15.09.2017 - Eva Caflisch

Sechs Männer mit Kamera

Mit dem Projekt „Heimat ist auch ein Ort“ macht die Herberge zur Heimat, das Männerwohnheim in der Zürcher Altstadt, einen Schritt in die Öffentlichkeit.

„Ein sehr gutes Projekt,“ sagt Rudolf Heinrich Gujer (*1953), Bewohner der Herberge zur Heimat  und neuerdings Fotograf. Nun sind seine besten Bilder in der Photobastei ausgestellt. Fünf weitere Männer aus dem Wohnheim machten ebenfalls mit und fotografierten ihren Alltag – so die Vorgabe. Nur zehn Tage bis zum 24. September dauert die Ausstellung, aber bei der Vernissage konnte man zeitweilig vor lauter interessierten Menschen jeden Alters die Bilder kaum sehen.

expo photobasteiAngeregtes Vernissage-Gespräch in der Photobastei

Medienberichte über Randständige oder Obdachlose und ihre Helfer haben ein gutes Echo. Aber sie zeigen nur die eine Seite, denn die sozial Ausgegrenzten werden meist nicht gefragt. Die Herberge zur Heimat, die seit 150 Jahren Männern ein warmes Bett, heute vermehrt einen Wohnort für länger oder für immer anbietet, hat mit Christian Wittwer als künstlerischem Leiter den Bewohnern „nicht nur eine Stimme, sondern im wahrsten Sinn des Wortes auch ein 'Gesicht' gegeben,“ sagt er. Bei einer Versammlung wurde die Idee gutgeheissen, und sechs sehr unterschiedliche Männer bekamen eine Digitalkamera mit dem Auftrag, ihren Alltag fotografisch zu dokumentieren.

expo herbergeheimatHanspeter Bolliers Bilder zeigen das Alleinsein mit kleinen Träumen von einem besseren Leben

Die Kamera konnten sie behalten, aber einer habe die seine verkauft, bemerkt Geschäftsleiter Maurus Wirz. Früher wäre er der Herbergsvater gewesen, früher gab es auch Zeiten, in denen die Bewohner streng überwacht wurden, heute dagegen ist das Credo, eine Wohnmöglichkeit ähnlich wie in einer Familie anzubieten. So zeigt der fotografierte Alltag auch immer wieder die in der Heimat beschäftigten Frauen – beim Essen ausgeben beispielsweise. Ein intimer und spannender Einblick in das Dasein der sechs Fotografen und ihrer Mitbewohner ist entstanden, die Bildfolgen erzählen Geschichten von Einzelschicksalen, vom Alltag in der Herberge, von Beobachtungen und Beschäftigungen draussen, viel verraten sie aber auch über den Fotografen. Spürbar wird die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, die Qualen des Alleinseins, die Wahrnehmung seiner selbst. In den fünf Lebensläufen (einer mochte sich nicht outen) gibt es regelmässig die Brüche, die ins Abseits führten – Langzeitarbeitslosigkeit, Krankheiten, Alkoholismus, Familienkrisen.

6 fotografen herbergeheimatDie sechs Fotografen präsentieren sich mit ihrer Idee von Heimat

Die Vernissage bot Gelegenheit, die stolzen Künstler und ihre Freunde aus der Herberge nicht nur zu sehen, sondern auch zu sprechen. Es geht ihnen offensichtlich besser als vor ihrer Zeit in der Heimat. Die Institution, gegründet als christliche Herberge, bietet heute mehr als ein Dach über dem Kopf: Begleitung und Betreuung im Alltag sowie Pflege wenn nötig sind die Vorgaben. Witziges à-propos im Ausstellungsraum ist eine alte Hausordnung, wo von der täglichen Andacht als Pflichtübung die Rede ist, oder davon, dass kein "Trinkzwang" herrsche, und Schnapsflaschen in der Herberge zur Heimat unerwünscht seien. Im letzten Jahrhundert war die Herberge auch das übliche Gasthaus der fahrenden Gesellen.

fischer herbergeheimatLeidenschaftlicher Fischer und lockerer Sprücheklopfer: Peter Zuppinger - bald Rentner mit Vollrente

Peter Zuppinger (*1954) ist ein Seebueb, hat als Krankenpfleger im Universitätsspital gearbeitet und „keine Lücken“ bei der Rente. Er hatte mal ein Alkoholproblem und diverse Rückenoperationen, von denen er sich nicht mehr wirklich erholt. So ist sein Spruch auf der schwarzen Tafel: „Heimat ist: sich wohlfühlen.“ Zuppinger ist passionierter Hobbyfischer mit Brevet, eines seiner Fotos zeigt ihn mit einem stattlichen Hecht: „Seit dem neuen Küchenchef kann ich den Fang heimbringen, und er wird zubereitet,“ freut er sich. 

wettermensch herbergeheimatFotos von Wetterphänomenen zeigt Martin Gyger, einst obdachlos und einmal Wettermacher am Fernsehen

Auf seiner schwarzen Tafel heisst es: „Heimat ist Geborgenheit.“ Denn Martin Gyger (*1961) hat strube Zeiten als Obdachloser und Alkoholiker erlebt, nachdem sich sein Familientraum brutal zerschlug, weil ihn die reichen Eltern der Geliebten und Mutter seiner Tochter, die er nie gesehen hat, mit viel Geld und einem Kontaktverbot abservierten. Ein schwerer Unfall warf ihn gänzlich aus der Bahn. Die IV-Rente begann er zu versaufen, acht Jahre lebte er in einem VBZ-Tramhüsli, wo er von Tele-Züri mal ein Kurzengagement als Wettermoderator bekam. Jetzt nimmt er sich täglich vor, nichts zu trinken und schafft es seit vielen Wochen, auch an Vernissagen.

drei kundi von herbergeheimatEitel Freude und Heiterkeit bei (von links) Hanspeter Bollier, Peter Zuppinger und Martin Gyger

In der Ausstellung liegt eine Broschüre als kleiner Katalog auf, in der das Konzept, die Ziele der Herberge zur Heimat und die Fotografen mit ihren Bildern vorgestellt werden. Das Projekt ist nicht mit Fundraising verbunden, dennoch scheint es mir richtig, hier auf das Spendenkonto hinzuweisen:

Spendenkonto: PC 80-4511-8
IBAN: CH63 0900 0000 8000 4511 8

Photobastei bis 24. September 
Fotos © E. Caflisch

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