11.09.2017 - Judith Stamm

Immer wieder Zürich!

Seit über 50 Jahren lebe ich in der faszinierenden Stadt Luzern, die häufig die Hitparaden der Städte stürmt. Aber Zürich, die Stadt meiner Jugend, hat einen besonderen Platz in meinem Herzen!

Dreimal hintereinander war ich vor kurzem in Zürich, zweimal am Abend, einmal tagsüber.

Da war zuerst der Besuch des Theaterspektakels auf der Landiwiese. Heiter, hell und heiss waren die Stimmung, das Abendlicht und die Temperatur. Das Publikum drängte sich, die Strassenkünstler überboten sich, die Verpflegungsstätten wetteiferten mit schmeichelnden Düften!

Im Theaterlokal sassen wir zuoberst und schnappten nach Luft. Gewählt hatte das Stück meine Freundin. Einzige Bedingung meinerseits war der Beginn der Vorstellung um 19.00 Uhr gewesen. Eine Stunde lang unterhielt uns Louis Vanhaverbeke, der unzählige Gebrauchsgegenstände im Kreis um sich ausgelegt hatte. Mit Lichteffekten, Technik, Musik und emsigem Tun brachte er sie in Zusammenhänge, fügte sie ineinander, machte sozusagen Ordnung in seinem Reich. Der vom Künstler gesungene, gerappte Text wurde in Leuchtschrift übersetzt. Das ging mir zu schnell, ich verzichtete auf das Lesen. Von einem Astronauten war offenbar die Rede und von Umweltzerstörung. Am Schluss der Darbietung blieb in einem Lichtkegel einsam und bedeutend eine kleine, weisse, verschlossene Kiste zurück. Darin liegt das Geheimnis des Ganzen, sagte ich mir. “Fremd, aber als Leistung beeindruckend“, war unser Fazit.

Und wir erreichten den Zug nach Luzern!

Am nächsten Abend war das Theater am Stadelhofen das Ziel. Garstig das Wetter, stickig die Luft im Raum, trübe die Lampen, ich konnte niemanden im Publikum erkennen. Unter der Schirmherrschaft des Sozialarchivs wurde die Vernissage einer neuen Homepage gefeiert: „Neue Frauenbewegung 2.0“. Zuerst sehr schöne Musik an einer Bassgeige von einer Künstlerin aus Togo. Dann lobende Reden, schliesslich das Podium. Rechts von mir der Abgrund, links von mir zwei altgediente Feministinnen mit Erinnerungen an ihr Studium des Haupt- und des Nebenwiderspruchs von Karl Marx. Ganz aussen eine andere Aktivistin, früher in der Reitschule in Bern engagiert. Und die Moderatorin? Jung, lebhaft, gemäss ihren eigenen Worten unerfahren im Umgang mit „grossen Tieren“. Sie liess uns alte Kämpinnen reden und laufen. Ihre bewunderswerte Leistung war, dass sie uns nach genau 45 Minuten stoppte: „Wir müssen schliessen“. Das war im Programm so vorgesehen. Aber dass es eingehalten würde, hatte ich nicht erwartet! Meine Freundin und ich, wir erreichten den Zug nach Luzern!

Nächster Tag: Piazzafest im Pfrundhof, dem ältesten Altersheim der Stadt Zürich. 1844, also noch vor Errichtung des Bundesstaates gebaut. Das Polybähnchen spuckte uns aus: die Studentinnen und Studenten und einige von dieser Norm abweichende andere Passagiere. Ich fragte den Ersten, der auch der Beste war, nach dem Pfrundhof. „Sie stehen davor“ antwortete er mit einem leicht fragenden Blick, mit einem ganz leichten Zweifel an meinem Orientierungssinn. Die Ballone und andere Dekorationen verrieten, dass das Fest draussen geplant gewesen war. Jetzt hatten sich die Köche mit reicher Auswahl im grossen Saal aufgestellt. Der Flohmarkt lockte im zweiten Stock mit attraktiven und kuriosen Gegenständen, Tüchern, Behältnissen, hervorgeholt aus alten Truhen und Schränken. Und dann ging es auf eine Führung durch das Pfrundhaus und das Bürgerasyl. Letzteres ist das Haus nebenan, welches auch im 19. Jahrhundert, etwas später als das Pfrundhaus, erbaut worden ist. Für die „Bürgerinnen und Bürger“ der Stadt. Ja, da hatte offenbar der Name „Bürgerasyl“ eine andere Bedeutung als im Kanton Luzern. In Luzern waren es eher die nicht so gut Betuchten gewesen, die im Alter im Bürgerasyl Zuflucht fanden. Denn die Gemeinden konnten damals nicht so genehme „Mitbürger“ an ihren Bürgerort abschieben. Tempi passati, heute ist die Wohnortsgemeinde für fürsorgerische Belange zuständig.

Die beiden Häuser beeindruckten mich mächtig. Schöne Treppengeländer, Holzvertäferungen, handverlegter Fischgratparkett in einem der Gänge, natürlich mit entsprechender Geschichte erzählt. Überhaupt die Geschichten, in denen immer mal wieder die Stadträtin Emilie Lieberherr auftauchte, mit ihren grossen Verdiensten um die Altersheime der Stadt Zürich! Es gab zu diskutieren, ob öffentliche oder privatisierte Heime die bessere Lösung seien. Zürich ist stolz auf seine öffentlichen Einrichtungen. In Luzern haben wir die öffentlichen Heime kürzlich privatisiert: die Entscheidungswege seien kürzer!

Auch diesen „Tatort“ verliess ich hoch befriedigt.

Und dann: Ich erreichte meinen Zug nach Luzern!

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