Meine ersten drei Jahre in der Schule waren noch ganz gut, ich ging sehr gerne zur Schule. Der Lehrer war nett…
von Rosemary Huber(64, lebt heute in Thusis GR)
Meine ersten drei Jahre in der Schule waren noch ganz gut, ich ging sehr gerne zur Schule. Der Lehrer war nett, und im Sommer durften wir jeden zweiten Tag anstatt in die Turnstunde in die Badeanstalt. Das fanden fast alle, natürlich auch ich, super. Meine Zeugnisnoten wurden gelobt. Aber schon bald änderte sich alles.
Was damals noch niemand wirklich wusste, war, dass ich sehbehindert und farbfehlsichtig bin. Aufgrund einer Meldung meines damaligen Lehrers, welcher feststellte, dass ich an der Wandtafel nicht lesen und Farben nicht unterscheiden konnte, ging mein Vater mit mir zum Optiker. Der verpasste mir eine Brille, mit welcher ich noch weniger sah und die ich meistens, sobald ich ausser Haus war, nicht trug. Erst als ich elf Jahre alt war und der in der Zwischenzeit konsultierte Augenarzt nicht mehr weiter wusste, wurde ich an das Unispital Zürich geschickt, um Abklärungen zu machen. Zu meinem Glück musste ich keine Brille mehr tragen, denn diese Sehbehinderung konnte mit einer Brille nicht korrigiert werden.
Ab der 3. Klasse wechselten die Lehrer und Lehrerinnen, und für mich war die schöne Zeit in der Schule endgültig vorbei. Ich war eher gross gewachsen, also musste ich in der zweithintersten Bank sitzen. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als bei meiner Banknachbarin abzuschreiben, dafür wurde ich bestraft. Nach langem Hin und Her durfte ich „grosser Stürchel", wie mich der Lehrer nannte, in die vorderste Bankreihe sitzen. Dieser Lehrer machte sich einen Spass daraus, mich an die Wandtafel zu rufen, um z.B. Verben rot, Substantive grün und Adjektive braun zu unterstreichen. Da ich in der Kreidenkiste diese Farben nicht eruieren konnte, durfte mich die ganze Klasse auslachen: „Jetzt ist die in der 4. Klasse und kennt die Farben immer noch nicht, hahaha!!"
Auch meine Zeichnungen wurden präsentiert, weil die Farben nicht stimmten. Auch das war ein Gelächter wert. In der Zwischenzeit musste ich oft nach Zürich in die Augenklinik und für bevorstehende Untersuchungen ein bis zwei Tage vorher Salben in die Augen streichen. Nun konnte ich auch nicht mehr in den Büchern lesen und nicht mehr schreiben, alles war verschwommen. Wieder vor die Klasse stehen, wieder auslachen lassen und anschliessend, während der Pause vor die Tür in der Ecke stehen, damit alle Kinder auf dieser Etage sahen, dass ich "Mist" gebaut hatte.
Zu sagen ist noch, dass der Lehrer betreffend die Untersuchungen informiert war, aber das interessierte ihn nicht. Genauso hinderte es ihn nicht, mich als Simulantin hinzustellen mit der Begründung, wenn ich wirklich nicht gut sehen könnte, hätte ich eine Brille, und zudem sähe man meinen Augen nichts an. Die Zeugnisnoten erfüllten genau das erforderliche Minimum, um zu promovieren, damit er sein gemeines Spiel mit mir weitertreiben konnte!
Dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte und mich für meine Sehbehinderung schämte, lag auf der Hand. Meine Eltern konnten nichts ausrichten, denn mein Vater arbeitete als Betriebsschlosser in einer Fabrik, und „die von der Fabrik“, wie er uns nannte, „sind sowieso alle dumm“. Obwohl es einen Schulvorstand gab und meine Eltern dort vorsprachen, interessierte die „Geschichte" niemanden.
Erst auf eine Frage seitens der Augenklinik, wie es mir in der Schule erginge, kam endlich mein ganzes Leiden an den Tag. Sofort schaltete sich der Arzt ein, orientierte den Schularzt und nach diversen Abklärungen wurde der Lehrer zum Schulvorstand zitiert. Dumm grinsend „rühmte" er mich anschliessend ab und zu: „Siehst du, es lohnt sich, wenn du dir Mühe gibst!"
In der Zwischenzeit war ich bereits in der 6. Klasse und ein Klassenwechsel stand wieder bevor. Zum Glück unterrichtete dort ein sehr junger, unvoreingenommener und neutraler Lehrer. Meine Zeugnisnoten verbesserten sich um einiges und ich war wieder jemand.
Trotzdem, meine Schulzeit blieb eine Tragödie und ich schämte mich noch lange für meine Sehbehinderung!
Ein Beitrag aus dem Projekt "Generationen schreiben"