Frau Sorgedahls schöne weisse Arme
Das Titelbild des Romans "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme" von Lars Gustafsson widerspiegelt ein für Erinnerungen sehr wesentliches Element: Aus dem See der Vergangenheit taucht einiges auf, vieles erscheint nur unscharf wie in einem Dunst, aber es kommen auch klare, bildhafte Erinnerungen an die Kindheit, an Gerüche, Geräusche und an Landschaften, in diesem Falle die weiche Landschaft von Västmanland in Mittelschweden, westlich von Stockholm.
Frau Sorgedahl hält gleichsam das Mosaik zusammen. Die Erinnerungen aus verschiedenen Phasen der Kindheit des Ich-Erzählers gruppieren sich um diese faszinierende Frau. Sie lädt die Gruppe der ca. 18-jährigen Freunde zu sich ein, hört mit ihnen zusammen Schallplatten mit klassischer Musik, läßt sie einmal französische Zigaretten probieren, ein andermal Kirschwasser – Dinge, die symbolisch zum Erwachsenwerden dazugehören. Frau Sorgedahl, eine durchaus moderne Frau, stammt aus dem Tessin, ist mit einem schwedischen Ingenieur verheiratet und arbeitet selbst auch als Ingenieurin, "sie kann Kraftwerkgeneratoren konstruieren". Sie wohnt in einem Haus, das "Das Paradies" genannt wird.
Eines Tages fotografiert sie die Gruppe mit ihrer Kamera. Fotoapparate waren damals noch nicht sehr verbreitet. Dieses Foto besitzt der namenlose Erzähler immer noch, es gehört wie seine Erinnerung an die schönen Haare der Frau Sorgendahl zu seinen bestgehüteten Schätzen aus seiner Jugend. Diese roten Haare leuchten verführerisch, aber es sind ihre Arme, die in dem Jungen die Liebe erwecken. (Seite 38/39)
"Es begann, als sie sich von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, zusammen mit uns der Ersten Symphonie Mahlers lauschend, auf den freien Platz neben mir auf das Sofa umsetzte, wo ich gerade saß, und mir die Katze, die feine siamesische Katze, auf den Schoß legte. Und mit langsamen, musikalischen, sanften Bewegungen strich sie ihr mit ihren schmalen weißen Händen über den Rücken. Frau Sorgedahl konnte sehr still sein. Und sehr entschlossen. Mit der Zeit sollte ich mehr darüber erfahren.
Ich war es, den sie streichelte. Und ich konnte es nicht glauben."
Die ebenso zarte wie glühende Liebesgeschichte durchzieht mit einem fulminanten Höhepunkt, der ebenfalls mit Musik zu tun hat, den ganzen Roman bis zu ihrem Verblassen am Ende, scheinbar wie im Nebel oder wie ein altes Foto. Um diesen Hauptstrang sind Geschichten aus der früheren Kindheit des Erzählers geknüpft. Sie illustrieren das Leben der einfachen Leute in Schweden bis zu den 1950er Jahren und zeichnen die Landschaften Mittelschwedens.
Als Beispiel sei hier ein Kontrapunkt zur Geschichte um Frau Sorgedahl erwähnt: die Erzählung von Dufvenbergs Hund, eine durch und durch düstere Geschichte. Sie spielt im Bauernmilieu, wo noch altertümliche Gesetze herrschen, und endet mit Mord, Brand und Tod.
Der Ich-Erzähler scheint im gleichen Jahr geboren zu sein wie der Autor, 1936, und stammt wie dieser aus Mittelschweden. Daraus zu schließen, daß dieser Roman als Autobiographie zu verstehen sei, wäre ein kapitales Mißverständnis. Natürlich ist der Ich-Erzähler Literatur- und Philosophieprofessor wie Lars Gustafsson. Natürlich benutzt der Autor seine persönlichen Erinnerungen als Material für sein feines Geflecht von Erzählung und Reflexion. Im Nachwort schreibt er, daß er einen in Schweden denkwürdigen Hagelsturm von 1953 um ein Jahr verschoben hat, damit er in seinen Roman paßt, der hauptsächlich 1954 spielt.
Wer an seine Jugend zurückdenkt, kommt nicht umhin, sich seiner Gegenwart bewußt zu werden. So finden wir in diesem Roman immer wieder Kapitel, in denen der Erzähler über sein aktuelles Leben als pensionierter Gelehrter in Oxford (GB) nachdenkt, auch dafür ein Beispiel (Seite 101):
"Es ist nicht so, daß ich senil bin. Im Gegenteil: ich fühle mich ungewöhnlich klar im Kopf. Aber es kommt vor, daß die Augen plötzlich Schwierigkeiten bereiten. Ein Phänomen,, das ich aus meiner Jugend kenne, das ich aber 60 Jahre lang nicht bemerkt habe, kehrt zurück: Wie ich da sitze – in aller Ruhe – wechseln die Buchstaben plötzlich die Farbe und werden rot.
Es gibt dafür eine neurologische Erklärung … aber ich habe sie vergessen. Ich kann mich nur an einen wunderbaren Abschnitt über Nebel erinnern. Der Nebel schleicht sich zwischen uns und die Farben ein."
Der Roman ist allen zu empfehlen, die sich auf dieses Gewebe von Erinnerungen und Gegenwartsbetrachtungen einlassen wollen. Er ist – trotz hoher Intellektualität des Autors – ganz und gar nicht kopflastig. Die Gefühle aus Vergangenheit und Gegenwart bilden den Humus für die sich daraus entwickelnden Gedanken. Das Buch ufert nicht aus, weder in den sparsam, aber genau skizzierten Szenen noch in den Überlegungen zu Fragen des Lebens, der Zeit oder der Transzendenz noch in der Darstellung der 1950er Jahre.
Schweden vor mehr als 50 Jahren – ebenso wie die Schweiz im 2. Weltkrieg nicht kriegführend, aber von den Folgen betroffen - befand sich wie die anderen westeuropäischen Länder in einem optimistischen Aufschwung, über den Jüngere heute vielleicht staunen.
Zum Autor: Lars Gustafsson wurde 1936 in Västeras (Mittelschweden) geboren. Der Lyriker, Philosoph und Romancier studierte Mathematik, Ästhetik, Soziologie, Literaturgeschichte und Philosophie in Uppsala und Oxford und lebte lange Zeit in Austin, Texas, wo er 1983-2006 einen Lehrauftrag an der Universität für das Fach Philosophie innehatte. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie wieder in seiner Heimat.
Lars Gustafsson
Frau Sorgedahls schöne weiße Arme
Roman– übersetzt aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Hanser Verlag 2009; 240 Seiten; ISBN 978-3-446-23273-0
Preis: CHF 34.50
Hier finden Sie eine Leseprobe.
Mehr Informationen zu Lars Gustafsson.
Foto von Lars Gustafsson: Copyright Suz / Wikipedia
Teil 2 von Majas Bücher-Blog.