Kultur

Der Herr Baron

Der Herr Baron

Die Tage und die Sonnenstrahlen werden langsam kürzer, die Schatten länger und die Zahl der Feriengäste kleiner. Auch die Kaftan-Träger vom schwarzen Kontinent kehren der blauen Küste etappenweise den Rücken. Zuerst verlassen die ganz jungen Souvenirhändler ihre temporäre Sommerarbeitsstätte, dann folgt ihnen das grosse Heer der schon etwas reiferen. Zurück bleiben die Alten, die man in der Heimat sowieso nicht gebrauchen kann, um den neuen Kitsch für die nächste Saison bereitzustellen. Ihre Aufgabe ist es, den restlichen Ramsch unter die restlichen Touristen zu bringen. Mit einem gelangweilten, monotonen „Moitié petit Prix“, halber, kleiner Preis, nerven sie die letzten erholungsbedürftigen Feriengäste. Wenn sie dann einen echten, handgeschnitzten Elfenbeinelefanten, nach längerem Feilschen, für zehn Euro verkaufen können, hat der neue Besitzer immer noch viel zu viel für den Plastik-Kitsch bezahlt. Zuhause darf er dann bei genauem Hinschauen irgendwo unter einem Fuss ganz klein den Hinweis „made in taiwan“ entdecken. Wenn er Pech hat, bemerkt es zuerst ein guter Freund, dem er strahlend von seiner Feilschkunst berichtete. 

Natürlich gibt es noch genügend Urlauber, auch wenn es jetzt mehr die älteren Semester sind, um die weitere Existenz der Hotels und Restaurants zu gewährleisten. Und es kommen, wenn auch spärlicher, immer wieder neue dazu. 

So auch ein seriös wirkender, älterer Herr. Madame Solange, die graue Maus, die eine Etage unter uns wohnt, wusste sogar präzise Einzelheiten über den Neuankömmling zu berichten. Er wohnte im Continental, vielleicht auch im Beau Séjour, auf jeden Fall war er adlig. Ein Graf oder ein Baron, aus Wien, eventuell auch aus München oder der Schweiz. Französisch sprach er mit ausländischem Akzent. Und er besass ein Schloss, vielleicht auch nur eine Stadtwohnung, ganz bestimmt war er sehr reich. 

Ihr profundes Wissen konnte natürlich nicht auf ihrem eigenen Mist gewachsen sein, Quelle war die Schutzherrin der örtlichen Klatschtanten, Madame Wilt. Die Stütze der Gesellschaft ist stets bestens informiert, ein kleines Heer von Tratscherinnen steht ihr unentgeltlich und allzeit zur Verfügung und liefert ihr zuverlässig die neuesten Neuigkeiten. Wenn sie dann, wie in diesem Fall, sogar von Adel und Geld erfahren darf, ist das Objekt bereits ein Opfer ihrer Eitelkeit. Ohne grosse Umschweife wird es in den Dunstkreis der Gattin des Weingutbesitzers aufgenommen. La Wilt zeigt sich dann gerne, geschmückt mit eben dieser neuen Bekanntschaft, auf der Terrasse des Excelsiors. 

Es war an einem herrlichen frühherbstlichen Nachmittag, kein Wölklein trübte den blauen Himmel, kein Lüftlein regte sich, ich sass an meinem gewohnten Platz, als mich die Trägerin schwarzer Sackkleider an ihren Stammtisch zitierte. Dieses Zitieren lief stets nach dem gleichen Schema ab. Zuerst wurde man von Madame total ignoriert, sie zeigte auch nach mehrmaligem Kopfnicken und einem Bonjour andeutenden Lächeln keine Anzeichen des Erkennens. Sie schaute praktisch durch einen hindurch. Etwas später nickte sie äusserst gnädig mit ihrem Kopf, kurz darauf machte ihre rechte Hand ein eindeutiges Zeichen. Ich bildete mir stets ein, noch ein herrisches „Bei Fuss“ zu vernehmen, obwohl die Wiltschen Lippen geschlossen blieben. 

