06.12.2017 - Hanspeter Stalder

Aufstieg und Fall einer Diva

Irene Staub war in den 68er- bis 80er-Jahren als Lady Shiva eine Ikone des Zürcher Untergrunds. Gabriel Baur hat ihr mit dem Film «Glow» ein schönes, differenziertes, cooles Denkmal gesetzt.

Rote Lippen, sexy Kleid, leichter Mantel: So stand Lady Shiva, alias Irene Staub (1952 – 1989), in den 1970er- und 80er-Jahren nachts in der Schoffelgasse vor dem Cabaret «Maxim» in Zürich. Sie war eine Ikone. Dank ihrer Ausstrahlung und Selbstmystifikation öffneten sich ihr viele Türen. Von einer Pionierin der Schweizer Mode wurde sie entdeckt und schaffte den Aufstieg von der Strassenprostitution, die sie radikal entlarvte, bis in die angesagte Kunstwelt, in der sie als Muse, Model und Performerin Erfolge feierte und Männer in Fantasiewelten versetzte. Diesem Karrieresprung zum Trotz blieb sie stets eine Seiltänzerin zwischen den verschiedenen Welten und jagte ihren Träumen nach. Als Sängerin versucht sie, in der legendären Zürcher Undergroundband Dressed Up Animals durchzustarten. Als Model stand sie Walter Pfeiffer vor der Kamera. Mit Mick Jagger tanzte sie durch Zürichs Nächte, mit der Schauspielerin Tabea Blumenschein tingelte sie durch Berlin und in Rom besuchte sie Maestro Fellini. Zuletzt forderte jedoch ihr Leben auf der Überholspur seinen Tribut: Aufgerieben zwischen Erfolg, Freiheitsdrang und Selbstzerstörung starb Lady Shiva am 30. August 1989 unter nie ganz geklärten Umständen bei einem Motorradunfall in Thailand.

Mit «Glow» gelingt der Filmemacherin Gabriel Baur (früher: Gabrielle Baur), *1962, eine bewegende Hommage an die Schweizer Diva. Mit teilweise unveröffentlichtem Archivmaterial und in Gesprächen mit prominenten Weggefährtinnen und -gefährten aus der Mode-, Musik- und Theaterszene, mit Ursula Rodel, Karl Lienert, Federico Pfarren und Boris Blank, entführt uns der Film in die pulsierende Epoche der schier unbegrenzten Möglichkeiten, die bei Ehemaligen bis heute noch Sehnsüchte weckt, und in der für Menschen wie Lady Shiva nur der Himmel als Grenze existierte. Der Film handelt mitreissend von der Odyssee einer Rebellin auf der Suche nach ihrer Identität, von bewegenden Freundschaften und von der Liebe in einer Zeit des wohl letzten Auf- und Umbruchs des letzten Jahrhunderts.

GLO Pressebild 6Geheimnisvoll und einsam: Irene Staub auf Zürichs nächtlichen Strassen

Aus den Anmerkung der Regisseurin Gabriel Baur

Es begann mit der Euphorie im Archivmaterial der ansteckenden Energie Irene Staubs, bekannt als Lady Shiva, grosszügig und rau, verspielt und verschwenderisch. Zudem war da ihr Charisma, ihre fragile wie ungeschliffene Stimme und ihr grosser Traum, zu singen. Im Verlauf der Recherchen und Projektvorbereitung gewann ich einen zunehmend tieferen Respekt für Irena. In meinen zahlreichen Gesprächen begegnete ich nebst Bewunderung bis hin zur Ikonisierung auch einer latenten bis offen ausgesprochenen Marginalisierung ihrer Person. In Kommentaren wie «Warum machst du einen Film mit dieser Streetwalkerin, dieser Sexworkerin?» schwang Abschätzung mit. Auch jene, die sie verehrten und auf den Sockel hoben, waren nicht davor gefeit. So las ich in einem hymnischen Bericht zu ihrem Leben und allzu frühen Tod, dass Irena am bezauberndsten war, wenn sie schwieg. Das trieb mich an, diese Vorurteile und Etikettierungen, unter denen sie litt, wie sie im Film selbst sagt, so weit wie möglich ausser Kraft zu setzen.

Dieser Ansatz führte in «Glow» zu einer riskanten Dramaturgie. Weiterhin trug die unwägbare Entwicklung des Filmprojekts das ihre dazu bei. Das vorgesehene Konzept war wegen eines plötzlich abspringenden Protagonisten nicht mehr realisierbar. Während der sich ausweitenden Recherche wurde mir klar, dass die Designerin Ursula Rodel ein Schlüssel zur Aufstiegsgeschichte von Irena ist. Als diese nach eineinhalb Jahren schliesslich zusagte, geschah ein Wunder: Plötzlich tauchte auch das verloren geglaubte Archivmaterial von Irena und Ursula wieder auf. Die Freundschafts- und Liebesgeschichte der beiden hat mich gerade in ihrer fragmentarischen und offenen Form berührt.

