Sie strickte am besten – aber nur für den lieben Gott.
Autorin: Dorothe Schauber
Niemand mochte in der Schule neben Vreni* sitzen. Sie war schmutzig, trug schmuddelige Kleider, zerrissene Strümpfe und ihre Haare sahen so aus, als nisteten Läuse darin. Ständig schniefte sie und putzte ihre Nase am Ärmel ihrer dunkelblauen Schulschürze ab.
Zudem war sie dumm. In der fünften Klasse stand sie immer noch auf Kriegsfuss mit dem Einmaleins und sie war nicht fähig, einen einfachen Text zu lesen. Dauernd verwechselte sie b und d. Einmal sollte sie auf der Wandkarte die Städte am Genfersee ablesen. Sie bewegte zuerst lange stumm die Lippen und las dann stockend: Laus-anne. Wir prusteten laut heraus. Hinter ihrem Rücken nannten wir sie von da an nur noch Luus-Vreni.
Auch die Lehrerin, eine Klosterfrau, mochte sie nicht. Man sah ihr den Ekel an, wenn Vreni ihr zu nahe kam. Die fromme Frau mochte auch mich nicht sonderlich. Sie setzte mich nämlich des Öfteren neben Vreni. Ich solle ihr beim Rechnen und Lesen helfen, sagte sie scheinheilig. Das nützte zwar nicht viel; ich ekelte mich und untersuchte abends vor dem Spiegel mein Haar auf Läuse hin. (Ich fand nie welche.) Mit der Zeit ergab sich doch ab und zu ein Gespräch mit Vreni. Das heisst: Ich fragte sie aus. Mit ihren seltsamen Geschichten konnte ich nämlich hinterher meine Freundinnen grossartig unterhalten.
Vreni war das einzige Bauernkind in unserer Klasse. Sie hatte 18 Geschwister, die meisten älter als Vreni, aber da wuselten auch noch ein paar jüngere herum.
„19 Kinder seid ihr! Das glaub‘ ich nicht“, sagte ich entschieden.
„Mein Vater hat zweimal geheiratet, die erste Frau ist gestorben.“
„Wie viele Kinder sind von der ersten Mutter?“
Vreni zuckte die Schultern: “Ich weiss es nicht.“
„Wie viele Kinder sind jünger als du?“
„Meinst du, ich zähle die jeden Morgen?“, rief sie aufgebracht. „Ich habe anderes zu tun. Ich muss jeden Morgen vor der Schule in den Stall und beim Misten und Melken helfen!“
Als ich das meinen Freundinnen brühwarm erzählte, kugelten sie sich vor Lachen, hielten sich die Näschen zu und zeigten mit Augenrollen und Grimassen ihren Abscheu.
Nur eines musste man Vreni lassen: Sie konnte stricken und nähen wie keine von uns. Während mein Strickstrumpf grau und unansehnlich war vor lauter Schweiss und Flüchen und die Zierdeckchen krumme Nähte hatten, war Vrenis Strumpf trotz ihrer plumpen Hände weiss und ebenmässig gestrickt und ihre Deckchen waren kleine Kunstwerke. Sie würde bestimmt den jährlich vergebenen Handarbeitspreis bekommen.
Sie bekam ihn nicht.
Mehr als 50 Jahre später, an einer Klassenzusammenkunft, erfuhr ich, weshalb.
Ich hatte Vreni all die Jahre aus den Augen verloren und erkannte sie nicht wieder. Aus dem abgerissenen Laus-Vreni war eine gepflegte, hübsche Frau geworden. Sie hatte einen erfolgreichen Geschäftsmann geheiratet und war stolz auf ihre drei Kinder und ihre sieben Grosskinder.
An dieser Zusammenkunft erzählte Vreni mir, weshalb sie den Preis damals nicht bekommen hatte. Die fromme Klosterfrau hatte sie beiseite genommen und gesagt:
„Vreni, du hättest den Preis verdient. Aber du weisst ja, wie das abläuft. Da kommen alle Kinder mit ihren Eltern und Lehrern; da kommt der Pfarrer und andere wichtige Leute und der Schulpräsident verteilt in der Turnhalle die Preise fürs Rechnen, fürs Schreiben, fürs Turnen und eben für Handarbeit. Jedes Kind, das einen Preis bekommt, muss auf die Bühne, alle klatschen und der Schulpräsident drückt dir die Hand und übergibt dir den Preis, eine Goldmedaille. Und jetzt schau dich an! Du auf der Bühne! So, wie du ausschaust. Mit diesen Kleidern, mit diesen Schuhen! Da klatschen nicht alle. Da lachen sie dich aus und ich muss mich schämen. Und du dich auch. Ich und der liebe Gott wissen ja, dass eigentlich du den Preis verdient hättest. Der liebe Gott wird dich dafür belohnen. Aber das muss ein Geheimnis zwischen dir und mir und dem lieben Gott bleiben!“
*Name von der Redaktion geändert
Bild: Margaretha Hubler
Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben"