Leben

Vom Wölfli zum Meuteleiter

Vom Wölfli zum Meuteleiter

Meine ersten Schritte zur Emanzipation - von schwachem Selbstvertrauen zu klaren Vorstellungen.

Alles ging blitzschnell, als sich die Gene meiner Mutter und die meines Vaters vereinten und ich während zirka neun Monaten von einem mickrigen Kaulquappen-ähnlichen Schwanztierchen zu einem kleinen Menschen wurde. Meine ersten Kickboxtaktiken lernte ich bereits im Mutterleib und ich machte meinen Willen, die Welt zu erblicken, auch bald schmerzhaft bekannt. So schlüpfte ich am 28. Februar 1990 mit lautem Geschrei dem Licht entgegen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch das kleine, niedliche Baby, doch ein halbes Jahr später flogen meinetwegen schon ganze Blumensträusse, Teller, Spielsachen und andere Dinge, die nicht beschädigt werden durften, durch die Luft, denn ich hatte das Krabbeln entdeckt. Nur sechs Monate später marschierte ich schon mehrere Kilometer am Tag. Mit meinen noch etwas schwer verstehbaren Wörtern gab ich meine Befehle oder Wünsche lautstark bekannt.

Durch meine Fortschritte kam dann auch schon der erste Kindergartenbesuch. Wir hatten das Thema «der Elefant Elmar.» Wir lernten viel über Elefanten und zeichneten und bastelten ausgiebig. Natürlich mussten unsere Zeichnungen mit unserem Namen beschriftet werden, doch leider wollte unsere Kindengartenlehrerin uns nicht dauernd die Zeichnungen beschriften, nein, wir sollten es selbst machen. Ich hatte da logischerweise etwas Mühe, denn mein Name hat nicht nur zwei Buchstaben wie Jo, sondern neun!

Der Sommer rückte näher und näher, und immer mehr wurde klar, dass ich zu wenig Selbstvertrauen hatte und nur Unsinn mit den zum Teil fast ein Jahr älteren Kindern machte. Somit ging ich nach den Sommerferien noch einmal in den Kindergarten. Und alles begann von vorne.

Mit etwas mehr Erfahrung im Kindergarten ging es im nächsten Sommer in die erste Klasse. Unsere Lehrerin – anfänglich Frau Schranz – heiratete und hiess ab sofort Frau Thalmann. Bemerkenswert war zudem, dass sie bereits gegen die Sechzig ging und viele Ähnlichkeiten mit meiner Grossmutter hatte. Bei ihr stand das Fach Musik an vorderster Front, denn sie spielte Violine in einem grossen Orchester. Ihre Vergesslichkeit machte sich ab und zu böse bemerkbar, so etwa, als einmal ein Kollege von mir während der Deutschstunde am Boden einschlief und über Mittag im geschlossenen Schulzimmer weiterschlief. Da sich die Mutter Sorgen machte, konnte er glücklicherweise noch vom Hausabwart befreit werden, bevor das Mittagessen kalt war.

In der dritten und vierten Klasse lernten wir vor allem die Geschichte von unserem Dorf Udligenswil und in der Freizeit Pro-Juventute-Marken zu verkaufen. Das war das erste Mal, dass ich über 200 Franken in mein Portemonnaie stecken konnte. Diese Sachen verdanke ich meinem auch schon etwas älteren Lehrer, Herrn Achermann, denn es waren vor allem auch seine Interessen. Deshalb litten auch meine Deutsch-Kenntnisse, welche ich daher in der fünften Klassen aufbessern musste.

Zu diesem Zeitpunkt trat ich von den kleinen Wölfli zu den grossen Pfadi über. Dort lernte ich von Anfang an – ich trat in der 1. Klasse bei – bis zum heutigen Tag jeweils an den Samstagnachmittagen und auch in den Lagern grundlegende Punkte fürs Leben, insbesondere Verantwortung für Kleinere zu übernehmen. Das geschah ganz nach dem Ausdruck «Learning by doing».

Doch meine Schulbildung ging trotz Pfadi weiter, und es kam der Entscheid, ob ich in die Kantonsschule oder Sekundarschule wechseln sollte. Die Noten stimmten für die Kantonsschule, doch die Motivation, zur Schule zu gehen, war eher auf dem Niveau der Sekundarschule. So kam es, dass ich drei Jahre lang im Nachbarsdorf Udligenswil meine letzten Jahre zur Schule ging. Bei meinem Lehrer lernte ich sehr viel. Das erste Jahr hatte ich mehrheitlich nur Probleme, denn er forderte von mir tonnenweise Disziplin. Als wir dies im zweiten Jahr alle schon etwas gelernt hatten, war es der wahre Traum, zur Schule zu gehen, denn er brachte uns nicht nur Mathematik bei, nein, er gab uns viele gute Ratschläge für das zukünftige Leben mit.

Etwa zu diesem Zeitpunkt wechselte ich von den grossen Pfadi zurück zu den kleinen Wölfli, doch jetzt als Leiter. Mit vier LeiterkollegenInnen tragen wir für zwischen dreissig und vierzig Kinder von der ersten bis fünften Klasse die Verantwortung. Mit ihnen führen wir Sommerlager durch und auch einfache Samstagnachmittage. Damit man auch weiss, wie mit solchen Kinder umzugehen ist, oder wie man solche Jugendarbeit am besten betreibt, gibt es jährlich einen so genannten J+S-Leiterkurs. Zurzeit bin ich stellvertretender Meuteleiter (www.sioni.ch). Mit diesen Ausführungen bin ich etwa beim heutigen Stand meiner Bildung angelangt: Ich mache jetzt die Berufslehre als Landschaftsbauzeichner. Doch bestimmt werde ich in meinen weiteren Jahren noch so viel dazu lernen, dass es gar nicht mehr in einfachen Worten fassbar ist, denn Bildung ist das Leben. Ohne Bildung kann nichts existieren.

Text: Christian Tschopp (20 Jahre alt)

Bild: Montage von Christian Tschopp

Ein Beitrag aus dem Projekt "Generationen schreiben"

Kommentare

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Pfadi

Lieber Christian

Danke für diese schöne Erzählung aus Deinem Leben.

Leider konnte ich nie bei den Pfadfindern mitmachen (in unserem Dorf damals gab es keine ‚Meitli-Pfadi’. Jedoch meine 3 Brüder waren alle in der Pfadi. Jedes Jahr machte die Pfadi-Abteilung einen Unterhaltungsabend mit einem Theater, Liedervortägen, Tombola etc. Daran erinnere ich mich noch ganz gut. Zusammen mit einigen anderen Mädchen musterten wir die strammen Pfadi und machten so unsere Gedanken….

Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg.

Ich freue mich, dass es junge Leute mit Deiner Lebenseinstellung gibt