Laura Weidacher, Innsbruck
Das Schulhaus lag auf der anderen Seite des Inns am Rande eines kleinen Parks. Ich wohnte inmitten der gotischen Innsbrucker Altstadt auf der rechten Innseite. Hier, im Herzen der Stadt, lebten fast keine Kinder meines Alters, waren doch viele Häuser und auch der Dom neben meiner elterlichen Wohnung durch Bomben zerstört worden. Mein Schulweg, den ich meist rennend absolvierte, da ich chronisch zu spät dran war, war von Häuserruinen gesäumt, in denen nach Kriegsschluss die „Trümmerfrauen“, zusammen mit Kriegskrüppeln (so wurden die oft arm- oder beinamputierten heimgekehrten Soldaten grausam-lakonisch bezeichnet), halbwüchsige Knaben und alte Männern versuchten, den Schutt wegzuräumen.
Wohnungen waren neben Brot und Kohlen die rarsten Lebensgüter, und viele Familien wohnten zusammengepfercht, frierend und hungernd in Kellerlöchern. Tuberkulose ging um. Unsere Wohnung in einem alten, riesigen Gebäude war wunderbarerweise verschont geworden. Wir, meine Mutter, mein bald nach Kriegsschluss unversehrt heimgekehrter Vater, mein Bruder und ich fühlten uns vom Schicksal privilegiert, auch wenn die Lebensmittel immer rarer wurden. Meine Mutter wog, wie ich später erst herausfand, 1948 nur noch 42 kg.
Die Volksschule, wie in Österreich die vierjährige Primarschulstufe genannt wird, befand sich und befindet sich noch heute in einem schönen Kubusbau aus dem 19. Jahrhundert in den Farben Gelb und Weiss, wie alle öffentlichen Bauten seit der theresianischen Zeit. Während meiner Schulzeit allerdings war die schöne Farbkombination von grauem Staub und Brandspuren überdeckt, war ich doch 1946, nur ein Jahr nach Kriegsende, eingeschult worden. Eine Turnhalle gab es die ganzen vier Jahre nicht – die war einer Bombe zum Opfer gefallen. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie unsere fast ausschliesslich weiblichen Lehrpersonen uns Rasselbande so ganz ohne Möglichkeit von ausgleichendem Sport bändigen konnten. Denn immerhin waren wir fast fünfzig Kinder beiderlei Geschlechts in einer Klasse. Im Januar gab es regelmässig „Kohleferien“ – das Heizmaterial für den einzigen qualmenden Ofen im Klassenzimmer wurde in dieser kältesten Jahreszeit knapp und es musste gespart werden. Wir Kinder genossen das natürlich und gingen dann auf die Steilwiesen um die Stadt oder auch nur auf die hohen Schneeaufschüttungen in den Parks rodeln.
Ich freute mich unbändig auf die Schule und liess mir diese auch nicht durch die erste Lehrerin, eine strenge, sauertöpfische Person, verderben. Ich kann mir heute gut vorstellen, was die Ursachen der Depression dieser älteren Lehrerin gewesen waren. Damals durften weibliche Lehrpersonen nicht heiraten, sonst mussten sie aus dem Schuldienst ausscheiden, vereinsamten also mit zunehmendem Alter und wurden von ihren Familien, oft als „alte Jungfern“ verachtet, unwillig mitgeschleppt. Aber mir war damals alles egal. Ich wollte nur eines: Endlich lesen lernen. Und jetzt lernte ich schnell und verschlang alles, was mir unter die Finger kam, auch Literatur aus der elterlichen Bibliothek, die meinem Alter nicht entsprach und mir manche grüblerische oder aufgeregte Nacht bescherte.
In der dritten Klasse kam dann endlich sie, die Lehrerin, die ich mir schon lange erträumt hatte. Eine sanfte, aber trotzdem energische kleine Frau mit blondem Dutt im Nacken, die alles, wie mir schien, aber auch alles zu wissen schien. Während unserer schriftlichen Arbeiten ging sie langsam zwischen den Bankreihen auf und ab mit einem langen Rohrstock in der Hand. Ja, denn damals durfte in der Schule noch geschlagen werden. Trotzdem hat das „Fräulein Lehrer“, wie wir sie nennen mussten, den Stock nie eingesetzt. Dessen blosser Anblick und ihre natürliche Autorität bewirkten von ganz alleine, dass wir uns einigermassen zivilisiert verhielten. Bei einem Aufsatzthema in der vierten Klasse über unsere späteren Berufswünsche gab ich natürlich „Lehrerin“ an. Auf die Frage, was der Grund dafür sei, stach mich der Hafer und ich antwortete ganz frei und frech: „Damit ich auch mit einem Stock in der Klasse herumspazieren darf.“ Das Fräulein war verblüfft und, fürchte ich, von mir ein bisschen enttäuscht.
Trotzdem betete ich sie an, schrieb freiwillige Fleissaufgaben oder schenkte ihr schön geschriebene und verzierte Gedichte, die ich in den Büchern meiner Mutter fand. Sie wurde, kaum war ich ausgeschult, die beste Freundin meiner Mutter und blieb auch mir ihr ganzes Leben hindurch von weitem treu verbunden.
Der allgemeine Unterricht wurde flankiert vom Religionslehrer in Person des Pfarrers des Stadtquartiers, von dem mir ein lieb gewordenes Gleichnis im Gedächtnis blieb. Als er uns davon erzählte, dass nur die „Gerechten“ einst im Himmel die ganz grosse, ewige Glückseligkeit erlangen könnten, fragte ich ihn (schon damals aufmüpfig und neugierig), was denn dann mit jenen armen Seelen geschehe, die zuerst im Fegefeuer schmoren müssten und erst dann in den Himmel kämen? Natürlich wären die dann im Himmel auch glücklich, meinte, etwas nervös geworden, der Herr Pfarrer. Ja, aber sie seien dann nicht sooo glücklich wie die anderen, fragte wiederum ich. Das sei doch ungerecht – zwei verschiedene Glückseligkeiten, und das ausgerechnet im Himmel, wo es doch gerecht zugehen müsse. Das könne ich nicht verstehen.
Der nachsichtig lächelnde Herr Pfarrer, ein grosser, beleibter Mann, beugte sich zu mir herab: „Also, pass auf: Du musst dir zwei verschieden grosse Haferln (Häfeli), vorstellen. Beide Haferln sind mit Wasser bis zum Rand gefüllt. Im grossen Haferl ist natürlich mehr Wasser drin als im kleinen. Aber auch das kleine Haferl ist ganz voll. Voll ist voll.“ Dieses Gleichnis hat mich in vielen Lebenssituationen immer wieder getröstet, egal, ob ich mich gerade zu den kleinen oder den grossen Haferln zählen musste. Auch ganz ohne Aussicht auf himmlische Glückseligkeit.
Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben".
Ein Rohrstock und zwei Glückseligkeiten
Liebe Frau Weidacher,
Zu Ihrem gelungenen und gut erzählten Beitrag gratuliere ich Ihnen herzlich. Ihre Art zu erzählen gefällt mir, auch der Inhalt ist lesenswert!
Gruss wilfei