Kultur

Wer nicht hören will, muss fühlen!

Wer nicht hören will, muss fühlen!

Wie Pascal im Ameisenhaufen landete.

Wie alle Kinder und Jugendlichen fand ich die Schule ziemlich langweilig und öde. Doch manchmal gab es diese besonderen Ereignisse, wegen denen die Schule Spass machte. Das war natürlich dann, wenn die Schule ausfiel oder wir nicht regulär Schule hatten. Die witzigsten Tage jedoch waren, wenn die Schüler dem Lehrer einen Streich spielten oder jemandem ein Missgeschick passierte.

Ein besonders witziges, und für den Betroffenen peinliches, Erlebnis machte einmal die Runde. Dieses Ereignis will ich genauer erzählen. Es war an einem sonnigen, heissen Nachmittag im Sommer. Die Knaben der ersten Sekundarstufe hatten Sportunterricht beim gefürchteten Schulleiter, Herrn Müller*. Dieser Lehrer war ebenso gefürchtet wie gehasst. Denn er war unnachgiebig und unerbittlich. Er duldete keinen Schabernack und auch keine Unkonzentriertheit. Diese Eigenschaften hatten ihm auch den Major-Titel im Militär eingebracht. Die Jungs hatten also Turnunterricht und, wie Jungen halt eben so sind, musste einer den Pausenclown spielen. An diesem Nachmittag war es Pascal*. Herr Müller beauftragte die Jungs, den Weitsprung vorzubereiten. Doch Pascal hatte keine Lust, den anderen beim Aufstellen zu helfen; es war doch viel lustiger, dem dicken Mark* die Hosen runterzuziehen. Gedacht, getan! Als Herr Müller das schallende Gelächter der Knaben hörte und sah, was Mark widerfahren war, brauchte er nur Bruchteile von Sekunden, um herauszufinden, wer der Spassvogel gewesen war. Seine durchdringende Stimme brüllte: «PASCAL!»Sofort verstummte das Gelächter. «Komm sofort hierher!»Beschämt trat Pascal zu Herrn Müller, aber nicht ohne vorher Mark noch einen fiesen Blick zuzuwerfen. «Was sollte das gerade eben? Entschuldige dich sofort bei Mark! Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du negativ auffällst, dann mach dich auf was gefasst... Zur Strafe machst du jetzt zehn Liegestützen.»Ein Raunen ging durch die Reihen der Jungs, jetzt konnte sich Mark ein schäbiges Grinsen nicht verkneifen. Pascal machte die zehn Liegestützen, denn er wusste ganz genau, dass Widerspruch noch schlimmere Folgen haben würde.

Nach diesem kleinen Zwischenfall ging der Unterricht weiter. Pascal blieb zunächst ruhig, doch dann konnte er es nicht lassen, beim Zurücklaufen einem sprintenden Kollegen das Bein zu stellen, ganz unauffällig, versteht sich… Doch egal, wie unauffällig es war, Herrn Müller entging nichts! Noch bevor Pascal sich wieder umgewandt hatte, hörte er, wie Herr Müller laut nach ihm verlangte. Daraufhin ging Pascal zu dem gefährlich lauernden Lehrer. Gespannt wartete er auf seine diesmalige Bestrafung. «Du bist dumm wie ein Esel, wenn du es mehrmals wagst, meinen Unterricht zu stören. Du hast anscheinend noch zu viel Energie, aber die will ich dir austreiben! Zur Strafe darfst du in fünf Minuten fünfmal um das Fussballfeld rennen. Wenn du länger brauchst, musst du sechsmal in fünf Minuten um das Fussballfeld rennen!»«Aber Sie, das kann man niemals schaffen!»Herr Müller grinste und sagte: «Ab jetzt läuft die Zeit!»Das Lachen war den anderen vergangen. Pascal fluchte lautlos in sich hinein. «Und ihr anderen stellt euch wieder in einer Reihe auf!»Ohne Widerspruch stellten sich die Knaben auf.

Pascal rannte wie um sein Leben und schaffte es haarscharf in der gegebenen Zeit. Total erschöpft und ausgepowert kam er wieder zum Weitsprung. Er wollte sich nur kurz hinsetzen, doch schon befahl ihm Herr Müller zu springen. Pascal hatte genug vom Bestraftwerden, er wollte keinen weiteren Unsinn anstellen. Da er beim Weitsprung warten musste, begann er, aus lauter Langeweile, in einem Ameisenhaufen herumzustochern. Plötzlich wurde Pascal von hinten am Ohr gepackt. Erschrocken drehte er sich um. Er war so in Gedanken, dass er nicht gehört hatte, wie die anderen verstummt waren und Herr Müller zu ihm hin gerauscht war. Ein listiges Lächeln umspielte Müllers Lippen. «Du meinst wohl, du bist einer der ganz Harten. Wer nicht hören will, muss fühlen...»

Und jetzt kam, worüber später die ganze Schule lachte. Pascal musste sich doch tatsächlich in den Ameisenhaufen setzen, in dem er vorher gestochert hatte. Spätestens jetzt konnten die anderen nicht mehr an sich halten. Pascals Allerwertester war von Hunderten fiesen kleinen Ameisenbissen übersät. Herr Müller liess ihn volle zwei Minuten auf dem Ameisenhaufen ausharren. Nach diesem Vorfall war Herr Müller so gefürchtet wie noch nie! Solche Momente waren dafür verantwortlich, warum wir Schüler trotz allem jeden Morgen aufstanden und uns überwanden, um in die Schule zu gehen. Pascal war für Wochen die Krönung von allen Witzen. Herr Müller aber wurde lange nicht mehr in seinem Unterricht gestört, vor allem nicht von Pascal.

Autorin:  Fabienne Cotting

* Namen von der Redaktion geändert

Ein Beitrag aus dem Projekt "Generationen schreiben".

Kommentare

Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Wunderbare Geschichte

Wunderbare Geschichte, schön erzählt. Vielen Dank, Fabienne!