Kultur

Drei Stunden

Drei Stunden

Und ich erzählte stolz, dass ich fast ertrunken wäre.

               

Autorin:  Estel Cortot (42)

 

 

- Wie lange warst du unter Wasser?

Alle schauten mich an.

- Lange!

- Wie lange? 

Die Zeit stand still.

Eine Bewegung, und das kleine quadratische Luftkissen das mich über Wasser gehalten hatte,  flutschte unter mir weg. Es war, als ob mich der Tümpel verschluckt hätte. Ich konnte nicht schwimmen. Je tiefer ich sank, desto kleiner wurde der helle Fleck, der mir zur erkennen gab, dass dort der Ausgang war. Mit meinen sieben Jahren war ich zu leicht, um auf den Grund zu sinken, auch wenn der Tümpel wie an diesem Punkt nur zwei Meter tief war.

Ein Schauspiel der Natur! Gespiesen vom Grundwasser, entstand alle vier Jahre im Sommer auf der Alm in einer lieblichen Wiesensenke ein Tümpel. Das Wasser um mich herum war trübe, das Licht fahl, nur über mir, als ob dort ein Fenster wäre, zeigte sich ein Ausschnitt des Himmels.  Automatisch begannen meine Arme und Beine sich zu bewegen. Schon oft hatte ich schwimmenden Hunden zugeschaut. Ebenso probierte ich, mit  Händen und Beinen zu paddeln, doch meine Position änderte sich nicht. Also begann ich, ganz konzentriert meine Bewegungen zu koordinieren. Keine Variante liess ich unversucht: Mit beiden Füssen paddeln, mit den Füssen entgegengesetzt paddeln, Hände alleine paddeln, Hände und Füsse paddeln, Hände und Füsse entgegengesetzt paddeln. Seltsamerweise konnte ich mich dabei beobachten. Sah mich im Wasser schweben, kontrollierte meine Bewegungen, studierte diese auf Hochtouren und testete alle mir bekannten Varianten. Es half nichts, meine Position blieb stets dieselbe.

Ich hing im Wasser. Richtete ich den Blick nach oben, erkannte ich einen kleinen Ausschnitt des Himmels. Mein Kissen war nicht mehr zu sehen. Mir ging die Luft aus, aber keine meiner Bewegungen änderte meine Position. Eine unheimliche Gewalt zwang mich, einzuatmen. Plötzlich war mir klar, dass mich dieser Schritt töten würde.  Dies erfüllte mich aber nicht mit  Furcht. Was mich erschreckte war, dass meine Eltern, Freunde und Verwandten doch unendlich traurig sein würden über meinen Tod. Das wollte ich nicht! Verzweifelt paddelte ich weiter. Es half nichts, ich konnte mich nicht gegen die bedingungslose Reaktion meines Körpers wehren - ich musste einatmen. Als ob eine weitere Klappe vor meinem inneren Auge aufschnappen würde, spielten sich Ausschnitte aus meinem Leben ab. Alle wichtigen Erlebnisse meines  Lebens liefen original ab. Eines nach dem anderen - rückwärts. Am Anfang meiner Erinnerung angekommen, war mein Leben vorbei.

Aus der Ferne erst, dann immer näher, vernahm ich wunderschöne Musik. Sie erinnerte an einen mehrstimmigen Choral, aber da waren keine Stimmen.  Die Musik erfüllte mich mit  Ruhe und grossem Glücksgefühl.  Die Umgebung veränderte sich. Nun erkannte ich einen Weg, der gleichzeitig in den sanftesten und intensivsten Farben  strahlte. Eine oder mehrere Gestalten standen am Ende dieses Weges und waren bereit, mich zu empfangen. Ich konnte endlich meine Position verändern und durch eine unendliche  Arkade des Lichtes hochsteigen. Aus weiter Ferne hörte ich verzweifelte, mir bekannte Schreie und ein unheimliches Rauschen und Klatschen, das sich zu mir hinbewegte. Ich wurde aus dem Wasser gerissen. Der Himmel, die Luft, das Leben, alles im Überfluss. Mir schwanden die Sinne.

„Erzählt ein spannendes Erlebnis aus euren Ferien!“ forderte die Lehrerin uns auf. Es gab so Vieles, das wir in diesen Ferien entdeckt hatten! Die Bauernkinder erlebten die Geburten von Kälbern, Fohlen und Lämmern. Die Kinder aus dem Neubau im Unterdorf erzählten von ihrem jungen Hund. Der Italiener in der Klasse war traurig,  weil sein Vater krank war. Meine beste Freundin lernte schwimmen.

Und ich erzählte stolz, dass ich fast ertrunken wäre.  Mein Erlebnis war schrecklich, sonderbar, märchenhaft und - unendlich schön.

Der Vormittag war im Fluge vorbei und wir rannten die Schulhaustreppe hinunter. Am Fuss der Treppe erwarteten uns die Schüler der höheren Klassen. Meine Geschichte hatte sich bereits herumgesprochen.

- Wie lange warst du unter Wasser?

- Lange!

- Wie lange?

Es war klar, dass sie mich erst durchlassen würden, wenn ich ihre Frage beantwortet hatte. Da das Dorf zu dieser Zeit noch keinen Kindergarten besass, musste ich mich in den paar Wochen von der Einschulung  im Frühjahr 1974 bis zu den Sommerferien  an die Regeln der Höflichkeitsform gegenüber den Lehrern gewöhnen, mich ihrem Willen beugen und Buchstaben und Ziffern zeichnen lernen. So vieles hatte ich  bereits gelernt, doch die Zeit und deren Einheiten waren mir noch unbekannt. Ein Vergleich musste her! Dieser Schulmorgen war doch etwa gleich lange -

- Drei Stunden!

Schallendes Gelächter.

- Du lügst!

- Nein!

- Niemand kann drei Stunden unter Wasser bleiben!

- Wie lange denn?

- Höchstens drei Minuten.

Die Lehrerin kam hinzu.

- Drei Minuten stimmen. Sie hat das verwechselt. Sie meinte drei Minuten. Nun macht, dass ihr nach Hause kommt! Heute Nachmittag lernen wir die Uhr kennen.

Unsere Blicke kreuzten sich und ich wusste, dass sie mich verstanden hatte.

Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben".

Kommentare

Bild des Benutzers agathepetignat

ergreifend

Dieses Ereignis ist so schön beschrieben. Es ist alles drin. Aussen und Innen.

Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Hohe Schule

Wunderbar geschrieben, der Text fliesst - hohe Schule!