Es singt, es spielt, es musiziert. Die ganze PACA, also die Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, scheint sich in ein riesiges Konzerthaus zu verwandeln. Ein Musikfestival jagt das andere, Jazz auf den Strassen und in den Gassen, Klassik in den Musentempeln. Überall hängen Plakate, die auf die diversen Hörgenüsse hinweisen. Bunte Broschüren und noch buntere Flugblätter landen in den Briefkästen oder liegen auf den Empfangstheken der Hotels.
Neben den vielen professionellen Angeboten bemühen sich auch noch unzählige Strassenmusikanten um die Gunst der Touristen. Kaum eine Restaurant-Terrasse wird an den lauen Sommerabenden von den um ein Trinkgeld spielenden Grüppchen verschont. Lateinamerikanischer Rhythmus konkurriert mit den Musetteklängen des älteren Harmonika-Spielers, eine leicht verstimmte Drehorgel versucht die zarten Harfenklänge der jungen Musikstudentin zu übertönen.
Aber nicht nur Musik liegt in der Luft. Herrliche Düfte aus den vielen Küchen der vielen Restaurants streiten sich mit ihr um den besten Platz. Doch die Luft hat ein grosses Herz und nimmt gnädig Alle auf.
Auch ich habe ein grosses Herz, darum lud ich meine Perle in die Grillade zu einem butterzarten Filet au poivre vert ein. Das kleine, heimelige Restaurant liegt gleich hinter dem Excelsior und ist für sein ausgezeichnetes Fleisch bekannt. Schon vor Jahren hat mir der charmante Chef das Rezept für sein Pfefferfilet verraten. Der Pfeffer wird grob gemörsert, nachdem das Fleisch mit den zerkleinerten Körnern bestreut wurde, klopft er es mit dem Mörserstössel sanft ins Filet ein. Dann wird es von beiden Seiten in Butter kurz gebraten. Den Fond in der Pfanne flambiert er mit Cognac, löscht dann mit Rahm ab. Dazu zarte, feine grüne Bohnen und neue Kartöffelchen. Genau so durften wir es auch heute geniessen. Ein leichter Rotwein aus der Region und der Duft von Sonne und Meer vollendeten diesen kulinarischen Hochgenuss. Ein Stehgeiger, direkt von der Strasse importiert, fiedelte passend dazu eine Passage aus dem Sommernachtstraum.
Der Albtraum an meiner Seite hatte natürlich wieder einmal etwas auszusetzen: „Monsieur Kurt“, raunzte sie, „Sie wissen genau, dass ich das Fleisch nur gut durchgebraten esse. Dieses hier ist noch rot“.
„Meine liebe Georgette, wenn dieses herrliche Filet nur wenige Minute länger in der Pfanne verbracht hätte, wäre es zäh wie Leder. Ein guter Chef weigert sich mit Recht, ein perfekt abgehangenes Stück Fleisch durch zu langes garen in eine Schuhsohle zu verwandeln. Das nächste Mal bestelle ich ihnen ein paniertes Schnitzel mit Pommes frites. Oder Sie bleiben zuhause und erfreuen sich an Spaghetti“.
Ich erfreute mich am nächsten Tag an den diversen Jazz-Darbietungen in der Stadt. Auf der Place de la mairie spielte ein Altherren-Sextett « Souvenirs de La Nouvelle-Orléans», vor dem Excelsior machte ein junger Klarinettist Benny Goodman Konkurrenz. Und am alten Hafen versuchte ein Posaunist mit vier Kollegen schon am frühen Nachmittag seine zahlreichen Zuhörer mit Glenn Millers Moonlight Serenade auf den Abend einzustimmen.
Am Abend, ich sass mit Philippe und Jean und einer Plat de Crustacés auf der Touring-Terrasse, erfreute uns ein Oktett mit Musik im Stil der Dutch Swing College Band. Drei alte Knaben schwelgten in Erinnerungen an vergangene Jahre, an Dixieland und Swing. Krustentiere und Jazz, lauer Sommerabend, ein Blanc de Blanc im Eiskübel und gute Freunde, schon wieder so ein Sommernachtstraum.
Doch jeder Traum geht einmal zu Ende, meiner wurde am nächsten Morgen sogar sehr abrupt beendet. Aufgeregt wedelte eine Blumenmusterkleiderträgerin mit einem Flugblatt vor meiner Nase herum. Dazu stiess sie kleine, spitze Schreie aus, hüpfte von einem Bein auf das andere. Sie wackelte mit ihrem Kopf und daran erkannte ich, vor mir stand wirklich meine Perle.
Als ihr Ringen nach Fassung Erfolg zeigte, das Kopfwackeln schwächer wurde und sie allmählich wieder ruhig auf dem Boden stand, durfte ich den Grund für diese Emotion erfahren.
