Kultur

«Pause» machte ihn mir sympathisch»

«Pause» machte ihn mir sympathisch»

Nur bei seinem Hund «Prinz» konnte Walter über «de Meier» klagen.

Zusammentreffen waren eigentlich selten. Trotzdem begrüsste ich ihn, wie wir das beim Eintreten ins Schulzimmer, immer tun mussten. Keiner kam vorbei, ohne die Hand schön auszustrecken und Augenkontakt zu halten – jetzt wieder!

„Ja natürlich“, sagt er: „Der Walter, warst ein guter Schüler“ und auf meine Begleiterin weisend: „Deines?“
„Ja, ‘s Margrit“, sage ich: „Sie geht in die erste Klasse“.
„Soso, ins neue Schulhaus“.
„Warum redt dä Maa soo luut?“ fragte die Erstklässlerin.
"Weisst du, er war mein Lehrer, jetzt hört er nicht mehr gut und ääh…..“
„Isch es en Liebe?“

Er betreute die Mittel- und Oberstufe, 4. bis 8. Klasse. Oft waren das mehr als 50 Schüler.

Wir, mein bester Freund „Köbi“ und ich, gehörten nun auch dazu. „Der Meier ist streng“, das wussten wir vom Hörensagen und wir verstanden es auch richtig – als Warnung! In der Turnstunde wurde exerziert, im Gleichschritt durchs Dorf marschiert. Bei der Schmiede, wo die „Büelgass“ in die Dorfstrasse einmündet, hörte  mein Vater zufällig den Befehl „Hot!“ für die Richtungsänderung. Wir kannten ja alle die Fuhrmannssprache: „Hüscht“ für links und „Hot“ für rechts. Vater verstand das auf seine Art; er war begeistert: Meier sei der beste Lehrer weit und breit, genau der richtige für Landkinder.

Solche schrieben manchmal „Höi“ statt Heu, „Chue“ statt Kuh und „Runkelen“ statt Runkeln. Wehe, wer solche Vergehen an der deutschen Schriftsprache im Wiederholungsfalle produzierte. Im Diktat wurden Täter auf frischer Tat ertappt und sofort „gerupft“. Emil war oft rückfällig, deshalb besonders überwacht. Wir  hatten Mitleid, sannen auf Rache, suchten nach Haarbüscheln als Beweise und machten Abwehrpläne: alle die Haare ganz kurz schneiden, Scheissdreck oder Wagenfett einstreichen. Mut müsste man haben, nicht Schiss!

Donnerstag war für mich der gefürchtetste Schultag – die Hölle! Nachmittags, wenn der Meier die erste Stunde meistens mit „Chopfrächne“ ansagte und bald darauf das so angstmachende „Uufstaa“ folgte, war die Verzweiflung nahe. Nur nicht der Letzte sein! Aufpassen wollte ich, gut aufpassen, ja nicht die Zwischenresultate vergessen, nicht vergessen, nicht…. Das Herz klopfte im Voraus und machte die Wangen brennen. Siebenundzwanzig – weniger – geteilt – und – mal – sind? Urs weiss es, er kann absitzen. 

Und zuletzt noch ein paar leichte für die Dummen.“

Ich wollte keine leichten, ich wollte nicht dumm sein, ich hasste das Rechnen, die Schule und den Lehrer.

Noch konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich 25 Jahre später meiner Tochter die Frage, ob er ein Lieber sei, so beantworten würde, wie ich es nach der zufälligen Begegnung tat: „Jaja, eigentlich schon, er meinte es gut, wollte es bestimmt auch gut machen.“

Wie hätte ich es erklären sollen, das „Damals“ – und wie müsste ich es erst recht heutzutage meinen schon erwachsenen Enkeln erklären – wo doch alles so richtig war, wie es war. Damals nannten wir ihn respektlos: „De Meier“ und wir, auch unsere Eltern, respektierten ihn gleichzeitig aufs Höchste. Wir reihten unsere Schlitten vor dem Schulhaus genau auf,  wir trugen unsere Schuhe stets gebunden, wir nahmen die Kappe vom Kopf, bevor wir in fremde Häuser traten, oder jemanden begrüssten. Wir taten das, ohne dass der Meier hinter uns stand, weil wir wussten, wie er es haben wollte – und: weil solches  Tun alle Leute für richtig befanden! Was ich von ihm gelernt habe, merkte ich erst viel später; erst als ich zu vergleichen begann. Er unterrichtete auf seine Art und in einer anderen  Zeit – und mit immer gleichem, totalem Einsatz.

Zum Erarbeiten von Lösungen blieb keine Zeit; es wurde gepaukt, auswendig gelernt und geübt. Um Wissen in die Köpfe zu tragen, mussten Augen und Ohren stets aufnahmefähig sein. Bestimmt keine leichte Aufgabe! Schon vor dem Übertritt in die Mittelstufe kannten wir einige Regeln des Schulbetriebs:
keinesfalls zu spät kommen
niemals andere schubsen
weder im Gang noch im Zimmer „schleifen“ (Nagelschuhe)
keine Ballspiele im Schulhaus

Nun kamen noch viele neue Regeln dazu. Sie waren nirgends angeschlagen; sie wurden weitergegeben von Klasse zu Klasse, oder sie wurden einfach irgendwie im Schulbetrieb gehört. Auf diese Weise erfuhren wir, welche Wörter gross zu schreiben sind. Nicht weil sie Hauptwörter sind, sondern weil sie die Endung: heit, keit, oder tät haben. Das war eine der Regeln, die sozusagen im Schulzimmer wohnten, sie waren immer da, wehe dem, der sie missachtete!

Zum Lernen gehörten auch das Üben des Schönschreibens mit der Metallfeder und Tinte, sowie das Einmaleins: 7 x 8 = 56; nicht studieren, auswendig wissen! Jeden Vormittag von 7 bis 11 Uhr und am Nachmittag von 1 bis 3 Uhr, manchmal bis 4 Uhr, Mittwoch- und Samstagnachmittag frei. Nur „Prinz“ konnte ich es sagen: „Lebewohl lieber Hund, du hast es schön, musst nicht in die Schule, nicht zum Meier, der immer nur schimpft und reklamiert.“

Nochmals eine andere Regel: Geht es um etwas Wichtiges, machte der Befehl: „Alle aufpassen“ die gesamte Schule zu einer Klasse.

Wie ist es richtig? Der – die – das Kamin? 

Auf diese Weise lernten wir viel. Vergessen galt nicht, war sogar strafbar. Aufpassen war Selbstschutz und Eigeninteresse. Nur Prinz kannte meine Sorgen mit der Schule. Meine Frustrationen konnte ich ihm anvertrauen, er war mein Psychiater. Mutter wollte ich nichts sagen; am Bazar des Frauenvereins hatte die Lehrersfrau ein Brot aus ihrem Ofen gekauft und es an der späteren Versammlung „noch so fest gerühmt“. Die nette Frau sei grad an ihrer Seite gesessen. Eine wirklich Liebe sei sie, die Lehrersfrau.

Autor: Walter Hegetschweiler
Foto: Der Autor als Schüler.

Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben".