Kultur

Erinnerungsfetzen

Erinnerungsfetzen

Zauberer geben niemals ihre Geheimnisse preis!

                       

Autorin: Sarah Noll (20)
                                                   

Ich erinnere mich...

an meinen ersten Schultag, den Beginn meiner schulischen Karriere.

Damals fühlte ich mich so gross, war unheimlich stolz und neugierig auf diese neue Welt, die sich mir öffnete.

Meine Mama brachte mich zur Schule, bepackt mit meinem ersten Schulrucksack – den hatte ich zuvor selbst aussuchen dürfen, Pinguine zierten ihn als Motive.

Doch bevor wir losgingen, wurden in unserem kleinen Vorgarten Fotos gemacht: Ich, in der einen Hand eine viel zu grosse Schulgeschenktüte, gefüllt mit neuen Stiften, Malfarben, meinen ersten Heften und Schokolade, auf dem Gesicht ein kindliches Strahlen.

Nach dem langen Weg zur Schule – meine Ungeduld dehnte die Minuten – erreichten wir endlich das neue Schulhaus. Auf dem Pausenplatz hatten sich schon etliche Kinder mit ihren Müttern oder Vätern eingefunden und warteten gespannt auf die Kundgebung der Klassen. Nervös wartete ich, bis ich aufgerufen wurde.

... da, mein Name! Mama drückte mich ein letztes Mal, dann war ich auf mich alleine gestellt, zwar unter vielen Gleichaltrigen, dennoch alleine, in diesem neuen, enormen Schulhaus.

Es konnte losgehen...

 

Ich erinnere mich...

an meinen Schulweg.

Jeden Tag gingen ich und meine neugewonnenen Freunde zusammen den Weg zur Schule. Da wir weiter oben am Hügel wohnten, war es ein steiler Weg. Wenn es windete, spannten wir unsere bunten Kinderschirme auf und bildeten uns ein, streckenweise fliegen zu können. Bei schönem Sommerwetter durften wir unser Kickboard benutzen und ins Tal hinunterrasen. Einige Male im Winter erlaubte uns Mama sogar, den Schlitten zu nehmen.

Obwohl ein alltägliches Ritual, immer wieder aufs Neue ein spannendes Abenteuer, mein alter Schulweg.

 

Ich erinnere mich...

an die erlebnisreiche Zaubershow, die wir in der dritten Klasse aufführten.

Über Wochen hatte uns unsere Lehrerin, Frau Zucker, in die Geheimnisse der Zauberei eingeführt. Fasziniert erprobten wir die Tricks, heute kommen sie mir banal vor, damals war es reinste Magie.

Besonders stolz war ich auf einen Auftritt, bei dem ich, da ich immer die Kleinste war und auch sehr flink, aus einer leeren Kartonbox gezaubert wurde. Wie der Zauber funktionierte, werde ich nicht verraten, wir mussten bei unserer Einweihung schwören, die Zaubertricks niemandem zu erklären. Ein Zauberer gibt niemals seine Geheimnisse preis!

 

Ich erinnere mich...

an die Gymiprüfung.

Meine Mutter weckte mich sanft. Ich hatte vor lauter Nervosität schlecht geschlafen.

Heute fand die erste von zahlreichen Prüfungen statt, die mir wichtig vorkam. Bis dahin hatte ich nie richtig lernen müssen und Prüfungen waren mir für gewöhnlich sehr leicht gefallen.

Eine Karte stand auf meinem Nachttisch: Carpe Diem.

Mein Vater begleitete mich zum grossen Schulhaus Rämibühl in der aufregenden Stadt Zürich. Er half mir, mein Zimmer ausfindig zu machen, und wir setzten uns, da wir zu früh waren, auf die Treppe beim hinteren Eingang, wo ich noch viele Rauchpausen verbringen sollte.

Mein Papa ermutigte mich, dann betrat ich alleine das fremde Schulhaus, das mir bald wie ein zweites Zuhause werden würde.

Ein weiterer Abschnitt meiner schulischen Laufbahn begann...

 

Ich erinnere mich...

an meinen ersten Schultag in der neuen Klasse.

Das Akzeptieren des Wiederholens an sich fiel mir nicht schwer, ich hatte mich schon länger darauf einstellen können. Schwieriger jedoch war es, nach fünf Jahren in einer Klasse, in der ich mich vollkommen wohl gefühlt hatte, die neue Atmosphäre zu verstehen. Irgendwie war die Stimmung misstrauisch, nicht so herzlich und locker, wie ich es aus meinem alten Klassenverband kannte.

Doch nach wenigen Wochen hatte ich mich, dank einzelnen entgegenkommenden Klassenkameraden, die mir die Einstiegszeit gewiss stark erleichterten, auch an diese Situation gewöhnt.

Dennoch habe ich mich seit dem Wiederholen in dieser, wie man so sagt, kalten Klasse, stark verändert. Ich musste lernen, mich, mehr als mir lieb gewesen wäre, anzupassen, ohne meine Persönlichkeit gänzlich aufzugeben.

Es ist aussergewöhnlich spannend, objektiv betrachtet, wie sehr unser soziales Umfeld uns zu verändern vermag.

 

Ich werde mich erinnern...

an meine Matur, meinen letzten Schultag, das Ende der Schulzeit überhaupt.

Ein melancholisches Gefühl wird sich der Erleichterung über die bestandene Matura beimischen. Obwohl anstrengend und zeitweise richtiggehend ermüdend, waren es schöne, lern- und erlebnisreiche Jahre, in denen ich vom kleinen, unschuldigen Mädchen zur selbständigen, jungen Frau herangereift bin.

Ein wichtiger Abschnitt des, hoffentlich noch langen Lebens, ist beendet, ein neuer, unbekannter beginnt... Was ich noch alles erleben werde? Was ich mit meinem Leben anfangen werde? Wir werden sehen...

Foto: Margaretha Hubler

Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben".