhne keine Mutter mehr haben und ich als alleinerziehender Vater folglich auch keine Frau mehr, verwöhnen mich die Zwei mit Tieren. Nach dem menschen- und tierfreundlichen Motto: Man muss den alten Herrn beschäftigen, sonst kommt er noch auf dumme Gedanken. 

Kürzlich brachte Marcel einen süssen, kleinen Seeigel vom Strand nach Hause. Als Transportmittel funktionierte er seine Taucherbrille um. Da lag er nun drin und schaute uns irgendwie vorwurfsvoll an. Zugegeben, eine Taucherbrille ist nun mal nicht das geeignete oder gar optimale Zuhause für so ein niedliches Tierchen. Wir brauchten also dringendst ein Aquarium.Zum Glück gibt es Zoo-Geschäfte und Zoo-Geschäfte führen in den meisten Fällen Aquarien. Ich also nichts wie hin und eine Stunde später stellte sich bereits die Frage nach dem günstigsten Standort. 

Im Wohnzimmer steht bei uns eine schöne, alte Truhe. Sie war vielleicht sogar antik. Aber auf jeden Fall alt und ein Erbstück von meiner Grossmutter. Oma bewahrte darin ihre Schürzen auf. Sie hatte viele Schürzen, denn sie trug immer mehrere übereinander, eine Schürze schützte die andere vor Verschmutzung. Jetzt sind die Schürzen weg und die Truhe beherbergt meine alten Manuskripte, welche die diversen Verlage in den diversen Länder mir freundlicherweise wieder retourniert hatten. Es war der geeignete Platz für unser Aquarium. Es war auch der einzige freie Platz im Séjour. 

In aller Eile füllten wir mit einem kleinen Krug die 200 Liter Wasser ein. In der Küche fand ich noch ein Kilo Meersalz und streute es behutsam ins kühle Nass. Seeigel lieben nun einmal Meerwasser. Und dann kam der grosse Moment. Wir setzten den schon leicht ramponierten Meeresbewohner in sein neues Heim. Die Truhe gab noch einige ächzende Geräusche von sich, der Seeigel blieb stumm. Meine Manuskripte waren für alle Zeiten vor unbefugten Zugriffen geschützt, bewacht von einem Seeigel. 

Aber unser neuer Hausgenosse dankte uns unsere Fürsorge und Hingabe mitnichten. Schon nach kurzer Zeit streckte er alle Viere von sich und liess seine Stacheln schlaff herunterhängen. Da hatten wir nun ein Aquarium mit 200 Liter gesalzenem Trinkwasser und einem unansehnlichen schwarzen Etwas, das langsam aber sicher einen unangenehmen Geruch verbreitete. "Schmeiss ihn weg, der stinkt," meinte René. 

Marcel versuchte es mit Wiederbelebung. Er holte aus der Küche einen Trinkhalm und blies Luft ins Aquarium. Der einzige Erfolg war, dass es im Zimmer noch mehr stank. Mutig fasste ich ins salzige Nass und fischte den Undankbaren aus seinem ungeliebten Element. Das tote Tier dankte es mir, indem es noch ein paar von seinen schwarzen Stachelspitzen in meinen Fingern verankerte. Nach einer dreistündigen Operation war der Gestank im Wohnzimmer verflogen und meine Hand dreimal grösser. Ich setzte mich auf den Balkon und badete das rote, unförmige Etwas am unteren Ende meines Armes bis Mitternacht in Kamillentee. 

Am nächsten Morgen sah meine Hand wieder wie eine Hand aus und das Aquarium wie ein leeres Aquarium. Etwas unnütz thronte es auf der alten, vielleicht sogar antiken Truhe. So ein leerer Glaskasten lässt keine echte Stimmung aufkommen. Gottseidank gibt es bei uns ein Zoo-Geschäft, Zoo-Geschäfte verkaufen auch Fische. Nach einem reichlichen Frühstück und einer kleinen Gedenkminute an unseren verblichenen Meeresgast machten sich meine beiden Sprösslinge mit ihrem Erzeuger auf den Weg zum Herr der Fische.

"Guppy," sagte dieser, "Guppy sind die geeigneten Fische für Anfänger. Sie sind doch Anfänger?" Widerwillig musste ich dies zugeben. Der kleine Zwischenfall mit dem Seeigel machte mich noch nicht zum Profi-Aquarianer. Außerdem merkte ich, wie mich die Guppys skeptisch anschauten. Ich spürte förmlich ihr Misstrauen. Ich ignorierte die Guppys und kaufte vier Paare. (FF 80.--) Der freundliche Herr informierte mich, dass ich unbedingt noch eine Luftpumpe (FF 280.--), einen Filter (FF 350.--) einen Zeitschalter und eine Beleuchtung (FF 480.--) brauche. Damit sich die Kleinen auch wohl fühlen, braucht man noch Pflanzen (FF 120.--) und damit sich die Pflanzen wohl fühlen, braucht es speziellen Quarzsand (FF 50.--). Sehr wichtig ist auch das richtige Futter (Grosspackung FF 100.--).

Ich bezahlte und bekam noch eine kleine Broschüre geschenkt. Es war ein hübsches Heftchen, mit einem bunten Umschlag. Darauf konnte ich einen Saurier oder eine Eidechse erkennen. Der Titel war schlicht und ergreifend: Der Terrarien-Freund, über den Umgang mit Echsen und Leguanen. Schnell stopfte ich das Büchlein in den Plastic-Sack, den mir der freundliche Herr zum Abtransport meines Einkaufes gratis zur Verfügung stellte. Ich kenne meinen Ekel vor Leguanen und ich kenne meine Söhne. 

Zuhause angekommen, brauchten wir nur etwa vier Stunden um den Sand zu waschen, ihn ins Aquarium zu leeren, die Pflanzen einzusetzen, Heizung, Luftpumpe und Filter einzubauen, die Beleuchtung zu installieren und 200 Liter Wasser mit einem kleinen Krug ins Becken einzufüllen. Die Guppys hüpften aufgeregt in ihrem Wassersack und konnten es kaum erwarten, ihr neues Heim zu beziehen. Kaum im Aquarium waren sie auch schon weg. Das heisst, nicht richtig weg, sondern einfach nicht mehr da. Sie versteckten sich in den Pflanzen. Die Pflanzen waren ein wenig zu gross, das Aquarium war ein wenig zu gross und die Guppys waren ein wenig zu klein. Doch im Moment störte uns das nicht, wir waren müde und erschöpft. Am nächsten Morgen wagten sich die kleinen Lieblinge schon an die Frontscheibe und warteten auf ihr Futter. Sie waren immer noch ein wenig zu klein und das Aquarium immer noch ein wenig zu gross.

Da ich gestern nichts Produktives geleistet hatte, setzte ich mich auf den Balkon an meine Schreibmaschine und versuchte zu arbeiten. Meine beiden Erzeugnisse waren irgendwo am Strand, schwimmen oder surfen, oder was immer man auch am Wasser tun kann. Um zehn Uhr kam Georgette, der gute Geist unseres trauten Heims, sie kam also zu mir auf den Balkon und schüttelte den Kopf. Kopfschütteln und nichts sagen waren bei ihr ein Zeichen von Sturm. Sie deutete mit ihren roten Fingern nach drinnen und schüttelte wieder. Ich hegte unwillkürlich den berechtigten Verdacht , dass sie unser Aquarium entdeckt hatte.

Und sie gab mir sofort Recht: "Morgen werden sie stinken!" 

Damit meinte sie natürlich die Fische. Als leicht älter gewordene Meeres-Anwohnerin konnte sie Fische nicht ausstehen. Ihre Mutter stammte aus der Gegend von Rom und darum zog sie Spaghettis in jeder Art jeglichem Meeresgetier vor. Nicht einmal eine Seezunge an einer leichten Pernod-Rahmsauce, abgeschmeckt mit Dillspitzen und mit Crevetten garniert, konnte sie überzeugen. Nach nochmaligem Schütteln schwang sie ihren Putzlappen und, eine Staubwolke hinterlassend, entschwand sie im Innern meines Imperiums. 