Gehorsam baute ich mich vor dem Tisch der Wilt auf, grüsste artig „Bonjour Madame, Bonjour Monsieur“ und wartete auf eventuelle Befehle. Bevor ich mich setzen durfte, wurde ich mit ihrer Begleitung bekannt gemacht: „Monsieur le Baron, darf ich ihnen Monsieur Kurt vorstellen, er wohnt auch hier und schreibt ab und zu merkwürdige Geschichten, allerdings in einer mir fremden Sprache. Sonst tut er nichts“. Ich erhielt trotzdem die Erlaubnis, mich zu setzen. 

Als Nichtstuer wusste ich natürlich die Ehre zu schätzen, mit zwei so vornehmen Persönlichkeiten am selben Tisch sitzen zu dürfen. Ich durfte sogar erfahren, dass der noble Herr mit Vornamen Karl-Heinz hiess, Madame sprach es Carl-Einzö aus. 

Im Laufe der von der Matrone ziemlich einseitig geführten Diskussion, wurde mir der adlige Herr immer unsympathischer, ich könnte auch sagen, sein blasiertes, überhebliches Getue widerte mich so richtig an. La Wilt schien es nicht zu stören. Für sie war nur eines wichtig, er war ein Baron. Und dieser empfahl sich kurz, um die stillen Örtchen im Innern des Hotels aufzusuchen. Madame schien keine Lust zu verspüren, die temporäre Barönliche Abwesenheit mit einem Gespräch zu überbrücken. Sie lächelte lediglich still vor sich hin. 

Ich hatte Hunger und deshalb kreisten meine Gedanken wie so oft ums Essen. Ich fragte mich, was so ein adliger Herr wohl als sein Lieblingsgericht bezeichnete. So kam ich unweigerlich vom Baron zum Baron. Baron nennt man nämlich auch die zusammenhängenden Hinterkeulen eines Milchlamms. So ein Baron wiegt zirka 2,5 Kilo und hat eine Garzeit von Hundert Minuten, nämlich 20 Minuten pro fünfhundert Gramm, und das bei 170°. Ich überlegte mir, wie lange das Baron des Herrn Baron wohl in meinem Ofen bis zum perfekten Garpunkt ausharren müsste. 

Gott sei Dank kamen in diesem Moment die zusammenhängenden Hinterkeulen des erleichterten adligen Herrn, zusammen mit den übrigen Extremitäten und was sonst noch dazugehörte, von ihrem Toiletten-Ausflug zurück.

Es war die beste Gelegenheit, mich von der gebläuten Matrone und dem hochwohlgeborenen Herrn zu verabschieden. Einen kurzen Moment war ich versucht, mich rückwärts, Bücklinge andeutend, zu meinem Tisch zu bewegen, entschied mich dann aber doch für den aufrechten Vorwärtsgang.

Wie gesagt, ich hatte Hunger und überdies Georgette versprochen, heute beim Traiteur La Marmite, dem kulinarischen Etablissement von Donald Foster, zwei grosse Portionen Couscous zu erstehen. Mir war es Recht, ein Spaghettifreier Tag kann nie schaden. Und der Koch von D Punkt ist Spezialist in der Zubereitung dieser nordafrikanischen Köstlichkeit, die durch diverse Einwanderer auch in Frankreich sehr bekannt ist. Er würzt sie mit Ras el-Hanout und für die Schärfe nimmt er Harissa. Alfons, so heisst der Chef, verwendet nur erstklassiges Sisteron-Lamm, das Geflügel stammt von einer Bäuerin aus dem Arrière-Pays.

Meine Perle hatte ausnahmsweise einmal nichts auszusetzen, im Gegenteil, sie war sogar der Ansicht, ich hätte ruhig eine Portion mehr bringen können. Meine reichhaltige Käseplatte und der spendierte Armagnac zum Kaffe versöhnten sie wenigstens ein bisschen, sodass sie den blöden, sattsam bekannten Spruch über meinen Geiz gnädig für sich behielt.

Als ich ihr von meinem Zusammentreffen mit dem Baron berichtete, wackelte sie aufgeregt mit dem Kopf. Dieses Gewackel war stets ein Zeichen äusserster Aufgeregtheit. Auch heute brach es explosionsartig aus ihr heraus: „Monsieur Kurt“, japste sie, „dieser Baron gefällt mir gar nicht. Der hat so etwas Schleimiges an sich, bestimmt hat er den Titel gekauft. Das kann man ja heute, ich lese immer wieder davon. Madame Wilt muss sehr aufpassen. Diesem Herrn traue ich so ziemlich alles zu“.

