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22.10.2016 - Judith Stamm

„Der einarmige Auswanderer...“

Ein sehr berührendes Buch über die Suche nach einem Vorfahren in Argentinien legen uns die beiden Autoren Simon Geissbühler und Daniel Ryf vor. 

Am Anfang des Buches steht ein Eintrag im Familienstammbaum, den der Autor, Simon Geissbühler, immer wieder las, wenn er als Kind seine Grosseltern besuchte. „Ernst, geboren 1868, Farmer, Buenos Aires“ hiess es da. Und er nahm sich schon als Jugendlicher vor, der Geschichte von Ernst Geissbühler eines Tages nachzuspüren. Auf einer der letzten Seiten des Buches lesen wir, „dass sich Ernst schnell assimilierte, wurde sicher erleichtert durch die Tatsache, dass er erst 21 Jahre alt war, als er in Argentinien ankam, und dass er aufgrund seines relativ hohen Bildungsniveaus rasch Spanisch lernte. Zudem war er gezwungen, sich anzupassen, um draussen in der Pampa – weitab der Schweizer Kolonien – erfolgreich zu sein. Er war auf sich allein gestellt, niemand, ganz sicher nicht der Staat, hätte ihm geholfen“.

Geschichte eines einfachen Lebens

Wir können aufatmen, Simon Geissbühler hat seinen Ururgrossonkel gefunden! Und wir mit ihm. Denn wir werden durch das Buch hindurch gleichsam bei der Hand und auf die Suche mitgenommen. Diese beginnt am 28. November 2014. Einfach gestaltet sich das Unterfangen nicht. Aber Simon Geissbühler arbeitet in Bern im Eidgenössischen Departement für Auswärtiges (EDA). Und hat dort einen jüngeren Arbeitskollegen, Daniel Ryf, der ab Ende Januar 2015 in Argentinien eingesetzt ist. Das garantiert mindestens einen guten Start der Nachforschungen!

Simon Geissbühler macht klar, dass er nicht über das Leben eines wichtigen Schweizer Auswanderers schreibt. Nein, er erzählt „die Geschichte von einem einfachen Leben“. Er warnt uns auch: „Diese Geschichte von Ernst Geissbühler ist langsam. Sie ist die Dokumentation einer Suche....Es gibt keine Subito-Erfolge bei diesen Nachforschungen. Arber wer sich auf sie einlässt, dem tun sich neue Welten im Kleinen, neue Erfahrungen und neue Eindrücke auf.

Und genau so ist es. Das Buch ist originell aufgebaut. Es ist die Absicht der Autoren, das sich Herantasten an die Geschichte von Ernst Geissbühler möglichst authentisch darzustellen. So sind Passagen im Buch, die auf Fakten und Åussagen basieren, die durch Quellen, Literatur und Recherchen erschlossen wurden, in einer anderen Schrift gesetzt. Sie heben sich ab von den Auszügen aus den Tagebüchern, in denen die beiden Autoren die verschiedenen Schritte ihrer Erkundungen, hier in der Schweiz, drüben in Argentinien, dokumentieren.

Einwanderung Schritt für Schritt kennenlernen

Dank elektronischer Kommunikation ist die gleichzeitige Kenntnis des Standes der Abklärungen immer gewährleistet. Und es geht dabei, zum Teil im Internet, zum Teil in Archiven, um das Durchforsten von Immatrikulationsregistern der Schweizer Konsulate in Buenos Aires und in Rosario de Santa Fé, um Suche in Schiffspassagierlisten oder um das Durchsehen von Listen, die von Auswanderungsagenturen erstellt wurden. Und auf einer dieser Listen, ausgestellt Anfang Dezember 1889, über ein Schiff, das am 4. Dezember 1889 Le Havre in Richtung Buenos Aires verliess, steht ganz unten auf der Liste Ernst Geissbühler! Auf einer Fotografie festgehalten! Das Begleiten dieser Nachforschungen packt uns. Und wenn wir dann auf der Passagierliste des Schiffes Pampa, mit eigenen Augen lesen: Geissbühler Ernst, Bienne, so mutet uns das eigentümlich an: „Wir“ haben ihn gefunden, so lautet unser Gefühl.

So erleben wir die Einwanderung des Ernst Geissbühler in Argentinien Schritt für Schritt mit. Wir vernehmen, dass er sich verheiratete, dass er vier Kinder hatte. Dass er sich zuerst wohl mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, dann aber eine Kantine für Eisenbahnarbeiter und Bahnhofsangestellte führte, auch sein Vater hatte ja in der Schweiz bei der Eisenbahn gearbeitet. Und schliesslich gründete er eine eigene „Akademie“ und unterrichtete auf Spanisch Kinder, in „General Deheza“, der Kleinstadt, in der er sich, nach anderen Stationen, niedergelassen hatte. Wo er 1942 starb. Die meisten seiner Nachkommen blieben in Deheza.

Am Ziel, traurig und glücklich

Simon Geissbühler beschreibt, dass er Verwandte traf und das Grab von Ernst Geissbühler besuchte. Zusammen mit Daniel Ryf hatte er fast eineinhalb Jahre nach seinem Ururgrossonkel gesucht. Jetzt ist er am Ziel, traurig und glücklich zugleich. Er zitiert eine Aussage von Joseph Roth: „Wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir Tote haben“.                  

Es trifft übrigens zu, was im Titel des Buches steht: Ernst hatte als Kleinkind durch einen Unfall einen Arm verloren, er war der „einarmige Auswanderer“. Simon Geissbühler widmet diesem Umstand seine Aufmerksamkeit. Es gab zu jener Zeit Destinationsländer, die keine Behinderten aufnahmen. Auch für Argentinien gab es im 19. Jahrhundert solche Barrieren, die Ernst Geissbühler offenbar überwinden konnte. Wohl gerade wegen seiner Behinderung sei er voll Tatendrang gewesen, habe rasch Spanisch gelernt, eine Kantine geführt, ein Haus gekauft, so charakterisieren ihn die Autoren.

Die Geschichte über den „einarmigen Auswanderer“ ist so aufgebaut, dass wir am Schluss Ernst Geissbühler vor unseren inneren Augen haben. Nicht, weil er uns durch Fotografien im Buch vorgestellt wird. Nein, weil wir durch den langsamen Fluss der Erzählung Zeit und Musse haben, die reichen Informationen über sein Leben im damaligen Argentinien, über seine Familie und deren Nachkommen, mit wachsender Neugier aufzunehmen.

Dass uns die beiden Autoren auch immer wieder Einsicht in ihre aktuelle Befindlichkeit, in ihr Vorgehen, ihre Gedanken, Hoffnungen und Enttäuschungen auf ihrem hindernisreichen Weg geben, macht das Lesen dieses Buches zu einem aussergewöhnlich bereichernden Erlebnis.

Simon Geissbühler/Daniel Ryf: „Der einarmige Auswanderer. Eine Spurensuche vom Emmental nach Argentinien“. Verlag Neue Züricher Zeitung 2016.  ISBN 978-3-03810-197-0

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