Lehrer haben nicht immer recht.
Autorin: Gisa Gasser
Es war, glaube ich, 1953 in Karlsruhe im Lessinggymnasium. Wir waren nur Mädchen. Wie das so in der Nachkriegszeit war, die Klassen waren gross, so über 40 Schülerinnen, ich sehe noch die drei Reihen vor mir mit jeweils zwei Schulbänken, den bekannten alten Holzbänken. Mein Platz war ganz hinten, nicht, weil ich gross war; vielleicht auch deshalb, nein, sicher, weil ich mich gerne im Unterricht gedrückt habe und auch sehr viel am Träumen war.
Englisch gab Dr. Stäuble*, ein sehr strenger, korrekter Lehrer - brr, das war nicht mein Lehrer. Er unterrichtete Latein und Englisch, oh, ich hasste ihn sogar, aber das hatte andere Gründe. Einmal stellte er mich vor der ganzen Klasse bloss, dabei hat er auch noch seinen schmalen Mund spöttisch verzogen. Ich erwähne das nur, um auszudrücken, wie sehr mich diese Unterrichtsstunde gefreut hatte.
Sie war neu bei uns in der Klasse, Sigrid* hiess sie, war etwas älter, ein oder zwei Jahre, und das ist viel, wenn jemand erst zwölf Jahre alt ist. Im Geheimen erzählten wir uns hinter vorgehaltener Hand, dass sie krank gewesen war. Ihr Vater war in Karlsruhe ein bekannter Verleger, er soll geschieden gewesen sein, was damals noch ungewöhnlich war. Sie lebte also bei ihrem Vater und durfte alles. Sigrid war ein kesses Mädchen, sie trug immer ein Käppchen auf dem Kopf, was sie im Aussehen so besonders machte. Auch hatte sie keinerlei Ängste den Lehrern gegenüber. So wurde sie schnell zu einer beliebten Schülerin. Auch ich bewunderte sie.
Einmal wollte der strenge Dr. Stäuble einige englische Beispiele hören, die Aussprache sollte gleich klingen, aber die Bedeutung der Wörter verschieden sein. Als Beispiel „spring“ (season) und „spring“ (to spring). Grosse Stille in der Klasse. Er brachte andere Beispiele, nichts kam von Schülerinnenseite. Da streckte Sigrid ihren Finger in die Höhe. Dr. Stäuble: “Sigrid, bitte“. Sigrid sagte :” The sun her son”, ja, es klang tatsächlich gleich, sun-son, sie war ganz stolz und stand neben ihrer Bank. Aber Dr. Stäuble zog nur seine Augenbrauen hoch und sagte mit strenger Stimme: “ Die Sonne hat keinen Sohn!“ Stille. Doch Sigrid bestand darauf: „ Doch, the sun her son. Warum soll die Sonne keinen Sohn haben?“ Und schaute Dr. Stäuble herausfordernd an. Wir sassen auf der Lauer. In diesem Moment träumte ich nicht, denn es wurde spannend. Und wieder antwortete Dr. Stäuble, noch etwas strenger:“ Die Sonne hat keinen Sohn!“ Aber Sigrid gab nicht nach. Daraufhin wurde sie vor die Tür geschickt. Ich glaube, sie ging gerne raus. Irgendwann kam auch das erlösende Klingelzeichen, die Englischstunde war zu Ende. Dr. Stäuble schien einem Herzinfarkt nahe, was mich besonders freute. Wie oft denke ich auch heute noch: „Warum soll die Sonne keinen Sohn haben“? Ich erinnere mich nicht mehr, wie das alles ausging, wahrscheinlich hatte Dr. Stäuble uns dicke Hausaufgaben aufgebrummt...
Bald kamen die Sommerferien., die heiss ersehnten. Am ersten Schultag nach den Ferien fehlte Sigrid. Warum wohl? Es gingen schon Gerüchte um. Unsere Klassenlehrerin informierte uns, es sei etwas sehr Trauriges passiert. Sigrid sei während der Sommerferien gestorben, bei einer Operation, Gehirntumor, Deshalb also auch das Käppchen. Es war nicht ihre erste Operation gewesen. Wir waren alle unendlich traurig. Noch heute denke ich manches Mal daran. Die Lehrer waren ja informiert, warum hat sich dann Dr. Stäuble so aufgeregt? Aber hätte Sigrid nicht gesagt „ The sun her son“, wäre sie mir vielleicht nicht in so lebhafter Erinnerung geblieben. So lebt sie bis heute weiter, vielleicht ja auch bei den anderen Mitschülerinnen. Und die Sonne hat doch einen Sohn!
Nachtrag: Viele Jahre später konnte ich meine negativen Gefühle Dr. Stäuble gegenüber aufarbeiten. Ich traf ihn als junge Frau nach vielen Jahren durch Zufall in der Stadt. Er sprach mich damals an und erzählte mir aus seinem Leben, viel Trauriges. Da waren mit einem Schlag alle Hassgefühle weg.
*Name von der Redaktion geändert
Foto: www.lessing-gymnasium-karlsruhe.de
Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben".