11.09.2017 - Hanspeter Stalder

Vintage Cinema powered by trigon-film.org

Empfehlenswert für Cinephile, die nicht beim ZFF Galas besuchen und vor dem grünen Teppich Stars anhimmeln, sondern andere Filme sehen wollen.

Trigon-film lanciert das Label «Vintage Cinema», um unverwüstliche Highlights aus der Zelluloidzeit des Kinos in digitalisierter und restaurierter Form auf der grossen Leinwand wieder zu zeigen: für jene, die sie einst genossen haben, als Chance zum Wiedersehen, für jene, die sie noch nicht kennen, als Gelegenheit zum Entdecken. Die handverlesenen Filme aus unterschiedlichen Regionen, Genres und Jahrzehnten kommen ab September 2017 ungefähr in monatlichen Abständen in die Kinos, können aber auch als DVD oder Blue Ray gekauft werden. Auskünfte über Ort, Zeit und Verfügbarkeit gibt es auf der Website trigon-film.org.

«Vintage Cinema» ist eine neue Aktivität des rührigen Verleihs, nach dem grossartigen Buch «Welt in Sicht» und dem originellen Bändchen «Die Farben der Welt», welche die Augen öffnet für den anderen Film und für die andere Welt. Ergänzt werden die neuen, alten Filme durch ein Postkarten-Set im Vintage-Stil. Die aktuelle Staffel umfasst folgende sechs Titel:

«A Touch of Zen» von King Hu, Taiwan 1971

Der junge Ku Shen Chai ist ein Künstler im China der Ming-Dynastie. Er lebt nahe einer verlassenen Festung, in der es spuken soll. Mysteriöse Geräusche locken ihn an, und er trifft auf die bildhübsche Yang Hui Ching, die mit ihrer Mutter lebt. Der märchenhafte Spielfilm ist das stilbildende Meisterwerk des Wuxia-Genres, Vorbild von späteren Erfolgen wie «Crouching Tiger, Hidden Dragon» von Ang Lee. Die Zeitschrift «Cinema» schrieb damals: «Hus Meisterwerk ist "Ein Hauch von Zen": Die atemlos gebannte Jury in Cannes übergab ihm den Technik-Grand-Prix. Obwohl der Film auf einer Gespenstergeschichte beruht, ist er hochphilosophisch. Das Genialste war, dass Hu die Vorlage um die für ihn so signifikanten furiosen Martial-Arts-Kämpfe erweiterte. Die noch heute unübertroffene Sequenz im Wald machte ihn zum wichtigsten Wegbereiter des Actionkinos Asiens. Ein einzigartiger Klassiker, ein Meilenstein des Genres.» Ab September.

A Touch of Zen«A Touch of Zen»

C'eravamo tanto amati» von Ettore Scola, Italien 1974

Wohl eine der schönsten Liebeserklärungen ans Kino, die Italianità, das Leben und die Liebe. Nino Manfredi, Vittorio Gassman, Stefano Satta Flores und Stefania Sandrelli spielen die Hauptrollen in dieser Reise durch Italiens Geschichte am Ende des 20. Jahrhunderts. Figuren wie Vittorio De Sica, Federico Fellini und Marcello Mastroianni treten auf, die letzten bei den nachgestellten Dreharbeiten zu «La dolce vita» am Trevi-Brunnen mit Anita Ekberg. Wir verfolgen mit Scola den Lebensweg von drei Freunden. Der Film blendet aus der Zeit seiner Entstehung zurück in die Zeit der Resistenza, um kaleidoskopartig unter anderem die Geschichte der italienischen Linken zwischen Utopie und Anpassung zu entfalten und zum Teil die Geschichte des italienischen Kinos. «C'eravamo tanto amati» (Wir haben uns so sehr geliebt), diese schwungvolle, unterhaltsame, elegante Tragikomödie geht trotz satirischer Zwischentöne ans Herz. Ab Oktober.

