«Ich weiss noch ganz genau, wie alles angefangen hat.»
Andreas Bapst (19), Zürich
Zwölf Jahre Schule. Das sind hundertvierundvierzig Monate oder sechshundertvierundzwanzig Wochen oder über viertausend Tage. Rund zwei Drittel meines Lebens habe ich in dieser Institution verbracht, mich gebildet, selber kennengelernt, entwickelt und verwirklicht. Ich hatte Hochs und Tiefs, Freude und Leiden, gute und schlechte Zeiten, doch nun stehe ich kurz vor dem Ende dieses Lebensabschnittes und trete mit dem Bestehen der Matura in eine neue Ära ein. Doch ist der Abschluss nicht das Einzige, was mir von der Schule bleibt, und schon gar nicht das Wichtigste. Ich nehme einen ganzen Berg voller Gefühle, Erlebnisse, Bilder und Erfahrungen mit, die mich wohl zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin, und an die ich mich wohl noch ewig erinnern werde.
Ich weiss noch genau, wie alles anfing. August 1998, erster Schultag: Zitternde Beine, trommelndes Herz, feuchte Hände. Der erste Gang zur Schule war wirklich eine Tortur, obschon ich mich den ganzen Sommer darauf gefreut hatte, endlich zu den «Grossen» zu gehören. Auch ich wollte, wie mein älterer Bruder, mich endlich Schüler nennen dürfen, Dinge über die Welt lernen, rechnen, schreiben, lesen und erfahren. Aber an diesem Augustmorgen wollte ich nur noch zurück nach Hause. Ich weiss auch noch genau, wovor ich eine solche Angst hatte: Vor dem Fremden, vor der Tatsache, dass ich niemanden aus meiner neuen Klasse kannte, weder den Lehrer noch die Schüler. Ich wurde einfach in eine neue Umgebung geworfen mit neuen Menschen, und, noch besser, ich sollte die nächsten sechs Jahre mit ihnen verbringen! Was, wenn sie mir nicht passten? Was, wenn ich ihnen nicht passte? Wenn meine Mutter mich nicht an der Hand genommen und mitgeschleppt hätte, wären ich und mit mir mein übergrosser, überbunter Schulranzen wohl zu Hause geblieben.
Ich weiss aber auch noch genau, wie sich dann aber doch alles noch zum Guten wandte. Meine Mitschüler waren nett, mein Lehrer ebenfalls und der Unterricht total einfach. Ohne Probleme durchlief ich die Primarschule, die ganze Klasse wurde immer mehr zu einer grossen Familie. Jeder mochte jeden, und nach Schulschluss verbrachte man noch den ganzen restlichen Tag zusammen. Was ich aber noch gut in Erinnerung habe und was nicht gerade familientypisch ist, war diese Jungen-Mädchen-Trennung. In diesem Alter ist es zwar normal, dass man sich gerne vom anderen Geschlecht ein wenig abgrenzt, doch unsere Klasse spielte in diesem Spiel ganz oben mit. Es wurden imaginäre Anti-Mädchen-Sprays eingesetzt, Berührungen oder lange Gespräche waren tabu. Während das damals für uns noch todernst war, muss ich heute schmunzeln, wenn ich daran denke. Mensch, nicht umsonst wurde die Geschlechtertrennung in den Schulen mehrheitlich abgeschafft!
Ich weiss auch noch genau, als es darum ging, sich für eine Oberstufe zu entscheiden. Sek oder Gymi? Wohl etwa um diese Zeit vor sechs Jahren mussten wir einen Aufsatz schreiben, warum oder warum eben nicht wir ins Gymi sollten. Ich weiss auch noch genau, was ich geschrieben habe. «Es fallen immer wieder Stunden aus» oder «Dönerstand in der Nähe des Schulhauses» oder «Ich darf in der Stadt zu Mittag essen». Punkte wie «bessere Bildung», «Matura» oder «Ich will einfach mehr wissen» liess ich einfach mal aussen vor. Warum ich mich damals fürs Gymnasium entschied? Keine Ahnung. Vielleicht, weil mein Bruder das zwei Jahre zuvor auch schon getan hatte, vielleicht, weil ich von meinen Noten oder meinen Fähigkeiten her eher dort reinpasste oder vielleicht auch, weil ich einfach nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Auf jeden Fall tat ich’s.
