A.B., sein ganzer Name ist dem Verfasser noch kantig ins Gedächtnis geschrieben, war der Primarlehrer, der 1943 uns dreissig Erstklässler in Basel West unter seine Fittiche nahm. Er hatte anthroposophische Ideen und liess uns Gedichte von Albert Steffen, aber auch Goethe auswendig lernen; das nahe Goetheanum gehörte zu seinen Schulausflugszielen. Daneben hatte er leider auch sadistische Züge, er verteilte „Tatzen“ mit dem Stock. Hatte er einen seiner Schüler auf dem Kieker, dann nahm er ihn auch einmal mit auf die Toilette, wo er ihm weit herum hörbar den Hosenboden verdrosch.
Ich getraute mich nicht, meinem Vater von solchen Prügeleien zu erzählen. Zu den Verhau-Kandidaten gehörten Kinder aus der Unterschicht. An den mindestens ebenso frechen und verlogenen Knaben „aus gutem Hause“ vergriff er sich nicht. Denn sie waren seine Spezis, die ihm jeweils die Skiferien bezahlten, zu denen er uns mitzunehmen pflegte. Wobei sich unser Skiprogramm auf Felle montieren, den Berg hinaufstapfen, Spitzkehren üben und Telemark fahren beschränkte.
Bis ins hohe Alter hinauf verfolgten mich in gelegentlichen Albträumen seine Brüller am Idiotenhügel: „Knie beugen, Schindler, Vorlag gäh!“ Globi-Bücher und Karl-May-Romane waren verboten, das galt als Schund. Dass ich Wölfli wurde, dann sogar Pfader, gefiel ihm gar nicht. Ihm hätte besser gefallen, wenn ich einer kirchlichen Jugendgruppe angehört hätte.
Mich als Züritütsch-angehauchten Basler brachte er manchmal mit seinem Dialekt in Verlegenheit. So schickte er mich zu einem Werklehrer, ich müsste „Laim“ holen. Natürlich dachte ich nicht an Lehm, aus dem „Laimental“, sondern an Leim. Und so brachte ich denn meinem Lehrer auch keinen knetbaren Ton, sondern einen Kessel Knochenleim. Bei den Schülern hiess ich zuerst „Schine“, später nach meiner Aufnahme bei den Pfadi nannten sie mich Sprysse, meinen Pfadinamen, der auf meiner Magerkeit beruhte.
Ich war immer handwerklich eine Nuss. Das lag an meiner angeborenen Unbeholfenheit, aber auch an der Ungeduld meines Vaters, der mir, wenn ich etwas ungeschickt anfasste, jede Arbeit aus der Hand nahm, um mir zu zeigen, wie’s gemacht wird. Einmal brachte ich ein von meinem Vater gebasteltes Schiff mit in die Schule und brüstete mich, es selbst gemacht zu haben. Ausgerechnet mein bester Freund, der spätere Staatsarchivar in Chur, gab mich der Verachtung meiner Mitschüler preis. Wahrheitsgemäss sagte er, nicht ich hätte das Schiff gebaut, sondern mein Vater, es sei auch kein Basler Rheinschiff, sondern ein Zürisee-Ledischiff. Und als der Lehrer mich schützen wollte: „Aber da steht doch BS auf dem Segel, Basel Stadt!“ ging mein Freund zum vernichtenden Schlag über: „Stimmt nicht, BS heisst Bärni Schindler!“ Wieder einmal war ich derjenige, über den gelacht werden durfte. Und A.B. lachte mit.
Immerhin, er hat uns Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen beigebracht. Ganze sieben von uns kamen nach der vierten Primarschule ins Gymnasium, zwei von uns ins RG (Realgymnasium), die andern genossen die humanistische Bildung ihrer Vaterstadt, wie damals schon in Nekrologen zu lesen war.
Im Schulhaus gab es zwei Portale, vor denen wir uns jeweils nach der Pause in Dreierreihen aufstellen mussten, bevor uns der Abwart hineinliess. Die Mädchen auf der linken, wir auf der rechten Seite. Einmal in der ersten Klasse entdeckte ich das Urseli, meine Kindergartenliebe, die in den Augen meines Vaters nur einen Makel hatte, sie ass keine Suppe. Ich schlenderte zu ihr hinüber und wollte sie begrüssen. Von der Bubenseite kam Hohngelächter: „Lueg d’Schine, e Meitlischmöcker!“ Bei den Mädchen sah ich trotzige Ablehnung. Urseli hatte ihren roten Kopf hoch erhoben und schaute über mich hinweg. Seither wusste ich, dass es sich für einen Buben nicht schickte, mit „Stückern“ oder „Weibern“ zu verkehren.
Die dritte und vierte Klasse verbrachten wir in diesem Schulhaus. Dank meiner guten Aufsätze stieg ich in der Achtung meines Lehrers. Auch meine Mitschüler plagten mich nicht mehr. Ich war nicht mehr der „Stenz“, der jeden Tag mit einem zu klein gewordenen Kittel auftauchte, während die andern Pullover tragen durften. Es bahnten sich neue Freundschaften an, zwei davon haben bis heute gehalten.
In der letzten Primarschulklasse verblasste mein Lehrer, vor dem ich so Angst gehabt hatte. Der Krieg ging vorbei, durch das Schulhaus pfiff ein frischerer Wind. Bei einem Bazar für Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte auf dem Petersplatz erschien eine Bazar-Zeitung, in welchem mein erstes Gedicht veröffentlicht wurde. („... Darum spendet, liebe Leut, dass es Euch an nichts gereut...“)
1947 begann die Gymnasialschulzeit im altehrwürdigen Schulhaus auf dem Münsterhügel am Bischofshof. Andere Kollegen, andere Lehrer - in Erinnerung geblieben ist mir besonders der typische Schulhausgeruch aus Schweiss, Schmierseife, Desinfektionsmitteln und Angst. A.B., meinen Primarschullehrer, sah ich ein Jahr darauf mit einer gemischten Klasse spazieren. Er war der erste, der die Koedukation einführen durfte. Dem Vernehmen nach soll er von seinen Schülerinnen geliebt und den Schülern verehrt worden sein. Seine Prügeleien kann ich ihm nicht vergessen. Sonst aber: Er ruhe in Frieden.
Bärni Schindler, der trotz allem Pfadfinder wurde Bild: vVg
Die Initialen des Lehrers und das Schulhaus sind aus rechtlichen Gründen geändert oder unkenntlich gemacht. Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.
Ein Beitrag aus dem Projekt "Generationen schreiben"