„Monsieur Kurt, in Draguignan spielen sie eine Operette. Ist das nicht herrlich? Hier steht’s, auf diesem Blatt, Paganini. In Draguignan. Ich war gestern bei Florence, sie war ja Operettensängerin, und wissen sie was, wissen Sie es. Sie wissen es nicht. Sie hat einen Film, von sich, von einer Aufführung vom Paganini, man kann ihn auf dem Fernseher anschauen. Ich kenne jetzt die Handlung, die Musik ist sehr schön. Ich werde mir dieses Kunstereignis auf keinen Fall entgehen lassen, leider fahren die Jolicoeurs morgen in die Ferien, ich muss also alleine nach Draguignan, sie könnten mich doch begleiten“.
Sie schien in meinem Gesicht die Ablehnung dieses unsinnigen Ansinnens lesen zu können und doppelte mit der Handlung nach: „Der Paganini hat ein Verhältnis mit einer Fürstin und die ist verheiratet mit dem Fürsten einer Republik und der sieht das gar nicht gerne. Und ihr Partner war der Pimpinelli und sie spielte die Bella“.
Ich war überrascht: „Die Fürstin spielte die Bella?“
„Monsieur Kurt, sie haben keine Ahnung von Operetten. Die Fürstin ist der Sopran, die Florence war die Soubrette und darum sang sie mit dem Pimpinelli einmal möcht ich was Närrisches tun. Das war damals in Aix en Provence oder wenigstens ganz in der Nähe von Aix. Sie sang eben an vielen Bühnen und kann sich halt heute nicht mehr so genau erinnern. Das Video hat ein Freund eines Bekannten ihres Mannes gedreht. Bei einer De Gaulle-Probe. Die macht man vor einer richtigen Vorstellung“.
„Sie meinen General-Probe“, wagte ich zu bemerken.
„Wenn Sie einmal keine Spitzfindigkeit finden. Dann eben General, na und, der De Gaulle war ja General. Also!. Vielleicht zeigt Ihnen die Florence das Band auch einmal, dann könnten Sie etwas für Ihre Bildung tun. Sie wissen ja, wer vieles weiss, wird manchem etwas bringen“.
Warum heirate ich eigentlich diese Nervensäge nicht, dann könnte ich mich wenigstens scheiden lassen.
Georgette spielte ihren letzten Trumpf: „Monsieur Kurt, es lohnt sich auf jeden Fall. Wenn nämlich dieser Arturo Paganini nicht gerade singt, spielt er Geige. Grossartig. Ich habe noch nie so schöne Musik gehört. Der Arturo ist nicht nur ein guter Sänger, es ist auch fast ein Künstler mit seiner Geige“.
„Arturo heisst der Toscanini oder der Ronchetti mit seinen Wasserleitungen, sie meinten wohl Nicolò. Und in Draguignan werden schon lange keine Operetten mehr gespielt. Auf ihrem Zettel steht doch klipp und klar: Werke von Paganini. Ein Orchester mit seinem Solisten spielt Werke. Werke, nicht Operette. Paganini war wohl der berühmteste Geigenvirtuose, dazu komponierte er auch fleissig“.
„Keine Operette“, meine Perle war sichtlich enttäuscht, „sicher ist die Fürstin auch nicht dort. Nur wegen diesem Gefiedel lohnt es sich doch gar nicht. Dann gehe ich eben ins Kino und schaue mir einen Louis de Funès-Film an“. Thema beendet.
Einige Tage später, ich kam gerade vom Apéro im Excelsior nach Hause, wurde ich von einer leicht verwirrten, aber trotzdem sehr aufgeregten Hausdame empfangen.
„Er war hier“. Kurz und prägnant: „Er war hier“. Kein Gruss, kein sonst Irgendetwas, einfach: „Er war hier“.
Sie labte sich förmlich an meinem ratlosen, bestimmt ziemlich doofen Gesicht: „Paganini war hier“. Dazu hielt sie eine Visitenkarte in die Höhe: „Und er heisst doch Arturo“.
Mutig entriss ich ihr den kleinen Karton, darauf stand in einer mir bekannten Schrift: Wollte Dich besuchen, wohne im Hotel Beau Séjour, melde Dich. Arturo Pagani.
Pagani, mein alter Schulfreund aus der Schweiz. Der kam jedes Jahr zum Festival du Jazz an die blaue Küste.
„Tja, meine liebe Georgette, da sehen Sie, mit was für Berühmtheiten ich verkehre. Ich werde heute Abend mit Paganini speisen. Vielleicht ein Tournedos Rossi“.
Jetzt machte meine Perle ein ratloses, ziemlich doofes Gesicht. Eine kleine Wiedergutmachung für meine strapazierten Nerven.
Pagani oder Paganini, Rossi oder Rossini, man darf das Ganze nicht so eng sehen.
Rossi
In einer deiner letzten Geschichten las man ja auch von den "Oeufs Mayer", oder war es Mayerbeer.
Ich habe mich wieder einmal köstlich amüsiert. Danke für diesen neuen Ausflug an die blaue Küste.
Martin
Martin H. Bader