10.10.2017 - Adalbert Hofmann

Das Land des Nicht-Lächelns

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Bis vor kurzem lächelte (lächelte!) ich in einigermassen jugendlicher Frische aus meinem vertrauten blauen Führerausweis, ab einem fünfundzwanzigjährigen Schwarzweiss-Foto. Doch das ist nun vorbei.

Es begann alles mit einem Schreiben des kantonalen Strassenverkehrsamts und der Einladung (allerdings ziemlich militärisch mit «Aufgebot» bezeichnet), ich hätte mich - weil in die Jahre gekommen - der verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung zu unterziehen. Der Brief («mit freundlichen Grüssen») verzichtete auch nicht auf den netten (ha ha!), eindeutigen Hinweis, «sollten wir nach Ablauf der Frist nicht im Besitz des ärztlichen Berichts sein, muss das Verfahren zum Entzug des Führerausweises eingeleitet werden.»

Ich kann Ihnen versichern: Da sucht man den Hausarzt aber im Laufschritt auf! Der Befund war zufriedenstellend, denn mit dem nächsten brieflichen «Mit freundlichen Grüssen» gab mir das Strassenverkehrsamt grünes Licht für freie Fahrt. Allerdings sei mein guter alter Führerausweis durch einen neuen, handlichen zu ersetzen, wofür ein neueres, farbiges Passfoto vonnöten sei - «gemäss den Kriterien für die Annahme von Fotos für Pässe und Identitätskarten» des Bundesamtes für Polizei der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Das mehrseitige Dokument war via Internet schnell gefunden - und dem Betrachter blieb kurz die Luft weg! Nicht weniger als 36 Gesichter blicken mir entgegen, wobei deren 24 als falsch fotografiert markiert sind. Dies für Analphabeten - für Leute, die lesen können, ist alles präzis erklärt: Schultern gerade und direkt in die Kamera blicken; Kopfhaltung gerade - nicht geneigt, gedreht oder gekippt; Nase auf der gekennzeichneten Vertikal-Mittellinie der Schablone; keine Haare im Gesicht (woher sollten bei mir um Gotteswillen die Haare kommen?); Gesichtsausdruck neutral, Mund geschlossen. Und dann kommt’s, versehen mit einem Ausrufezeichen: «Freundlicher Gesichtsausdruck ist erlaubt!» Ja, das ist jetzt aber Toleranz pur…

Mit leicht mulmigem Gefühl setzte ich mich beim Fotografen vor die Kamera, doch der freundliche, routinierte Fachmann hatte mich schnell in der richtigen Position. Bloss das Brillengestell wollte sich kurzfristig über die Augen verirren (verboten!). Nachdem mir der Fotograf in die Hand versprochen hatte, die Gesichtshöhe vom Kinn bis zur Schädeldecke werde auf dem Bildli garantiert mindestens 29 Millimeter, höchstens 34 Millimeter betragen (Vorschrift!), fiel mir ein Stein vom Herzen.

Kürzlich nun erhielt ich meinen neuen Führerausweis im Kreditkartenformat - ob man damit wohl auch gleich allfällige Verkehrsbussen bezahlen kann? Ich blicke ziemlich zerknittert und verkniffen vom farbigen Föteli - von «freundlichem Gesichtsausdruck» (erlaubt!) keine Spur. Was soll’s: Wenigstens kutschiere ich mein Auto nun mit einem eidgenössisch-staatlich-amtlich-geprüften-korrekten Gesicht durch die Landschaft.

Ich hoffe bloss, dass ich bei einer Polizeikontrolle nicht zu lachen beginne. Denn dann würde mein neuer Ausweis ja nicht mehr mit meiner Visage übereinstimmen.

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