11.11.2017 - Eva Caflisch

Russlandreisen eines jungen Dichters

Rilkes Baedeker, seine Briefe aus Russland und nie gesehene Dokumente zeigt die Literaturausstellung „Rilke und Russland“

Rilkes war um die zwanzig und träumte von Russland. Mit Lou Andreas-Salomé reiste er 1899 und 1900 zweimal nach Russland und in die Ukraine. Die beiden Reisen stehen im Zentrum der Ausstellung Rilke und Russland, zurzeit in Zürich und Bern, zuvor im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, später in Moskau. Das epochale Projekt wurde vom künstlerischen Leiter des Museums in Marbach Thomas Schmidt konzipiert und ist mehr als eine historische Literaturausstellung; gesucht war Irritationspotential, um die Reise des Dichters im Heute zu spiegeln. So bewegten sich auf Rilkes Spuren die Fotografen Barbara Klemm und Mirko Krizanovic, die Schriftstellerin Ilma Rakusa und die Filmemacherin Anastasia Alexandrowa.

Pasternak liest RilkeGedichtband mit Widmung und Foto von Boris Pasternak beim Lesen in demselben

Vor allem aber sind Dokumente versammelt, die so wohl nie mehr zu sehen sind. Ein Beispiel: das Bändchen Neue Gedichte (Leipzig 1922), das der spätere Nobelpreisträger Boris Pasternak von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, samt Foto des Lesenden. Irmgard Wirtz, Leiterin des Schweizerischen Literaturarchiv, hat massgeblich bei dem Projekt mitgearbeitet. Wir besuchten sie in Bern.

Irmgard WirtzIrmgard Wirtz - hier bei der Vernissage - verantwortet den Teil des Rilke-Nachlasses, der im Literaturarchiv in Bern aufgearbeitet wird. Foto: Simon Schmid

Seniorweb: Die Faszination Rilkes für Russland ist bekannt. Was suchte er auf den Reisen?

Wirtz: Russland war seine grosse Sehnsucht, er suchte dort eine Heimat, in der Natur, in der Kunst, aber auch in der Spiritualität, aber auch bei den beiden für ihn wichtigsten Dichtern, dem Fürsten Lew Tolstoi und dem Volksdichter Spiridon Droshshin. Die beiden Reisen waren ein gemeinsames Projekt von Rilke und seiner Geliebten Lou Andreas-Salomé. Sie war in Petersburg aufgewachsen, sie konnte russisch, und er sah dieses Russland durch ihre Augen. Er hatte durch seine Prager Herkunft selbst ein Interesse an der slawischen Kultur, tschechische Lyrik gelesen.

Russland war um 1900 ein feudalistisches, rückständiges Agrarland. Wie reagierte Rilke auf das Elend, das er sehen musste?

Im Grunde gar nicht. In Russland suchte er eine Ursprünglichkeit, die er auch fand, in der Ostermesse in Moskau, die zu seinem Erweckungserlebnis wurde, oder im Dorf beim Bauerndichter Droshshin, wo Lou und er in einer Hütte auf Strohsäcken schliefen, Rilke fand das idyllisch, während Lou im Reisetagebuch festhielt, wieviele Mücken sie gestochen hatten. Sie nahm die Beschwerlichkeit des Lebens auf dem Land wahr, während Rilke das ausblendete. Dass er nur fand, was er suchte, und sich bei dieser Suche nicht irritieren liess, würde ich als Eigenart oder Qualität bezeichnen.

Rilke, Lou, Droshshin, bei TolstoiRilke, Spiridon Droshshin und Lou Andreas-Salomé bei Nikolai Tolstoi, Fotografie mit Namen der Personen von Droshshins Hand (1900) (Droshshin Museum, Sawidowo)

Gemeinsam besuchten sie beide Male Lew Tolstoi, für Rilke endeten die Besuche als Debakel:

Tolstoi ignorierte ihn und wollte ihn von dem Wunsch abbringen, die Ostergottesdienste und damit die Religiosität zu suchen. Beim zweiten Besuch erinnerte sich Tolstoi nicht einmal mehr an ihn, fragte ihn, womit er sich beschäftige, und kanzelte ihn ab, Lyrik sei keine relevante Gattung. Diese Enttäuschungen werden in einer sehr viel späteren Phase von Rilkes Schaffen manifest: In der letzten Fassung des Malte hat er ein geplantes Tolstoi-Kapitel durchgestrichen. Das wirkt wie eine Abrechnung mit diesem Übervater.

Trotz dieser Enttäuschung blieb Rilke lebenslänglich seinem Russland verbunden. Kann man die beiden Reisen als Initialzündung für sein Schaffen betrachten?

Ja , wir sehen es nach der Realisierung der Ausstellung so, dass da etwas erwachte, das seine Lyrik und seine Betrachtung der Dinge stark beeinflusste. Er hat eine eigene Poesie entwickelt, die sich vom Symbolismus abgrenzt, die aber auch nicht radikal in der Moderne ist, vielmehr hat er seine eigene Sprache gefunden. Er reflektiert das auch in seinen Essays zur russischen Kunst. Dabei unterstützte und begleitete ihn Lou; sie riet ihm von einer Therapie ab, weil er damit seine Innenwelt analytisch verstehe und sie nicht mehr als Quell seines Schreibens nutzen könne. Im Nachhinein betrachtet könnte ihre lebenslange Begleitung mit Briefen die Therapie gewesen sein.

