Werbung für den Muttertag. Der Spruch baumelt diese Woche im Laden eines Grossverteilers. Ich las ihn, als ich Gelierzucker kaufte, um einen Rest Erdbeeren mit Rhabarber zu Konfitüre zu kochen. „Warum kochst du Konfi, die isst doch kaum mehr einer?“ fragt mein Mann. „Wegen meiner Mutter“, erkläre ich, „wir haben doch Früchte nie einfach so verrotten lassen.“
Während des Beerenkochens halte ich Zwiesprache mit meiner Mutter, die im Geist wohl irgendwo zufrieden neben mir steht. „Welches war dein schönster Tag?“, frage ich sie.
Gewiss nicht der Muttertag, den hast du gehasst. Höchstens Wiesenblumen durften wir dir schenken, und ja keine braven Bücher und auf keinen Fall irgendwelche sinnigen Zitate oder schönen Sprüche. „Ich bin nicht so, wie du denkst“, hast du einmal gesagt und mich spöttisch angeschaut. Die amüsanten Geschichten über Liebe im Alter aber gabst du mir entrüstet zurück. Dass man so was lesen könne.
Du seiest keine gute Mutter gewesen, erklärtest du. Wieso nicht? Mütter müssen nicht perfekt sein. Ich würde heute auch einiges anders anpacken. „Was denn?“ fragt meine Tochter. „Mehr lachen mit meinen Kindern und Probleme mit Humor lösen.“
Der Muttertag ist nicht mein Lieblingstag. Unvergesslich geblieben ist mir nur einer, das war vermutlich 1985. Mein Mann und ich kehrten gegen Mitternacht nach Hause zurück und fanden eine unserer Töchter mit Bettzeug unter einem Arm und am andern einen uns noch unbekannten Freund auf der Suche nach einem gemeinsamen Schlafplatz. Das war schwierig. Wir bewohnten damals mit vier Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren ein kleines Haus mit vier Zimmern. An die Notwendigkeit von Nistplätzen hatte ich noch nicht gedacht. Die überraschende Situation war mehr als peinlich. Ich fühlte mich elend. Es blieb uns nichts anderes übrig, als der Sache ihren Lauf zu lassen. Die beiden richteten sich im Bastelraum im Keller ein. Es war reine Provokation, wie ich später feststellte.
Am nächsten Morgen sitzen wir zu siebt, etwas betreten, um den Zmorgetisch. Und stimmen dankbar ein in das Gesprächsthema, das uns der Freund liefert: Er will einen Platz für ein Pfadilager rekognoszieren. Zuerst aber, erklärt er, müsse er noch Blumen besorgen, denn heute sei ja Muttertag. Und rennt los und pflückt Margeriten in der nahegelegenen Wiese für seine Mutter.
Muttertag hat mit Kindern zu tun. Die sorgen für Überraschungen. Welches mein schönster Tag war? Schwierig zu sagen. Es gab mehrere schöne. Ich lebe in der Gegenwart. Wenn mir mein eineinhalbjähriger Enkel mit grossem Vertrauen entgegen läuft, dann macht das meinen Tag sehr glücklich.
Und weit entfernt sehe ich mich selbst, alt, gebrechlich, hilfsbedürftig. Sollte ich dann einen Menschen haben, dem ich vertrauen kann und der mich gern hat, so wie ich eben bin, dann werde ich einen schönen Tag erleben.
Das wäre dann der Muttertag.