Ich konzentrierte mich versuchsweise auf meine Arbeit. Himmlische Ruhe umgab mich, von der Strasse dröhnte der allmorgendliche Verkehrslärm und vom Strand hörte man das Gejohle und Gekreische der Badenden. Aber wie gesagt, am Himmel war es ruhig. Und in mir entdeckte ich eine Unruhe. Und je mehr es auf Mittag zu ging, desto unruhiger wurde ich. 

Punkt zwölf Uhr wurde meine Ungewissheit zur Gewissheit. Meine beiden Sohnemänner kamen zurück, strahlend und selbstzufrieden. Marcel trug unsere Angelrute und René einen Plastic-Eimer. Und in diesem schwammen fünf mittelgrosse Fische, Art und Gattung unbekannt. Zwei davon waren flach wie kleine Flundern, silbrig und mit gelben Querstreifen, die drei anderen ganz gewöhnlich und nur silbern. 

Sofort wurden sie als Gesellschafter zu den Guppys gegeben. Georgette war am Spaghetti kochen und musste so glücklicherweise den Mord an den Guppys nicht miterleben. Wobei Mord natürlich ein total falsch gewähltes Wort ist, die Guppys wurden nicht ermordet, sie wurden schlicht und einfach gefressen. 

Nun hatten wir ein Guppyfreies Aquarium mit fünf vollgefressenen Meerfischen. Am nächsten Morgen folgten auch diese fünf dem kleinen Seeigel. Und nach einer kurzen Trauerzeit kehrte wieder das normale Leben bei uns ein. Das Grünzeug im Aquarium gedeiht prächtig.

In letzter Zeit hatte ich oft den Eindruck, dass mein Grosser eine leicht neurotische, wenn nicht sogar schizophrene oder sonst irgendeine ungewisse Ader hat. Er sitzt lange vor dem phantastisch beleuchteten Aquarium uns schaut sich die sattgrünen Pflanzen an. Ein guter Bekannter verriet mir, dass Grünzeug im Aquarium ohne Fische viel besser gedeihen könne, da die zarten Pflanzen nicht dauernd von den Biestern abgeknabbert würden.

 

Marcel also betrachtete sich unseren kleinen Garten Eden und streute ab und zu etwas Fischfutter ins Wasser. "Bon appetit", sagte er laut und deutlich. Wir sprechen zuhause zwar deutsch, doch die Pflanzen kamen aus Frankreich.

Pflanzen hin oder her, ich werde der Psyche meines Sohnes zuliebe wieder ein paar Fische kaufen, oder ich kaufe ein neues Aquarium, nur mit Fischen, und dann verschenke ich beide an den Sohn unserer Georgette, die dann zwar schütteln wird, aber das nehme ich als verantwortungsbewusster Vater in Kauf. Vielleicht behalte ich auch beide Aquarien, René hat irgendwann, irgendwo gelesen, dass Aquarien die besten Luftbefeuchter wären. Im Sommer haben wir am Mittelmeer eine Luftfeuchtigkeit von 80 bis 85 Prozent. 

Nach einem heissen und feuchten Tag lag ich abends in meinem Bett und versuchte zu lesen. Die Luft klebte an meinem Körper und der Schweiss rann leise in meine Augen. Man muss ja nicht unbedingt lesen, das Licht lockt sowieso nur die Mücken an, man kann auch nur daliegen und sich seinen Gedanken hingeben. Also gab ich mich hin. 

Marcel und René waren noch ein bisschen spazieren gegangen. Spazierengehen heisst bei den Beiden Disco-Besuch oder Conti-Bar oder Treffen mit Mädchen am Strand. Kurz nach Mitternacht hörte ich ein Flüstern und Wispern aus dem Wohnzimmer. Das Wohnzimmer heisst bei uns Séjour und wir benutzen es darum auch Tag und Nacht. Und aus diesem Séjour kam nun gedämpftes Raunen, dann ein Pschscht, albernes Gekicher .....