Ich weiss noch genau, wie dann meine Zeit als Gymischüler anfing. Ich war am ersten Schultag nicht so nervös wie damals in der Primarschule, doch auch an diesem Tag hatte ich weiche Knie. Und als ich dann das Schulhausgelände betrat, war der Dimensionsunterschied noch etwas gewaltiger als vor sechs Jahren. Vom schnuckeligen Sechs-Klassen-Schulhaus nun ein mehrere-hundert-Schüler-Betonklotz, mit Mensa, Turnhallen, noch mehr Turnhallen, zwei weiteren Schulhäusern und einer riesigen Aula. In letzterer fand dann auch die Eröffnungsfeier statt, an der wohl über zweihundert Leute teilnahmen. Nach einer Führung durch das Schulhaus und die nähere Umgebung seitens der Klassenpaten und –patinnen hatten wir dann Nachmittagsschule. Erste Stunde Geschichte: Der Lehrer kommt rein und beginnt die Stunde gleich siezend. Wow, war das ein Gefühl, man war nicht mehr der kleiner Primarschüler, ein Kind, sondern ein wahrhaftiger Gymnasiast, ein Erwachsener, ein «Sie»! (Dass nur dieser Lehrer aus Gewohnheit alle Schüler siezte und wir für alle andere Lehrer noch Dus blieben, merkte ich erst später.) Allein schon das Unterrichtsgefühl war vom ersten Tag an anders. Wir bekamen keine Arbeitsblätter mehr mit Comics oder gezeichneten Männchen drauf, sondern „Handouts“ mit Grafiken, der Lehrer erzählte nicht mehr, sondern referierte. Auch wenn wir (und vor allem ich) körperlich noch zu den Kleinsten gehörten, fühlte man sich gross und erwachsen und irgendwie unabhängiger.
Ich weiss auch noch genau, wie wir in der zehnten Klasse dann zum ersten Mal ins Ausland gingen. Zwei Wochen Sprachaufenthalt in Chiavari, Italien. Diese Erfahrung hievte das ganze Schulleben auf eine ganz neue Ebene. Wir waren nicht mehr national, sondern international, gingen ohne Eltern, nur mit der Klasse ins Ausland zu unbekannten Menschen und in eine andere Kultur. Auch wenn es eine Schulreise war, hatte das Ganze mehr eine Ferienatmosphäre. Ich weiss noch genau, wie ich zusammen mit meinen Freunden die Abende am Strand verbrachte und diese Zeit einfach genoss. Ich empfand die Beziehung zu meinen Klassenkameraden zwar nicht mehr so familiär wie in der Primarschule, das Ganze war oberflächlicher und flüchtiger, doch merkte ich, dass die Verbindung trotzdem eng war. Vier oder mehr Jahre gingen wir zusammen durchs Gymnasium, durch Höhen und Tiefen, und auf all diesen gemeinsamen Erinnerungen wird man auch in Jahren noch nostalgisch und lächelnd zurückblicken.
Und ich weiss auch noch genau, wie es dann zum Endspurt kam, in der zwölften Klasse, kurz vor der Matur. Auch wenn es beim Verfassen dieses Textes noch Monate geht bis zum Abschluss, herrscht bereits eine gewisse Aufbruchstimmung. Die ersten haben sich für den Numerus Clausus angemeldet, andere haben schon Sprachreisen gebucht. Wir stehen am Ende von zwölf Jahren Schule, haben viel gelernt (einen Teil auch wieder verlernt) und viel erfahren. Für mich steht jedoch nicht im Zentrum, was ich an Wissen aus dieser Zeit mitnehme, sondern alle Erinnerungen, ob lustige oder traurige, die mich zu dem machten, der ich heute bin. Ich bin froh, sagen zu können, dass ich mich auch noch in fünfzig Jahren mit Freude an diese prägende Zeit erinnern werde.
Bild: Margaretha Maria Hubler
Ich weiss, wie alles angefangen hat
Überlegung:
Mir scheint, dass hier ein künftiger Schriftsteller am Werden ist...
Viel Glück und Freude am Schreiben!
nepomuk