22.04.2017 - Maja Petzold

Die Zerbrechlichkeit des Menschen

Der im Exil lebende kurdische Dichter Bachtyar Ali schreibt in seinem Roman "Der letzte Granatapfel" darüber, wie Menschen um ihre Würde kämpfen.

Der Granatapfel mit seinen rotvioletten, süsssauren, saftigen Kernen gilt als Sinnbild von Fülle, Lebenskraft und Schönheit, er symbolisiert aber auch Blut, Macht und Tod, schon zu Zeiten, als die Granate als Waffe noch nicht erfunden war. - Wo sind Fülle, Lebenskraft und Lebenslust in einem von Kriegen und Diktatur zermarterten Land wie Kurdistan geblieben? Darüber schreibt Bachtyar Ali in seinem eindrucksvollen Roman, der auf Kurdisch (Sorani) schon 2002 erschien und dem schon damals sehr geschätzten Autor viel Ruhm eintrug.

Wir erfahren die Geschichte aus den Augen von Muzafari Subhdam, einem irakisch-kurdischen Kämpfer für die Freiheit seines Volkes. Nach einundzwanzig Jahren in einer Wüstenfestung freigekommen, langhaarig und mit Bart bis zu den Füssen, sitzt er nun im abgelegenen Waldschloss seines früheren Freundes und jetzigen starken Mannes Jakobi Snauber fest. Muzafari wünscht sich nichts sehnlicher, als seinen Sohn zu finden. Snauber antwortet darauf ausweichend und verwirrend, er redet von mehreren. Muzafari Subhdam gilt als erster Märtyrer der Revolution – aber ist er nun frei oder erneut in Gefangenschaft? Es gelingt ihm mit der Hilfe des Erbauers dieses 'Grünen Schlosses', die Einsamkeit zu verlassen und den Spuren seines Sohnes und der beiden 'Doppelgänger' zu folgen. – Das Geheimnis, warum es drei Saryasi Subhdams gibt, obwohl doch Muzafari nur einen Sohn gezeugt hat, wird im Laufe des Erzählens gelüftet und gehört zu den Metaphern des Romans.

In Bachtyars Werk hat alles einen tieferen Sinn, Symbolik und starke Bilder machen den Stil dieses Autors aus. Das erwähnte Grüne Schloss beispielsweise steht als unberührbare Insel in einer Welt ohne Halt und Zukunft. Snauber hat sie sich als Einsiedelei zum Philosophieren und Altwerden bauen lassen – und hätte, ganz Egoist, Muzafari gern als gescheiten Gesprächspartner. Die Zerbrechlichkeit des Menschen spiegelt sich in drei gläsernen Granatäpfeln wieder, die im Leben von Saryasi und seinen Freunden eine wichtige Rolle spielen. Die beiden 'weissen Schwestern', Feen gleichend, erhalten ein solches gläsernes Symbol, den Granatapfel der Geheimnisse, denn sie selbst sind Trägerinnen der Geheimnisse, die sich erst in einer befriedeten Welt enthüllen.

Jede Figur in diesem hochpoetischen Roman verkörpert eine Charakterhaltung. Ikrami Keu, gross wie ein Riese, der Erbauer des Grünen Schlosses, auf der Suche nach verlorenen Freunden, hilft, wo er kann, und erzählt als erster von den Kriegen und Zerstörungen, von den Seuchen der letzten 21 Jahre. Es ist die Geschichte des irakischen Teils von Kurdistan und dem Kampf der Peschmerga-Krieger um Selbständigkeit. Als die Autonomie endlich erreicht ist, zerstreiten sich die verschiedenen Gruppierungen untereinander, und der Kampf geht weiter. Wohlgemerkt: Bachtyar Ali publizierte seinen Roman im Jahre 2002. – Es ist erschreckend festzustellen, dass sich die Kriege fortgesetzt, ja intensiviert haben, wenn auch in diesem Teil Kurdistans inzwischen eine fragile Stabilität herrscht.

