Nur noch "in Zeitlupe" leben?
J.M. Coetzee, südafrikanischer Nobelpreisträger, beschreibt einen Mann "in Zeitlupe".
So hatte sich Paul Rayment eigentlich sein Alter nicht vorgestellt, als er seine Berufstätigkeit als Fotograf an den Nagel hängte, um sich nur noch seinen privaten Interessen, vor allem seiner Sammlung alter Fotografien zu widmen.
Der Roman "Zeitlupe" von J. M. Coetzee (engl. Titel: "Slow Man") beginnt dramatisch: Auf einer belebten Strasse in Adelaide (Australien) radelnd, wird die Hauptperson des Romans von einem unaufmerksamen jugendlichen Autofahrer brüsk angefahren: "Der Stoss erwischte ihn rechts, heftig und unerwartet und schmerzhaft wie ein elektrischer Schlag, und schleuderte ihn vom Fahrrad. Entspanne dich!, ermahnt er sich, während er durch die Luft fliegt (mit grösster Leichtigkeit durch die Luft fliegt!), . . ." (S.5)
Nun folgt der Alptraum, den niemand sich wünscht: Er gerät in die Mühle der Spitalpflege, nimmt vieles nur wie durch einen Schleier wahr, kämpft sich durch die Spitalnächte und findet auch am Tag nicht vollkommen zu sich selbst. Die schlimmste Demütigung besteht in der Entscheidung des Arztes, sein schwerverletztes Bein aufgrund seines Alters nicht aufwendig wiederherzustellen, wie man das bei Jüngeren versuchen würde, sondern zu amputieren.
"'Wir werden amputieren müssen, aber wir wollen retten, was zu retten ist', sagt ihm der Arzt. . . . Bei einem Jüngeren hätten sie vielleicht eine Rekonstruktion in Erwägung gezogen, doch . . . (dies) würde eine ganze Serie von Operationen nach sich ziehen, . . ., so dass man es in Anbetracht seines Alters alles in allem für besser gehalten habe, das Bein sauber oberhalb des Knies abzunehmen. . . . Er (Dr Hansen) hoffe, dass er (Paul Rayment) die Weisheit dieses Entschlusses mit der Zeit akzeptieren werde." (S.9, 11/12)
Plötzlich unwiderruflich behindert!
Die Pflege im Spital, die Aussicht auf ein Leben mit Krücken oder einer Beinprothese - alles empfindet Paul Rayment als unannehmbare Zumutung. Er hatte sich bisher nie mit der Frage auseinandergesetzt, wie es wäre, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, sein Leben nicht mehr selbst in der Hand zu haben. Entsprechend schmerzhaft und bitter sind seine Erfahrungen während seiner Rekonvaleszenz. Eigentlich sträubt er sich gegen alles, natürlich gegen eine Prothese, aber auch gegen Krankenpflege und Therapie. Dickköpfig versucht er erfolglos, an seiner verlorenen Unabhängigkeit festzuhalten, und träumt davon, sich wieder selbständig zu bewegen wie vor dem Unfall.
Paul fällt von einer emotionalen Erschütterung in die andere. Physisch hilflos, sucht er Halt in seinen Gefühlen, verliebt sich in die einzige Krankenpflegerin, die er akzeptieren kann, weil sie verständnisvoll mit ihm umgeht. Daraus entwickelt sich eine Folge weiterer unvorhersehbarer tragikomischer Verwicklungen. Schliesslich taucht – fast wie eine dea ex machina - Elizabeth Costello auf, die unseren "Helden" zwar auch in Verwirrung stürzt, aber gleichwohl dazu beiträgt, dass Paul am Ende eine feine Spur sieht, wie sich sein Leben fortsetzen kann.