Immer noch trübte kein Wölklein den blauen Himmel, immer noch regte sich kein Lüftlein. Die Tage schlichen dahin, ab und zu durfte ich auf meinen Spaziergängen ein gnädiges Nicken von der Wilt mit ihrem adligen Anhang entgegennehmen. Während der Weingutbesitzer in den Rebbergen schuftete und seine Lese vorbereiten musste, nahmen seine Angetraute und der Carl-Einzö die Huldigungen der gewöhnlich Sterblichen entgegen.

Doch dann zogen dunkle Wolken auf, nicht über der Stadt, nein, über dem Haupt von Madame Wilt. Man sprach von einem Skandal, von Niedertracht, vom Untergang von Moral und guter Sitten. Ich erfuhr natürlich alles von meiner Perle, die gar Erschröckliches zu berichten wusste: „Monsieur Kurt, ich habe es ja immer gewusst. Dieser Baron ist ein Schuft. Wissen Sie, was der getan hat, wissen Sie es? Sie wissen es nicht. Es ist unglaublich. Hat der doch von der Wilt ein Darlehen verlangt. Angeblich will er ein Schloss mit Weingut kaufen und sein Geld hat er fest angelegt und ist im Moment nicht ganz flüssig. Nicht ganz flüssig, dass ich nicht lache. Der hat doch gar kein Geld, das habe ich gleich gesehen. Aber die Solange wusste es wieder einmal besser. Dass die Wilt darauf reingefallen ist kann ich nicht verstehen. Vielleicht wegen dem Weingut. Das Geld braucht er für die Anzahlung. Wie wenn man mit einer Anzahlung ein Schloss kaufen könnte. Und Madame war so blöd und ging mit ihm zur Bank und gab ihm das Geld. Nur weil er ein Baron ist. Und jetzt, was glauben sie, was ist jetzt passiert. Heute früh ist der Schurke abgehauen. Er hat nicht einmal die Hotelrechnung bezahlt. Und Madame hat das Nachsehen. So ist es, Monsieur Kurt“.

Eigenartigerweise kam in mir keine Schadenfreude auf, im Gegenteil, la Wilt tat mir irgendwie leid. Zugegeben sie war nicht gerade meine Freundin, ich mag eigentlich gar keine versnobten Leute, aber das hatte sie nun wirklich nicht verdient. Schliesslich tat sie auch viel Gutes. Ich werde sie in nächster Zeit doppelt freundlich grüssen.

Natürlich ging die Wilt mit ihrem Gatten im Schlepptau sofort auf den Polizeiposten. Da sich der Gauner ja im Hotel in so ein Anmeldeformular eintragen musste, konnte sie bestimmt seine Adresse erfahren. Sie erfuhr noch viel mehr. Der vornehme Herr hiess Karl-Heinz Baron. Sein Nachnahme war schlicht und einfach Baron. Kein Adel, kein Schloss, nur ein kleiner Betrüger. Und die Adresse – postlagernd Wien. Da im Hotel Niemand deutsch sprach, fiel das postlagernd natürlich nicht auf.

La Wilt schämte sich so sehr, dass sie auf diesen Vornehmtuer hereinfiel, sie liess sich gut zweieinhalb Tage nicht mehr in der Stadt blicken. Dann nahm ein berühmter Geigenvirtuose den verwaisten Platz an ihrer Seite im Excelsior ein. Sein Name blieb allerdings ein Geheimnis.

Meine Perle sonnte sich im Glanze ihrer Sensoren, sie hatte es ja sofort gewusst, ihr sensibles Gespür lässt sie halt nie im Stich. Und was es mit diesem Fidelspieler auf sich hat, wird sie bestimmt auch bald herausfinden. 

                                 

Kommentare

Bild des Benutzers kornblume

Madame Wilt

Mit Schmunzeln habe ich deine neue Geschichte genossen lieber Kurt. Es gibt doch in jedem Dorf und in jeder Stadt so eine Madame Wilt "e me Besseri" und bekommen sie dann mal eins aufs Dach fängt das Getuschel an.

kornblume

Bild des Benutzers schlosser

laut gelacht

Ich habe beim lesen dieser Geschichte mehrmals laut lachen müssen.

Hoffentlich kommen noch mehr so amüsante Erzählungen.

En Gruess von Höngg, Martin

Martin H. Bader