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09.03.2015 - Fritz Vollenweider

Liebe, Glück und Trauer...

… und wie man damit umgeht, zeigt Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“, inszeniert im Stadttheater Bern von Lydia Steier

Sie wird für die erste Oper von Monteverdi (1567-1643) gehalten und gilt als eine der wesentlichsten Vertreterinnen der Barockoper. Zur Zeit hat Barock im Musikleben Hochkonjunktur, vor allem im Rundfunk, was es nicht einfacher macht, mit einer (möglichst) kongenialen, historischen Inszenierung alle Facetten zu treffen und keine Fragen offen zu lassen.

Regisseurin Lydia Steier, bekannt für das Herausarbeiten von deutlichen Bezügen zur Gegenwart, wird dennoch der Aufgabe gerecht, angesichts der verfügbaren Musiker, Sänger und Darsteller den Grundtenor des Werks überschaubar und ohne aktualisierende, verfremdende Verschnörkelungen zum Anschauen und Klingen zu bringen. Die Anspielung mit Umbau und Gerüst fügen sich ins Bild und vermögen keinen ernsthaften Bruch zu bewirken. Es scheint denn doch eigentlich wichtig, dass die Zuschauerin, der Zuschauer von heute nicht sozusagen zurückgelehnt in den Sitz ein Museumsstück von Barockoper ansieht und -hört, mit einem Klangkörper im Orchestergraben, der auf historischen Instrumenten sich vergangener Spielpraxis befleissigt. Jede Form nichtstatischer Kunst ist darauf angewiesen, Möglichkeiten zur Identifikation zu gewährleisten, was nicht geht, ohne dass aufgezeigt wird, wo ein Bezug zum heutigen individuellen und gesellschaftlichen Leben allenfalls bestehen kann. Wenn auch in vielen heutigen Theaterproduktionen dieser Bezug manchmal überstrapaziert wird, bei Lydia Steiner und hier führt es nicht zum stilistischen Bruch mit dem Gehalt und der künstlerischen Bedeutung des Werks.

Verhängnisvoller Schlangenbiss

Ein Fest der Sinne und Klänge findet statt, im Prolog und im ersten Akt. Ein ausgelassenes Hochzeitsfest, viel Licht und Bewegung, berauschend und berauscht – und da versteinert die Kunde vom Schlangenbiss, dem Euridice zum Opfer gefallen ist, die ganze ausgelassene Hochzeitsgesellschaft. Was für eine modern empfundene, dramatisch ausgestandene Tragik, zeitlos im Ansatz wie in der Wirkung! Fortan beherrscht lange Zeit äusserlich sichtbare und innerlich empfundene Dunkelheit die Szenerie. Die Geschichte ist bekannt: Orpheus erzwingt sich den Zugang zur Unterwelt, wo er seine Gattin suchen und wieder heimführen will. Bei Monteverdis Orfeo wird die humanistische Seite des Unterfangens stärker ausgespielt, als im antiken Urbild der Tragödie angelegt. Doch schon in Ovids Vorbild ist die symbolische Bedeutung des Schlangenbisses als eine Art von Hinterhalt des Todes gegenüber dem Leben enthalten.

Liebe ist stärker als Hoffnung

Was in Monteverdis Oper anders ist: In seiner Oper zeigt er den verzweifelten Kampf des Sängers und sein grosses menschliches Engagement. Auf der Bühne erlebt man, im Dialog erst zwischen der Hoffnung und nachher mit dem Fährmann des Todes, wie Orfeo voll und unbedingt auf die Liebe setzt, eingedenk des Wortes über dem Tor zum Hades: „Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren.“ Das ist eine Botschaft, die durchaus zeitgemässen Bezug hat. Doch hier wird die archaische Grösse des Dialogs und der Handlung unbeeinträchtigt von modernistischem Gehabe auf sich selber gestellt. Das wirkt sehr stark.

Uwe Stickert (Orfeo), Kai Wegner (Caronte)

Liebe ist stärker als Vernunft

Auf dieselbe erschütternd tragische Art spielt sich der Misserfolg Orfeos ab. Es ist ihm nicht möglich, die Bedingung, zu erfüllen und sich nicht umzuwenden. Er ist von der unkontrollierbaren Heftigkeit seiner Liebe daran gehindert, seiner Vernunft zu folgen – und sein Verlust wird endgültig.

 

Camille Butcher (Euridice), Uwe Stickert (Orfeo)

Spannend ist dann die Wendung, die das Ganze nimmt. Mit dem Auftreten von Apollo wird durchaus auch christliche Symbolik, christliches Gedankengut zu einer in der barocken Oper oft üblichen „Deus-ex-machina“ – Lösung herangezogen, wenn auch im Stil und Gewand der griechisch-römischen Götterwelt, was auch zeit-charakteristisch ist.

So wenig wie der Mauerdurchbruch und das fahrbare Baugerüst stört der Gerüstlift, mit dem Apollo mit Orfeo in die bessere Welt, in himmlische Gefilde entschwindet. Es bleibt wiederum eine fröhliche Gesellschaft feiernd zurück, ausgelassen, verspielt. Wobei die angeschleppten Bierkisten dann doch glücklicherweise rasch hinter dem fallenden Vorhang verschwinden.

 

Claude Eichenberger, Sophie Rennert, Camille Butcher, Michael Feyfar, Uwe Stickert

Mit der Regisseurin Lydia Steiner zusammen gelingen Marsha Ginsberg (Bühne) und Frank Lichtenberg (Kostüme) ein Fest der hellen und dunklen Sinne. Die Musikerinnen und Musiker der Camerata Bern (Leitung: Attilio Cremonesi) und die Damen und Herren des Chors Konzert Theater Bern, (einstudiert von Zsolt Czetner) lassen diese zeitlose barocke Musik im Ganzen auf begeisternde Weise erklingen.

Grossen Anteil an diesem Fest der Sinne und der Klänge haben vor allem auch die Gesangssolisten. Camille Butcher (Euridice, La Musica), Uwe Stickert (Orfeo), aber auch die übrigen zum Teil doppelt besetzten Rollen (Claude Eichenberger, Sophie Rennert, Kai Wegner, Wolfgang Resch, Andries Coete, Michael Feyfar) zeigen eine ausgeglichen blühende gesangliche und auch darstellerische Leistung, in der das Pathos sein Gewicht hat, aber auch die Zwischentöne im berührenden menschlichen Bereich.

Alle Bilder: KTB, © Annette Boutellier

Aufführungen noch bis 29. März 2015

Konzert Theater Bern

 

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