Was ist das Aussergewöhnliche an dieser Ausstellung, abgesehen von der trinationalen Zusammenarbeit?

Vor allem die vielen Leihgeber, die ihre Archive öffneten. Es ist eine sehr versprengte Überlieferung, vieles ist in russischen Archiven, bei den Briefpartnern, bei Pasternaks beispielsweise. Während der russischen Besatzung Ostdeutschlands wurde auch manches konfisziert, denn Rilke war in Russland präsent, wurde immer wieder übersetzt. Das Besondere ist, dass im Bereich der Kultur grenzübergreifende Zusammenarbeit, mit der die Politik sich schwer tut, gelungen ist.

Was ist einmalig und wohl nie mehr so zu sehen?

blick in die berner expoBlick in die Ausstellung in der Nationalbibliothek in Bern. Foto: Simon Schmid

Gute Frage. Ich würde sagen der Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa, einer der wichtigsten russischen Dichterinnen. Die Briefe von Marina Zwetajewa sind hier im Literaturarchiv, die Briefe von Rainer Maria Rilke bei Elena Pasternak in der russischen Föderation, also in privatem Besitz. Jetzt wird dieser Briefwechsel in einem speziellen Kubus präsentiert, danach wieder auseinandergenommen. Auch das, was aus zwei Privatnachlässen von Lou kommt, es sind über hundert Dokumente, wird wieder zurückkehren. Ob man die Skizzen von Reisetagebüchern und wichtigen Briefe je wieder zu Gesicht bekommt, hängt vom Goodwill der Familien ab. Es sind ältere Menschen, deren Erben hoffentlich wissen, was sie tun und die Dinge auf dem Markt anbieten.

rilke - gezeichnet von leonid pasternakLeonid Pasternaks Skizze für das Ölgemälde von Rainer Maria Rilke

Rilkes Lyrik und einige Prosa kennen wir, in der Ausstellung erfährt man, wie sehr beispielsweise das Stundenbuch oder der Cornet mit dem Russlanderlebnis zu tun haben. Und man bekommt einen Einblick in seine Briefe. In einem Kolloquium zu Rilkes Korrespondenzen Ende September stellten wir fest, dass er in jeder seiner Briefbeziehungen, die meist nur ein paar Wochen oder Monate dauerten, einen anderen Ton, andere Themen und jeweils eine eigene Sprache entwickelt. Das ist sehr faszinierend.

Ich glaube, in den Korrespondenzen ist Rilke nochmals zu entdecken. Die Forschung konzentriert sich auf die grossen Gedichtzyklen, und auf den Malte, und seit zwei drei Jahrzehnten schläft sie. Vielleicht schrecken viele vor seinem Pathos und vor der Innerlichkeit zurück. In Zeiten, wo Coolness angesagt ist, verstört eine Haltung wie diese.

rilkezeilen als tattooDiese Rilke-Zeilen liess sich Lady Gaga 2009 auf den linken Arm tätowieren. Das Datum erinnert an den Tod ihrer Tante Joanne.

Das Gegenbeispiel: Lady Gaga hat auf dem Oberarm ein Rilkezitat tätowiert, vier Zeilen aus den Briefen an einen jungen Dichter. Das Zitat ist für das Selbstverständnis von Gegenwartskünstlern sehr wichtig.

So hätte Rilke doch einen Platz in der aktuellen Künstlerszene?

Rilke war ein Suchender, er sagt ja von sich nach den Reisen, dass Russland zu seiner imaginären Heimat geworden sei, das gehöre zu den unerschütterlichen Gewissheiten über die er verfüge. Ich glaube mit Rilke verstehen wir neu, was Heimweh bedeuten kann, unabhängig von einem Ort oder einer Familie oder einer Landschaft. Eine moderne Haltung. Deshalb erschütterte ihn auch die Revolution in Russland nicht.

Die Ausstellung ist bis zum 10. Dezember im Strauhof Zürich(link is external) und in der Nationalbibliothek(link is external)in Bern zu sehen. Es gibt einen Audioguide, und Hörstationen mit Rilke-Texten runden den Eindruck der Exponate ab. Im Katalog ist u.a. der Essay von Ilma Rakusa nachzulesen. In Bern wurde die Rilke-Schau mit zwei Schweizer Vorgängern von Rilke erweitert, nämlich Carl Spitteler und Blaise Cendrars. 
Der Katalog kostet 35 Franken; eine schmale Broschur in gleicher Ausstattung ist in Bern zur Zusatzveranstaltung Cendrars-Spitteler (beide Schriftsteller wurden durch ihre längeren Aufenthalte in Russland geprägt) erhältlich.

Hier finden Sie alle Veranstaltungen(link is external).  

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