Leila, unsere Bergamaskermischlingshündin, die normalerweise neben meinem Grand-Lit schläft, stand an der Schlafzimmertüre und wedelte. Und dann stand plötzlich Marcel im Zimmer: "Paps, du musst ins Wohnzimmer kommen, Du hast Besuch!" Ich suchte meinen Morgenmantel, um meine schweissfeuchte Blösse zu verdecken. Und dann begab ich mich ins Wohnzimmer. Bei dieser Hitze konnte man nicht gehen, man musste sich begeben. 

Im Séjour war es ziemlich duster, nur das Aquarium mit seinen albernen Pflanzen spendete ein diffuses Licht. Einen Besuch konnte ich nicht entdecken. René sass am Tisch und hatte seine Ichhabenichtsdamitzutun-Miene aufgesetzt. Ich schaltete das Deckenlicht ein und da sah ich die Bescherung. Unter dem Tisch schaute ein schwarzes, haariges Etwas hervor. 

Marcel ging direkt zum Angriff über: "Sie ist nicht rasserein und schon sehr alt der Vater war ein Pudel oder ein Schnauzer und die Mutter umgekehrt und sie ist schon sehr alt und sie wollen sie abtun und wenn sie auch nicht rasserein ist, so ist sie doch alt und weiss nicht mehr wohin sie heisst Cherry und ist ein Baster und wir werden allein für sie sorgen fressen tut sie nicht viel und Leila frisst ihren Topf sowieso nicht immer leer oder fast nicht immer und Du hast doch nichts dagegen?"

"Brauchen wir überhaupt noch einen Hund?" Es war zugegebenermassen ein schwacher Versuch, gegen meine Söhne anzukommen. Doch Marcel war gewappnet: "Nicht wir brauchen noch einen Hund, der Hund braucht uns, und wir wollen auch keine neuen Fische."  Ich bilde mir ein, in meinem Leben viel gelernt zu haben, eines habe ich nie gelernt. Ich lernte nie Nein zu sagen. 

Und so kam es, wie es kommen musste. Jetzt habe ich zwei Söhne und zwei Hunde. An Georgette mochte ich gar nicht denken. Ich wusste, was passieren würde. Und es passierte. Sie kam am nächsten Morgen relativ gut aufgelegt, sah das struppige Etwas und schüttelte. Die relativ gute Laune verflog, ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich sekundenschnell in Verachtung, ihre ganze Körperhaltung war ein einziger Vorwurf. Wir drei schauten sie zerknirscht an, unsere Augen flehten um Verständnis. René war der Mutigste: "Sie heisst Cherry!" Georgette drehte sich um und ging zu ihren Spaghettis. Unter der Türe knurrte sie: "Aber Gassigehen werde ich nicht mit ihm!" 

Cherry brachte viel Freude. Sie ist zwar schon alt, aber sie hat ein Temperament wie drei Junge. Sie zerbeisst Kissen, reisst Fetzen aus meiner Bettdecke und frisst für vier. Und sie macht viel Freude.

Es ist klar, wir brauchen noch einen Hund. 

 

Commenti

Ritratto di etna

[I]null[/I] Hallo Myltzli, Deine Hundegeschichte habe ich mit Genuss gelesen, sie ist so farbig geschildert, dass ich glaubte, mitten drin zu sein. Ich habe übrigens mit "Weiherli" graben etc. auch schon so meine Erfahrungen gemacht :roll , also mit Goldfischli, und mache sie jedes Jahr wieder, da ich nie weiss, was im Frühling alles im winzigen Weiherchen zu finden ist!

 Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)

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Informazioni

Articolo
16.03.2007 - 23:00

Attribuzione

Categoria
Tempo libero
Argomenti
erlebnis, reisen, tiere

Autore

Kurt Myltz

Voto

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