04.12.2017 - Judith Stamm

Der kleine König aus Russland

Eine eigentliche Weihnachtsgeschichte hat Edzard Schaper (1908 – 1984) mit seiner „Legende vom vierten König“ nicht geschrieben. Oder vielleicht doch?

Wie konnte das kommen? Jahrelang hatte ich um die Weihnachtszeit die Geschichte vom vierten König hervorgeholt, gelesen und ringsum verschenkt. Ich war total von ihr angetan. Und dann war sie, für Jahre, aus meinem Gedächtnis entschwunden. Irgendwo musste das Buch mit den Illustrationen von Celestino Piatti noch in meinem Büchergestell stehen. Und siehe da! Dort, wo ich es vermutete, fand ich es auch. Das Werk war in erster Auflage 1969 im Hegner-Verlag, Köln, erschienen. Das Exemplar, das ich in Händen hielt, 1989 in 13. Auflage im Artemis-Verlag, Zürich. Die kraftvollen, holzschnittartigen Zeichnungen von Piatti liessen sofort Erinnerungen aufsteigen. Es war keine einfache Geschichte gewesen, die mich damals so fasziniert hatte. Sie war auch beim aktuellen Wiederlesen nicht eingängiger. Aber sie erschien mir heute noch so zeitgemäss, wie ich sie damals empfunden hatte. In die heutige Zeit passte sie sogar fast noch besser!

Als das Jesuskind in Bethlehem geboren werden sollte, regierte in Russland ein kleiner König mit „rechtschaffenem Sinn und einem guten, kindlichen Herzen“, so erzählt uns der Autor. Von seinen Vorfahren wusste der kleine König, dass einmal ein Stern am Himmel das Kommen eines Allherrschers über das ganze Erdreich ankündigen würde. Und dass er dann aufbrechen und diesem Herrn als Gefolgsmann huldigen müsse. Der kleine König freute sich über alle Masse, dass er am Regieren war, als das Ereignis eintrat. Er liess sich sein Lieblingspferd Wanjka satteln. Ein kleines, unverwüstliches Pferdchen, ausdauernd und genügsam, geeignet für eine weite Reise. Wo der grösste Herrscher geboren werden sollte, wie weit die Reise führen würde, war unbekannt. Mit leeren Händen wollte der kleine König seine Aufwartung nicht machen. Also packte er in die Satteltaschen Linnen und Pelze. Füllte kleine Säcklein mit Goldkörnern und Edelsteinen. Und liess sich von seiner Mutter noch ein kleines Krüglein mit Honig mitgeben. Denn für Kinder, welcher Art auch immer, sei Honig wie Nektar.

Der Ritt ging immer durch die Nacht hindurch. Da war der Stern mit seinem Schweif sichtbar, manchmal gleichsam zum Greifen nah. Und so ritt der kleine König über die Grenzen seines Reiches hinaus, begegnete allem Elend dieser Welt und wurde immer überzeugter, dass das Erdreich den neuen Allherrscher dringend nötig habe. Denn, so lautete die Verheissung, er werde die Verfolgten schützen, die Unterdrückten wieder aufrichten, die Gefangenen lösen, die Kranken heilen und die Gerechten belohnen.

Der kleine König kam immer wieder in Situationen, in denen er selbst entsprechend handelte, handeln musste Er verschenkte, was er dem neuen Herrn hatte bringen wollen, und machte sich deswegen Vorwürfe. Aber er musste doch Notleidende, die ihm unterwegs begegneten, versorgen, und leerte seine Satteltaschen, bis sie ganz in sich zusammenfielen.

Dann schlitterte er in eine „existentielle Krise“ hinein, würden wir heute sagen. Der Stern zeigte sich nicht mehr. Und sein unverwüstliches Pferdchen Wanja schaffte es auch nicht mehr und starb. Und Schaper schreibt: „Von der zweiten Nacht an, in welcher der Stern nicht mehr leuchtete, konnte man eigentlich sagen, dass der kleine König aus Russland eine Art Landstreicher wurde. Er ging und ging, ging tagsüber und nachts, ging mal mit Hoffnung im Herzen und mal mit Trotz und Verzweiflung oder mit Kummer, aber er hatte kein rechtes Ziel mehr, weder in seiner Seele noch vor Augen. Und je weniger ihm sein Ziel vor Augen und im Herzen stand, desto mehr verstrickte er sich in das Unglück und die Händel der Welt, die ihn hier ärger dünkten als ein König – und sei es der allergrösste aller Zeiten und Zonen – je zu bessern vermöchte. Und deshalb ging es mit ihm dann auch so, wie es ging“.

Wie es mit dem kleinen König, der zum Landstreicher geworden war, weiter ging, in der zweiten Hälfte des Buches, will ich nicht verraten. Nur soviel: Er erreichte sein Ziel, aber anders, als er es sich damals bei seinem jugendlichen Aufbrechen zur grossen Reise vorgestellt hatte.

Ich habe mich kurz mit Edzard Schapers Leben, der 1984 in Bern verstarb, vertraut gemacht. Es ist so vielfältig, von Höhen und Tiefen durchzogen, dass es nicht in kurzen Strichen geschildert werden kann. Aufenthalte in verschiedenen Ländern, Fluchten, Todesurteile, aber auch Auszeichnungen und Ehrungen für sein Schaffen prägten es. Obwohl es ruhig wurde um seinen Namen, ging er nicht vergessen. Der Kulturwissenschaftler und Theologe Uwe Wolff hat 2012 unter dem Titel „Der vierte König lebt“ eine vertiefte Biographie über Edzard Schaper herausgegeben. Und hat an den Anfang eine Strophe von Leonard Cohen, Songs of a Life, gesetzt:

And even though
It all went wrong
I`ll stand before the Lord of Song
With nothing on my lips but Hallelujah!

Edzard Schaper: Die Legende vom vierten König/Das Christkind aus den grossen Wäldern, Anaconda-Verlag, Köln 2017, ISBN  978-3-7306-0539-4

Uwe Wolff: Der vierte König lebt! Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 2012 (Epiphania), ISBN 978-3-7245-1777-1

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