Migranten in Australien oder Europa - die Schicksale gleichen sich
Dem Schicksal Paul Rayments setzt Coetzee die Geschichte einer Migrantenfamilie aus Kroatien entgegen – sie könnte in der Schweiz ähnlich verlaufen wie in Australien: Die Eltern schlagen sich mit Arbeiten durch, die nicht dem Niveau ihrer ursprünglichen Ausbildung entsprechen. Marijana, eigentlich Kunstrestaurateurin, muss nun als Krankenpflegerin Paul wieder "auf die Beine" helfen. Ihre Kinder verhalten sich nicht anders als andere Durchschnittskinder: Drago, der Älteste, hat hochfliegende Pläne, will in die australische Marineausbildung eintreten, vergnügt sich dazwischen mit elektronischen Mätzchen. Ob er scheitert, bleibt offen. Die grössere Tochter Blanka verfällt den Verführungen der Konsumwelt und gerät fast auf die schiefe Bahn. Ljuba, die Kleine, unbefangen und meist zufrieden, bemerkt vieles und verhält sich gerade in einem prekären Moment gar nicht wohlerzogen.
Diesem farbigen Familiengeflecht steht Paul Rayment als Einzelgänger gegenüber. Nur selten erhält er Besuch von einer alten Freundin. Wäre da nicht Elizabeth Costello, die, zwar von höchst fragiler Gesundheit, sich energisch und engagiert in Pauls Leben einmischt und ihm, ohne ihn einzuengen, dazu bringt, in seinem Leben wieder selbständig Schritte zu unternehmen.
Mit dem eigenen Leben nicht mehr zurechtzukommen, nicht mehr Herr seines Alltags zu sein, nicht mehr seiner eigenen Vernunft vertrauen zu können – aus dem daraus entstehenden Chaos der Gefühle baut J. M. Coetzee seinen Roman. Er schildert die Geschichte von Paul Rayment oft aus dessen Perspektive, manchmal auch aus der leicht spöttischen Distanz des Autors. Coetzee wird stets für seine glasklare, genaue Darstellung geschätzt. Sie zeichnet auch dieses Buch aus, hier geprägt von den verschiedensten Nuancen der Ironie. Das Buch lässt die Lesenden miterleben, wie man sich fühlt, wenn man nicht mehr vollkommen Herr seines Alltags ist. Es lädt aber auch zum Schmunzeln ein über die Komplikationen, die sich aus Pauls Verwirrungen ergeben. – Eine gleichermassen tiefsinnige wie amüsante Lektüre!
Hochgeschätzter Autor
Im deutschen Sprachraum wurde man auf J. M. Coetzee erst wirklich aufmerksam, als er 2003 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In seiner Heimat Südafrika wurde er schon lange vorher sehr geschätzt für seine Bücher, die das Apartheid-Regime schonungslos darstellten, z.B. im Roman "Schande" (engl. "Disgrace"), der 1999 erschien.
Geboren 1940 in Kapstadt / Südafrika lehrte er dort nach ausgedehnten Auslandsaufenthalten lange als Literaturprofessor, bis er 2002 nach Australien auswanderte, wo er heute lebt. Alle seine Bücher enthalten Episoden aus Coetzees Biographie, aber immer literarisch so verändert, dass man daraus keine Rückschlüsse auf den sehr zurückgezogen lebenden Autor ziehen könnte. Coetzee nimmt nie sich selbst, sein Leben in den Fokus, sondern nutzt höchstens eigene Erlebnisse als Bausteine seiner literarischen Szenen. Seiner eigenen Kindheit am nächsten steht "Der Junge" ("Boyhood"), eine feine, behutsame, sehr lesenswerte Darstellung einer Kindheit in Südafrika zwischen Weiss und Schwarz.
Weitere Informationen über J. M. Coetzee
"Zeitlupe" ist beim S. Fischer Verlag als Taschenbuch erhältlich:
ISBN: 978-3-596-17065-4, CHF 18.60
Foto von J.M. Coetzee: Kubik / Wikipedia
Blog oder Club
Genau so habe ich mir das vorgestellt, liebe Maja. Ob Du das Blog oder Club nennst, bleibe Dir überlassen. Und die Kontinuität wird gewahrt durch den immer gleichen Titel und durch die Verlinkung auf frühere Beiträge. Und natürlich kommt der Beitrag auch subito ins Schaufenster.