Karte KurdistanSiedlungsgebiete der Kurden laut CIA 2002 (Es wird nicht unterschieden, ob die Kurden überall die Bevölkerungsmehrheit stellen oder nur Minderheit zwischen anderen sind.) / commons.wikimedia.org

 

Bachtyar Ali wurde 1966 in Sulaimaniya, einer Stadt im Süden des irakischen Kurdistan geboren, er gehört zu den geachtetsten kurdischen Schriftstellern und Poeten. Durch sein Engagement in den Studentenprotesten wurde er unter der Diktatur Saddam Husseins verfolgt. Seit Mitte der Neunzigerjahre lebt er in Deutschland. Sein Werk umfasst Romane, Gedichte und Essays. "Der letzte Granatapfel" ist das erste seiner auf Deutsch übersetzten Bücher; ein weiteres, das er selbst als sein bestes bezeichnet "Die Stadt der weissen Musiker", wird demnächst erscheinen.

Ganz bewusst schreibt Bachtyar auf Sorani, einer kurdischen Sprache. Er sagt selbst dazu: "Ich habe immer versucht, etwas aktiv für unsere kurdische Gesellschaft zu tun. Wenn ich zum Beispiel auf Arabisch geschrieben hätte, wäre ich schneller zu Bekanntheit gelangt. Ich schreibe aber auf Kurdisch, nicht aus nationalistischen Gründen, sondern weil ich glaube, dass ich dort etwas bewegen kann. Die Sprache und die Menschen brauchen dort Unterstützung." Sorani ist eine von mehreren kurdischen Sprachen, sie wird von ca. 8 Millionen Menschen gesprochen und gehört zur indoeuropäischen Sprachfamilie, wie auch das Persische.

SulaimaniyaBlick über einen Teil von Sulaimaniya © Zirguezi / commons.wikimedia.org

In den drei Söhnen Saryasi Subhdam verkörpern sich drei Haltungen zum Leben – und alle scheitern. Der erste Saryasi lebt Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft, wird von den Armen geliebt und verschafft ihnen Ordnung und muss schliesslich mit dem Leben bezahlen. Der zweite Saryasi, mit allem unzufrieden, erzählt: "Mein ganzes Leben steckte in diesem gläsernen Granatapfel und ich warf ihn mit aller Kraft weg. Ich kehrte in die (Kriegs-) Hölle zurück." - Der dritte Saryasi ist das Opfer einer solchen Haltung. Er erlitt schwerste Verbrennungen und ist fast blind. Durch eine Hilfsorganisation kann er nach England reisen, wo ihm medizinisch geholfen werden kann. Mustafari, der ihm folgen will, erzählt diese Geschichte auf einem Flüchtlingsschiff nach Europa – mehr als zehn Jahre, bevor die Öffentlichkeit die Welle der über das Mittelmeer Flüchtenden wahrnahm.

Bachtyar Ali TitelbildBachtyar Alis Roman ist keine realistische Schilderung, was während der letzten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts geschah. Hier scheinen alle Ebenen des Lebens auf, auch die Träume. Dem Dichter, und man möchte sagen dem Ethiker, geht es um Humanismus, um Wahrheit und um die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben können. Dabei hat auch Verborgenes seinen Platz: "Es gibt zwei Arten von Geheimnissen: Die einen verfinstern die Welt. Die anderen führen uns weiter und tiefer zur Wahrheit." – Ein tiefsinniges, berührendes Buch, das zum Nachdenken anregt.

Bachtyar Ali, Der letzte Granatapfel. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim
Unionsverlag. 352 Seiten
ISBN 978-3-293-00499-3
auch als E-Book erhältlich

Interview mit Bachtyar Ali

Dieses Buch ist in der Reihe "Der Andere Literaturclub" erschienen, einem Projekt von artlink, Büro für Kulturkooperation, das mit litprom verbunden ist. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

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