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04.01.2017 - Judith Stamm

Auch an Tönen kann Blut kleben!

Dieser Gedanke kam mir spontan bei einigen musikalischen Erlebnissen am Übergang des Jahres. So rasch, wie er gekommen ist, so rasch möge er wieder verschwinden!

Zusammen mit einer Kollegin besuchte ich am Vorabend von Silvester im KKL Luzern ein wunderschönes Konzert mit Stücken, die für Trompete bearbeitet worden waren. Es ging vor allem um Kompositionen von Antonio Vivaldi. Die Solisten waren ein Russe, Sergei Nakariakov, geb. 77, und ein Ungare, Gabor Boldoczki geb. 76.

Das Publikum war begeistert von der Meisterschaft, mit der die beiden Künstler ihren Instrumenten Töne entlockten, die zu Herzen gingen! Und plötzlich hörte ich mich zwischen zwei Stücken zu meiner Kollegin sagen: „Vor Hunderten von Jahren haben sich die Soldaten auf den Schlachtfeldern an den Trompetentönen orientiert“. Ich hatte einmal eine entsprechende dramatische Schilderung gelesen. Sie schaute mich verständnislos an. Der Gedanke war ihr zu abwegig. „Ja, die Trompete ist ein wirklich vielseitiges Instrument“, rettete ich mich.

Neujahrstag: Konzert der Wiener Philharmoniker. Dieses Jahr mit dem jungen Dirigenten aus Venezuela, Gustavo Dudamel, geb. 81. Wenn immer möglich reserviere ich mir die Zeit, um die Live-Übertragung dieses Konzertes mitzuerleben. Jahrelang wartete ich mit Spannung auf den Höhepunkt am Schluss, den Radetzkymarsch. Ich war vor allem gespannt darauf, wie die verschiedenen Dirigenten mit der unbändigen Lust des Publikums, zur Musik im Takt zu klatschen, umgingen.

Bis ich eines Tages etwas in die Tiefe ging, mich kundig machte, wer Radetzky gewesen war und warum ihm dieser auch heute noch populäre Marsch gewidmet worden war. Radetzky war ein in vielen Kriegen erprobter Feldherr der österreichischen Armee gewesen (1766 – 1858). Gemäss Wikipedia wurde er vor allem durch seine militärischen Erfolge 1848/1849 berühmt, als er in verschiedenen Schlachten (Santa Lucia, Mai 48, Vicenza, Juni 48, Custozza, Juli 48, Mortara, März 49, Novara, März 49) die nationalitalienischen Aufständischen besiegte, die sich gegen die österreichische Vorherrschaft aufgelehnt hatten. Johann Strauss, Vater, komponierte den Marsch, die Uraufführung fand am 31. August 1848 in Wien statt.

Seither höre ich mir den Radetzkymarsch mit gemischten Gefühlen an. „Aufständische“ sind ja auch „Freiheitskämpfer“. Wobei sich die eine oder andere Bedeutung der Bezeichnung oft erst im nachhinein, in der historischen Betrachtung, durchsetzt. Mit dem doch gedankenlosen Klatschen kann ich mich überhaupt nicht mehr anfreunden. Es kommt mir dabei ein Ausspruch von Willy Brandt in den Sinn, der am Morgen nach einer erfolgreichen Wahlveranstaltung mit stürmischem Applaus geäussert haben soll: „Sie haben schon einmal einem derart frenetisch zugejubelt und geklatscht – nur war es Adolf Hitler“.

Und jetzt steht dann noch die Übertragung des „Royal Edinburgh Military Tattoo 2016“ auf dem TV-Programm. Selbstverständlich werde ich hineinschauen. Auf den Bezug zum Militär muss nicht extra hingewiesen werden. Eher darauf, dass das Programm im Verlaufe der Zeit eine Erweiterung durch zivile Darbietungen erlebt hat. Die meisten Auftretenden sind aber nach wie vor Angehörige von Streitkräften.

Kann ich mich trotzdem freuen? Ich tröste mich mit einer nicht allzu überzeugenden Ausrede: Die Auftritte sind heute „konzertant“ und nicht „militant“. Möge es so bleiben!

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