Kultur

Gesehen: Von der Überheblichkeit und vom Kriege

Gesehen: Von der Überheblichkeit und vom Kriege

DAS Theater an der Effingerstrasse in Bern spielt „Die Perser“ von Aischylos

Premiere am 8. Juni für das vor rund 2500 Jahren entstandene griechische Drama, sozusagen das älteste Theaterstück über das aktuellste Thema.

(Vorstellungen bis Ende Juni.)


„Die Perser“ – ein aktuelles antikes Drama

Im Theater an der Effingerstrasse steht seit Mittwoch wiederum die letzte Produktion der Saison auf dem Spielplan. Aischylos (um 524-456 v. Chr.) hat mit „Die Perser“ das älteste bekannte Theaterstück der Weltliteratur geschrieben. Darin verwendet er keinen Stoff aus der Mythologie, wie sonst im antiken Theater üblich. Vielmehr schreibt er wohl aus persönlicher Betroffenheit über ein zeitgenössisches Ereignis. Als Kämpfer in den Reihen der Griechen hat er selber an der Seeschlacht bei Salamis (480 v. Chr.) teilgenommen. Dass er sich vorzustellen fähig war, was der Sieg der zahlenmässig weit unterlegenen Griechen über die Perser bei den Verlierenden ausgelöst haben mag, fasziniert. Am meisten allerdings überzeugt die über alle Epochen und Mächte gleich bleibende Aktualität der Botschaft dieses Stücks.

Einfühlsam modifizierte Sprache in jambischen Versen

Die Spannung beginnt mit den ersten Worten auf der Bühne. Eine angriffige, manchmal gar witzige Rhetorik in den Dialogen bringt immer wieder überraschende Wendungen. Doch die dichte – dichterische, verdichtete – Sprache des Textes ist anspruchsvoll. Nicht auf Anhieb versteht man manchmal die klangvollen, in Jamben gesetzten Verse; man muss ihnen oft noch etwas nachhorchen, nachsinnen; und schon fliesst der Rhythmus weiter.

Die Darsteller in ihrer Funktion als Sprecher sind es nicht, die diese Schwierigkeit schaffen. Man vernimmt melodiöses, akkurates, gut artikuliertes und trotzdem fliessendes traditionelles Bühnendeutsch. Es ist das Ohr von Zuschauenden, das vielleicht mit dieser Art Sprache heutzutage nicht mehr so sehr vertraut ist.

Choreografische und körpersprachliche Ausdrucksformen

Gut also, dass die Inszenierung immer wieder in der Rede innehält und mit räumlichen Bewegungen und Gesten ausdrückt, was vorher oder nachher die Dialoge berichten. Während die historische antike Tragödie auf dem Wort steht, aus dem Wort wächst, so erlebt man in deren heutigen Fassung von Norbert Klassen und Peter Jecklin eine wirkungsvolle Kombination von Dialogen, choreografischen Bewegungen und körpersprachlichen Botschaften.

Ausgespart wird die Mimik. Nur Atossa, die Mutter des Xerxes, zeigt ihr weiss geschminktes Gesicht, die übrigen sechs Darsteller tragen mexikanische Wrestling-Masken. Nicht nur in moderner und exotischer Form eine Anleihe an die Praxis der Antike, wo die Darsteller in Masken auftraten! Schon damals sollten Emotionen entpersonalisiert, ins Allgemeine überhöht werden – soweit sie nicht ohnehin dem Chor zugewiesen wurden. Auch in dieser heutigen Fassung der Tragödie wird so die allgemeine, zeitunabhängige Bedeutung der Botschaft betont. Bei Szenen persönlicher Betroffenheit nehmen die Darsteller die Maske ab. Ich habe das immer als Moment der Identifikation der zeitlosen Personen der Handlung mit den Zuschauenden von heute und als Aufforderung zum persönlich betroffenen Nachdenken empfunden: „Sieh, so sind zu allen Zeiten wir handelnden und leidenden Menschen!“ – „Das Innewerden von Überheblichkeit, Fehlurteil und Fehlhandlung betrifft immer wieder alle von uns!“