GLO Pressebild 2Ursula Rodel und Irene Staub

Nie hätte ich mich jedoch auf diese Punk-Rock’n’Roll-Realisation eingelassen, die uns zeitweise ans Limit unserer produktionellen und finanziellen Grenzen führte, ohne überzeugt zu sein, dass die Geschichte von «Glow» über die Historie ihrer Figuren hinausgeht. «Glow» ist kein nostalgischer Film, auch wenn man während des Films mit den Gefährtinnen und Gefährten vom Heute ins Damals der siebziger und achtziger Jahre zurückschweift. Im Zentrum steht das universale Thema der Suche nach Freiheit und Anerkennung. Wir folgen auf Irenas Spuren den grossen Freiheitsversprechen unserer Zeit: Freiheit zeigt sich in ihrer Grossartigkeit und Grausamkeit, entpuppt sich aber auch als Illusion.

Die Kehrseite der multiplen Freiheitsoptionen ist die zunehmende Abhängigkeit von ihr. Inmitten all dieser Möglichkeiten nimmt in dieser wilden und egozentrischen Epoche die Zerrissenheit des Individuums ihren Anfang. Der feste Boden löst sich unter den Füssen auf, Verlorenheit und Unsicherheit wird kompensiert durch die gesteigerte Suche nach Anerkennung. Es wird fotografiert und gefilmt, von Polaroid, Selfies, bis heute zu Facebook. Das ist eine essenzielle Perspektive in Irenas Geschichte, die vor allem über das Gesehen-Werden existierte: als Muse, als Reflexion. Sie versucht auszubrechen; beim Singen beispielsweise agiert sie selbst, stellt fest, dass sie nichts sieht, schaut in die Kamera oder singt mit geschlossenen Augen und wendet sich ab.

GLO Pressebild 3Lady Shiva: eine faszinierende Frau, offen und verschlossen zugleich

Von der Nostalgie zur Sinnsuche

Ich lebte in der Zeit, die der Film schildert, in Zürich, im Kreis 1, kannte das «Maxim» und die Schoffelgasse, als Passant auch Lady Shiva. Ich erlebte die Welt der Musik, der Malerei, des Films, den damaligen Untergrund und lernte Personen ihres Umkreises kennen. Insofern ist der Film für mich vorerst Nostalgie, wenn Gabriel Bauer ihn auch nicht nur als solche verstanden haben möchte. Doch vermutlich weckt «Glow» da und dort bei älteren Menschen, vor allem Männern, die damals in diesem Umfeld lebten, Erinnerungen, mit denen sie sich, nachdem sie den Film gesehen haben, wohl auseinanderzusetzen beginnen.

Der Film wirkt aber mehr als nur nostalgisch. Er ist ein gut gemachtes Zeitdokument der 70-er- und 80er-Jahre eines bestimmten Zürich: einer Welt der Befreiung, des Aufbruchs, der Revolte, die bei einzelnen subkutan bis heute weiterwirkt. In seinem Zentrum steht ein sensibles, ehrliches und mitschwingendes Porträt einer besonderen Frau: mit provokativem und unsicherem Auftritt, voll Kreativität und Destruktivität und einer sie wohl prägenden Vergangenheit, die Baur bewusst ausblendet, um nicht vorschnelle, oberflächliche psychologische Deutungen des Lebensablaufes von Irene Staub alias Lady Shiva zu suggerieren.

 Aufs Kürzeste zusammengefasst, umschrieb das Schicksal dieser geheimnisvollen und faszinierenden Frau wohl Federico Fellini, als Irene sich bei ihm für ein Engagement vorstellte. Er sagte ihrer Begleiterin, was Irene nicht hörte: «Eine, die so fest glüht, wird nicht alt, maximal zwei Jahre.» Ich denke, der Filmtitel «Glow» spielt darauf an. Diese Bemerkung sowie Sätze und Nebensätze, Anspielungen und Andeutungen der Menschen um sie herum, aber auch von ihr selbst lassen einen nicht oberflächlich in der Vergangenheit schwelgen, sondern fordern heraus, vertieft darüber nachzudenken und zu sinnieren.

PS: Siehe auch das gut recherchierte, reich illustrierte Buch «Lady Shiva. Aufbruch auf High Heels» von Willi Wottreng. Elster Verlag 213, 272 Seiten.

 

 

Titelbild: Irene Staub, alias Lady Shiva

Regie: Gabriel Baur, Produktion: 2017, Länge: 100 min, Verleih: Cineworx

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