12.10.2017 - Redaktion Seniorweb

Unbekanntes Kirchner Original

Das Museum Rietberg in Zürich zeigt ein neu entdecktes Aquarell des Expressionisten.

Bis zum 14. Januar 2018 beleuchtet die Ausstellung Alice Boner in Indien – Ein Leben für die Kunst beleuchtet das Leben und Wirken einer der ungewöhnlichsten und noch wenig bekannten Schweizer Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Inmitten der gezeigten Objekte: ein bisher unentdecktes Werk des deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938). Das Aquarell schlummerte ein knappes Jahrhundert im Davoser Chalet von Alice Boners Familie. Alice Boner (1889–1981) verbrachte mehr als 40 Jahre ihres Lebens in der indischen Stadt Varanasi, wo sie als Künstlerin, Mäzenin, Sammlerin und Kunsthistorikerin arbeitete und als vielseitig interessierte Kulturbotschafterin agierte.

kirchner-aquarell alice boner nachlassErnst Ludwig Kirchner hat dieses Aquarell dem "Fräulein Boner" in Davos gewidmet

Doch Alice Boner hatte auch eine enge Verbindung zu Davos. Das Boner-Chalet, in dem der Vater Georg seine Kindheit verbrachte, blieb ein Mittelpunkt der Familie, zumal Alices geliebte Tante Anna dort lebte. Auch Alice Boner hielt sich oft dort auf. Überraschung bei Recherchearbeiten vor Ort: Im Oktober 2016 besuchte Andrea Kuratli, Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Archivs Alice Boner am Museum Rietberg, das Boner-Chalet in Davos. Beim Durchblättern einer Mappe mit leeren Papierbögen stiess Kuratli auf ein Aquarell: «Als ich das Bild entdeckte, schoss mir sogleich ein Gedanke durch den Kopf: Das könnte ein Kirchner sein.»

Ein Blick auf die Widmung bestätigte den ersten Eindruck, standen doch der grosse deutsche Expressionist und die damalige Schweizer Kunststudentin im Kontakt. Weitere Recherchen, auch in Zusammenarbeit mit dem Kirchner Museum Davos, konkretisierten Herkunft und Details zum schönen Fund. Das einfache Aquarell eines Hirten mit drei Ziegen trägt die Aufschrift «Für Fräulein Boner mit herzlichen Wünschen E. L. Kirchner». Die Datierung fällt auf die Zeit zwischen 1919 und 1925. Der Verweis auf «Fräulein Boner» ist indes nicht eindeutig: Kirchner meinte damit entweder Alice Boners Tante Anna Boner, die mit Kirchner einen regen Austausch pflegte, oder Alice Boner selbst – sie erwähnt er auch in seinem Davoser Tagebuch.

Ernst Ludwig Kirchner zog 1917 nach Davos, um die Abgeschiedenheit für sein kreatives Schaffen zu nutzen. 1938 setzt er hier seinem Leben ein Ende. Für die Verantwortlichen des Museums Rietberg stand ausser Frage, wo das entdeckte Werk am besten aufgehoben ist: «Davos hatte Ernst Ludwig Kirchner bei seinem Wirken inspiriert, auch die Begegnung mit Alice Boner fand dort statt. Es gibt in meinen Augen nur einen Ort, der diesem frisch entdeckten Werk gerecht werden kann: das Kirchner Museum Davos», so Albert Lutz, Direktor des Museums Rietberg. Nach dem Ende der Ausstellung über Alice Boner, die Zeit ihres Lebens eng mit dem Museum Rietberg verbunden war, geht das Aquarell als Schenkung nach Davos.

Die vom Museum Rietberg produzierte Ausstellung über Alice Boner wurde unter dem Titel Alice from Switzerland – A Visionary Artist and Scholar Across Two Continents bereits in Indien, wo Boner jahrzehntelang lebte und arbeitete, gezeigt. Einen Einblick gibt dieses Video:

Die Ausstellung "Alice Boner in Indien - ein Leben für die Kunst" im Museum Rietberg dauert noch bis zum 14. Januar. Zu der Ausstellung ist eine Publikation in englisch erschienen.
Bilder © Museum Rietberg (Teaserbild: Alice Boner in Indien)

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