10.11.2017 - Hanspeter Stalder

Giraffen machen es nicht anders

Eine berührende Vater-Suche: Walo Deuber hinterlässt uns mit «Giraffen machen es nicht anders – Die Vater-Spur» ein sinnvolles und bewegendes Geschenk.

Der Zürcher Journalist und Filmemacher Walo Deuber (1947 bis 2017) startete im Mai 2014 sein Filmprojekt «Trilogie des Erinnerns». Dazu schrieb er: «Aufsuchen und Auffinden in Erinnerungsräumen ist mein besonderes Metier». Gestartet wurde es 1998 mit dem Dokumentarfilm «Spuren verschwinden – Nachträge ins Europäische Gedächtnis», fortgesetzt 2005 mit dem Spielfilm «Ricordare Anna» und abgeschlossen 2017 mit «Giraffen machen es nicht anders – Die Vater-Spur». In ganz unterschiedlicher Weise geht er vor: einmal mit der jüdischen Lebenswelt in der Ukraine, dann einer Liebesgeschichte zwischen Zürich und Sizilien und schliesslich einer höchst persönlichen Ich-Erzählung, seiner späten Suche nach seinem Vater Emil Deuber.

Zum letzten Film heisst es im Exposé: «Das Besondere an der Story vom gewöhnlichen Schweizer Emil Deuber in Afrika ist, dass ihr Verlauf viele Berührungspunkte mit der Historie aufweist, die durchaus markant zur allgemeinen Kulturgeschichte gehören. Der Bogen beginnt mit dem dramatischen Bruch 1954 in der Schweiz des Aufschwungs der 50er-Jahre, nimmt die Spur der Abenteuer auf fremden Wüstenbaustellen und einer Liebesgeschichte auf und endet mit dem Tod in Afrika 1963, zu einem Zeitpunkt, da die Kolonialgeschichte an ihren Wendepunkt bzw. an ihr Ende kommt, im Jahr vor der Unabhängigkeit Sambias.»

page79 1004 fullDie Briefe des Vaters waren meist an seinen Sohn adressiert.

Ein Diskurs über die Familie

Weiter skizziert Deuber die Idee seines letzten Films: «Das Drama des Vaters wirft relevante Fragen auf: Sein unorthodoxes Verhalten in der rechtschaffenen Schweiz der Nachkriegsjahre hat eine Familie auseinanderbrechen und ihn nach einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie und Entmündigung nach Afrika flüchten lassen. Er fand Arbeit und genoss die Privilegien einer britisch-kolonialen Gesellschaft. Verwiesen wird auf ganz allgemeine Fragen rund um den Umgang mit persönlichen Geschichten und um unser Verhältnis zu Herkunft und Identität. Das Persönliche öffnet sich so zum Allgemeinen hin, zu Fragen, wie sie sich jedem Einzelnen stellen, und die in der Kulturgeschichte eine lange Tradition haben: Woher kommen wir? Der besondere Fall eines gar nicht so besonderen Mannes vereinfacht den Zugang zu einer Geschichte vom Verlassen-Werden, und von einer späten Suche, die eine Selbstsuche wird. Bezüglich der verschiedenen Familien-Konstellationen ist die Geschichte ein Beitrag zum nie endenden Diskurs zum Thema Familie.»

Das hier auszugsweise zitierte Konzept, das für die Filmfinanzierung geschrieben wurde, ist im fertigen Film bloss noch als Folie erkennbar. Davor spielt sich eine bunte, vielfältige Geschichte ab, die uns berührt: eine persönliche und engagierte, leidenschaftliche und couragierte, kluge und nachvollziehbare, suchende und fragende, lernende und belehrende, eine menschenfreundliche und zärtliche. «Giraffen machen es nicht anders – Die Vater-Spur» ist ein wunderbarer Film, der guttut.

page79 1003 fullEin Road-Movie zu andern und zu sich selbst.

Der lange Weg zu Emil, dem Aussenseiter ...

Motiviert für die lange Reise zu seinem Vater haben Walo wohl die mehr als 300 Briefe und ebenso vielen Karten, die Emil von Afrika aus nach Hause, meist an den Sohn adressiert, geschickt hat, sowie zahlreiche Fotos und schriftliche Unterlagen. Sie wurden während sechzig Jahren nur selten gelesen und beantwortet, bis 2014 für Walo die Zeit reif wurde, sie zu lesen und mit ihnen die Spuren seines Vaters zu suchen. Entlang der Adressen der Briefabsender bewegt sich jetzt der Autor auf seiner Reise durch halb Afrika und lässt sich vom Vater und seiner Geschichte bewegen. In einer langen Ich-Erzählung entwirft Walo Deuber sein Bild und seine Erzählung des kaum mehr erinnerten Vaters. Dieses vorwärts und rückwärts Erzählen der abenteuerlichen Lebensgeschichte entfaltet sich von Szene zu Szene. Erzählt wird, mit Bildern der Gegenwarte und Dokumenten der Vergangenheit, in Form einer On-the-Road-Reportage des Filmemachers die bisher unbekannte Geschichte seines Vaters.

page79 1005 fullWalo Deuber unterwegs

... zurück zu Walo, dem Suchenden

Mehr und mehr wird die Suche nach dem Vater zusätzlich zu einer Suche nach sich selbst: seine Vergangenheit, sein Verhalten dem Vater gegenüber, sein Leben insgesamt mit all den Verstrickungen, Konflikten, Belastungen und Wirrnissen. Im Hintergrund steht für uns wohl die Frage, warum Walo Deuber dieses Stück Weg erst so spät, doch noch knapp vor dem Ende seines eigenen Lebens begann – Er starb einen Monat nachdem er den Film zu seinem 70. Geburtstag abgeschlossen hatte, also den Weg zum Vater zu Ende gegangen war. Seine letzte Postkarte mit einem Reh, das von einer Schlange getötet wurde, lässt aufhorchen, hat er, vielleicht unbewusst, auch sein Lebensende geahnt? Oder war es einfach das Sterben, nachdem er sein Werk geschaffen hatte, wie es oft geschieht, wenn alte Menschen erst dann sterben können, wenn ihre Kinder sich bei ihnen eingefunden haben?

page79 1002 fullDie Adoptivtochter Julie mit Walo

... und zu Julie und deren Mutter

Zusammen mit Julie rekonstruiert Walo die Geschichte seines Vaters. Denn sie ist seine erwachsene Tochter, die er mit seiner Frau, der ehemaligen Pfarrerin Käthi La Roche vom Grossmünster, adoptiert hat. Fragend und kommentierend begleitet sie ihn bei seinem Suchen und wird dabei selbst angeregt, ihre eigene verdrängte Vergangenheit aufzuarbeiten. Schliesslich gehen sie zusammen nach Kolumbien und finden dort ihre leibliche Mutter. Dazu schrieb der Regisseur 1914: «Schritt für Schritt bietet die Geschichte Anregung zur Reflexion über drei Generationen hinweg: diejenige des in der Heimat entmündigten Vaters, seines Sohnes, der vaterlos aufwächst, und einer Tochter, die von ihrer Mutter in Kolumbien verlassen worden ist und keinen Vater haben wollte.» Die drei Generationen, die sich wandelnde Gesellschaft Afrikas, die Beziehungen zwischen den Menschen einbeziehend, bekommt der Film eine existenzielle Dimension: der Mensch ist ein «Mensch auf dem Weg», ein «Homo viator».

Titelbild: Vater Emil Deuber, aus der Schweiz nach Afrika geflohen

Regie: Walo Deuber, Produktion: 2017, Länge: 80 min, Verleih: Mythenfilm

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