Ceravamo tanto amati«C'eravamo tanto amati»

«Stray Dog» von Akira Kurosawa, Japan 1949

In diesem Film ist er noch jung: Toshiro Mifune, jener Schauspieler, der später weltweit bekannt wurde mit Meisterwerken wie «Rashomon». Hier hat Akira Kurosawa einen Krimi gestaltet auf dem Hintergrund der jüngsten und nie verarbeiteten japanischen Kriegsvergangenheit, von der seine Figuren erzählen. «Stray Dog» (Ein streunender Hund) spielt während des schwül-heissen Sommers im Tokyo des Jahres 1949. Dem blutjungen und völlig unerfahrenen Inspektor Murakami wird in einem überfüllten Bus die geladene Dienstwaffe aus der Jackentasche gestohlen. Er ist ausser sich, befürchtet schlimmste Konsequenzen für seine Karriere. Gemeinsam mit einem älteren Kollegen macht er sich auf die Suche nach dem Dieb. Dabei durchstreifen wir mit ihnen den japanischen Nachkriegsalltag. Eine eindrückliche Milieustudie, in welcher der Meister uns vor Augen führt, was er erzählerisch, atmosphärisch und visuell uns noch bieten kann. Ab November.

Stray Dogs«Stray Dog»

«El lado oscuro del corazón» von Eliseo Subiela, Argentinien 1992

Oliverio, ein junger Dichter in Buenos Aires, ist ein geborener Bohemien, der sich sein Geld mehr schlecht als recht mit Werbesprüchen für eine Agentur verdient. Daneben verbringt er seine Zeit damit, Liebesgedichte gegen Steaks einzutauschen oder Autofahrern Verse vorzutragen. Doch in Wirklichkeit ist er auf der Suche nach der Frau, von der er nur das Eine verlangt: dass sie vom Boden abheben und mit ihm fliegen kann. Wer den sinnlichen, erotischen und poetischen Höhenflügen nicht zu folgen vermag, wird von Oliverio kurzerhand weggezaubert. Die Suche führt ihn auf die andere Seite des Rio de la Plata, nach Montevideo, in einen Nachtklub, zu Ana, von der er glaubt, sie könne endlich seine «dunkle Seite des Herzens» öffnen. «Ein Film wie ein Gedicht! Voller Lust am Fabulieren», schrieb damals die «Berliner Morgenpost» und «Dies ist mehr als Kino: Dies ist eine Aufforderung, voll und ganz zu leben, «Séquence». Ab Dezember.

El lado oscuro del corazon«El lado oscuro del corazón»

«Solaris» von Andrei Tarkowski, Russland 1972

Die Filme des Russen Andrei Tarkowski scheinen für die Ewigkeit geschaffen, und so hat auch sein Science-Fiction-Film «Solaris» etwas absolut Zeitloses. «Solaris» geht auf den 1961 erschienenen Roman des polnischen Autors Stanislaw Lem zurück, der Tarkowski zu einem Abstecher in die Welt der Science-Fiction inspiriert hat. Handkehrum wird man feststellen müssen: Ausserhalb der Zeit war der Russe eigentlich immer. Hier begleitet er den Psychologen Kris Kelvin auf Rettungsreise zum Planeten Solaris, der im Sternbild des Wassermanns steht. Die Wissenschaftler auf der Forschungsstation sind durch eine eigenartige Lethargie auf sich selber zurückgeworfen, denn im Ozean um Solaris materialisieren sich ihre Gedanken. In dieser mit einfachsten Mitteln gestalteten Zukunftsgeschichte wird deutlich, dass wir uns nur von der Vergangenheit befreien können, wenn wir sie akzeptieren. Tarkowskis Reise hinaus führt stets hinein. Ab Januar 2018.

solaris«Solaris»

Allein schon diese sechs Titel von «Vintage Cinema» aus den Jahren 1949 bis 1992 zeigen, was die Siebte Kunst leisten kann: Menschliche Träume und Ängste in Bilder und Töne transzendieren, indem sie das Alltägliche und Materielle ins Allgemeine und Immaterielle erhöht und so Sinn stiften kann.

Titelbild: «Solaris»

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