15.06.2017 - Andreas Iten

Ausgleich in einer hektischen Welt

Der Alltag von heute verlangt nach Ruhe und Besinnung. Wie aber gewinnt man sie, wenn die Hektik den Menschen oft überfordert?

Ich möchte mich in meinem Alter zurückfinden zu den Dingen, die mich innerlich befriedigen und mir Freude schenken. Es sind einfache Dinge. Als ich die Kolumne über den Weingenuss und den gefällten Kirschbaum schrieb, kam mir einmal mehr in den Sinn, wie sehr sich die Welt verändert hat. Die kleinen Dinge scheinen sich aus dem Horizont der Menschen zu verflüchtigen. Das Wunderbare, das in ihnen aufscheint, ist nicht Teil des herrschenden Zeitgeistes. Die Welt ist laut geworden, die Reklame am Fernsehen kommt mir oft wie Lärm vor. Wir sind umstellt von Events, Betrieb, von Attraktionen. Überall, wo etwas läuft, trifft sich die Masse. Die Touristiker treten mit allerlei schrillen Angeboten auf. Das Subjekt steht im Mittelpunkt des Denkens. In der Politik wird auf den Mann oder auf die Frau gespielt. Das kapitalistische gierige Streben nach immer noch mehr tötet Ruhe, Stille und die Gelassenheit. Wir sind in die Wachstumsfalle geraten. Nicht Schritt um Schritt gehen die Menschen vorwärts, sondern in einem Tempo, bei dem sie kaum merken, dass es sie selbst überholt. Wie soll da die Seele noch mitkommen?

Die Seele muss zu den Dingen kommen. Der Mensch braucht ein Gleichgewicht von Eindrücken. Ein Fernsehabend ruft nach einem Blick auf kleine Dinge. Warum kann mich das Flämmchen einer Kerze beruhigen? Ich kann die Flamme lange beobachten. Sie weckt Erinnerungen, und holt mich in die Zeit zurück, in der in der Wohnküche unseres Bauernhauses das Feuer brannte. Ging ich am Herd vorbei, flackerten die Flammen. Auch am Christbaum brannten die Kerzen. Als Ministrant zündete ich die Kerzen auf dem Altar an und freute mich an dem leisen Licht, das vom Chor in den Kirchenraum leuchtete. Das Bild der Flamme ist sozusagen präfiguriert in meinem Gedächtnis. Es war schon da, ehe ich es wirklich wahrnahm. Wahrnehmen heisst ja, einer Sache einen Namen geben können. Das Kind hört „Cherze“, und bald kommt der Moment, wo es den Gegenstand, der so heisst, benennen kann.

Als ich bei einem meiner wenigen Ausflüge in Baden-Baden eine Ausstellung mit dem Thema Kerzen entdeckte, spürte ich förmlich einen Zwang, sie zu besuchen. Verschiedene Künstler stellten ihre Bilder und Installationen zum Kerzen-Thema aus. Ich schlenderte von Objekt zu Objekt und stand plötzlich vor Gemälden von Gerhard Richter. Eine seiner Kerzen wirkte wie das Porträt eines Menschen. Das Bild zog mich magisch an. Die weisse Flamme beleuchtet einen im sanften Moosgrün verschwimmenden, im Sfumato dieser Farbe eingetauchten Raum. Ein sehr schlichtes, aber stark suggestiv wirkendes Bild. Eines der Gemälde zeigt eine Kerze und einen daneben liegenden Totenschädel auf einem rauchbraunen Tisch in einem grünlich dämmrigen Zimmer. Das Gemälde hat etwas Gespenstiges. Kerze, Raum und Totenschädel reden die Sprache des Lebens.

Gerhard Richters Kerzen erinnerten mich an eine Zeit, in der das Kind das Wort speicherte, das jederzeit die Aufmerksamkeit zu lenken vermag. So wunderte es mich nicht, dass ich beim Herumstöbern in Buchhandlungen auf Gaston Bachelard stiess, auf sein Buch zur „Psychoanalyse des Feuers“. Darin las ich den Satz: „Man hat zweifellos oft wiederholt, die Eroberung des Feuers habe den Menschen endgültig vom Tier unterschieden, aber man hat vielleicht nicht erkannt, dass sich der Geist in seinen Anfängen, mit seiner Poesie und seiner Wissenschaft, an der Meditation über das Feuer entwickelt hat.“ Das Feuer ist nicht nur eine reale, ambivalente Erscheinung mit seiner guten und schlechten Seite. Es ist gefährlich, wenn es ausbricht. Es ist ein Segen, wenn es gefangen bleibt und leuchtet. Stellt Gerhard Richter eine brennende Kerze neben einen Totenschädel, so wird das Bild zum Symbol. Das Leben verzehrt sich wie die Flamme, und alles Leben endet mit dem Tod

So also wird mir die kleine Flamme zum Meditationsbild, das Ruhe, Stille einflösst und Gedanken auslöst. Es ist ein Bild, das, wie viele andere auch, schon in der Kindheit sich eingeprägt hat und half, die Anschauungskraft zu entfalten. Bilder dieser fast archetypischen Art vermögen mich in träumerisches Staunen zu versetzen, beleben das Gemüt und machen das Alter reich. Sie bleiben demjenigen, der sich auf sie einlässt, ein poetisch spielendes Angebot. Sie bilden jene Nische, in die sich der Mensch zurückziehen kann, um sich immer wieder neu zu sehen und Ausgleich zu finden.

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