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Der Bote, Atossa und die Männer

 

Das Geschehen auf der Bühne beeindruckt und überzeugt

Die Zusammenarbeit von Norbert Klassen (Textfassung und Bühnenbild) und Peter Jecklin (Textfassung und Regie) verwirklicht genau die Klarheit der Handlungs- und Erzählstränge, der Reflexionen, Klagen und des aufbäumenden Unverständnisses, die nötig sind, damit die noch heutzutage gültige Zeitlosigkeit der Botschaft verstanden wird. Das Bühnenbild ist knapp, weiss getüncht, ein „nichtgemeinter“ Spielraum. Die Kostüme (Sybille Welti), dezent düster farblich unterschiedene Overalls, ausser bei der Königin-Mutter und dem Geist von Xerxes‘ Vater (ganz in Weiss: Peter Jecklin) heben sich, zusammen mit den erwähnten Masken, wirkungsvoll davon ab.

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Andrea Gloggner als Mutter des Xerxes

Der Mutter des Xerxes werden die meisten Gefühle zugestanden. Von der bange auf Kunde vom Schlachtverlauf ahnungsvoll Harrenden bis zur mit verzweifelter Heftigkeit sich für ihren Sohn Wehrenden breitet Andrea Gloggner eine sprachlich wie haltungsmässig eindrückliche Ausdruckspalette aus.

Der Bericht des Boten – im Theater von der Antike bis Shakespeare eine bedeutende dramaturgische Funktion –; David Imhoof gestaltet ihn mit emotionsarmer Sachlichkeit zu einem erschütternden ersten Höhepunkt. Er kontrastiert damit zur an Selbstvorwürfen (sind es echte oder vorgebliche?) reichen Verteidigungsrede des besiegten Xerxes (Armin Köstler).

Immer wiederstellt sich bei Inszenierungen alter griechischer Tragödien die Frage: Was mit dem Chor? Hier, bei den „Persern“ Aischylos, reduziert man ihn auf zwei Männer (Aaron Frederik Defant, Johannes Karl). Sie sind Wächter auf der Stadtzinne, Kommentatoren, unbequeme Frager, sogar zweiflerische Grübler und oft eine Art metaphorischer Ausleger des Worts. Spannungsvoll sind ihre Auseinandersetzungen mit dem Statthalter (Jesko Stubbe), der den Günstling, Einflüsterer und (schlechten) Berater des jungen Königs mit unbedarfter Kaltschnäuzigkeit darstellt.

Von der Antike zur Aktualität

Damit wird auf der Bühne des Theaters an der Effingerstrasse kein verstaubtes antikes Museumsstück in Szene gesetzt. Bestürzend nah geht diese Paraphrase über Krieg, Verderben, Tragik der Überheblichkeit und durch Prestige bestimmte Verantwortungslosigkeit von Regierenden. Xerxes, der junge Perserkönig vor 2500 Jahren, ist durchaus heutigen Entscheidträgern des weltweiten Sicherns von Macht und Einfluss vergleichbar

 

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Andrea Gloggner und Jesko Stubbe (Statthalter)

 

Theaterzettel:  

 

Die Perser

Von Aischylos, Fassung von Norbert Klassen und Peter Jecklin

Inszenierung:                   Peter Jecklin
Assistenz:                         Ivana Bach
Bühnenbild:                      Norbert Klassen
Bühnenbau:                      Peter Aeschbacher, Röné Hoffmann
Kostüme:                          Sybille Welti
Technik:                            Yeliz Kartal
Fotos                                  Severin Nowacki

 

Mit: Aaron Frederik Defant, Andrea Gloggner, David Imhoof, Peter Jecklin, Johannes Karl, Armin Köstler, Jesko Stubbe