Schule war einfach das Leben!
Autor: Alessandro Rearte (19)
Ich erinnere mich an meine Schulanfänge. Schule war einfach das Leben, als würde ich für immer zur Schule gehen. Sechs und sechs Jahre, das war ja das Doppelte dessen, was ich schon gelebt hatte. Ein Ende war so fern, dass es auf eine gewisse Art unrealistisch war.
Der Gedanke fertig zu sein - unmöglich.
Was diskutiert ihr über euer Studium?! Ihr habt ja noch so viel vor euch!, hiess es von den älteren. Doch dann war es vorüber, sechs Jahre, plötzlich. Zuerst dachte man über ein Ende gar nicht nach - und dann ging es nur noch wenige Wochen. Vorbei hiess zwar Halbzeit, denn sechs weitere Jahre warteten darauf, bestanden zu werden. Dasselbe Szenario: Das Ende ist so weit weg, unerreichbar, wie ein Weg im dicksten Nebel. Man läuft und läuft, schaut dabei immer auf den Boden, das Ziel interessiert einen gar nicht mehr. Und ehe man sich versieht, läuft man in die Zielgerade hinein. Plonk!
Ich erinnere mich, eine gute Zeit in der Primarschule gehabt zu haben. Das Schulhaus war alt und klein, ein geschütztes Bauwerk. Sechs Klassen hatten grade mal Platz - jeder kannte jeden. Rundherum ein grosser Pausenplatz mit viel Grün. Ein Schulhaus wie es im Bilderbuch steht. Gegenüber der Zivilschutzraum:
Ich erinnere mich, wie die Flüchtlinge aus dem Krieg aus Ex-Jugoslawien dort Asyl bekamen und wir das erste Mal Weltgeschichte hautnah erlebten, ein erster Kontakt aus der heilen Kinderwelt hinaus. Die Lehrer waren gut, sie lehrten uns, was es hiess, Flüchtling zu sein, aus einem Land zu kommen, wo sich Leute töten. Die Lehrer waren pädagogisch sehr stark engagiert, doch Flecken waren auf ihren weissen Pädagogenwesten zu finden:
Ich erinnere mich, durch eine Anhäufung kindisch-lausbübischer Vorfälle in einem engeren Zeitraum früh den Sündenbock-Stempel bekommen zu haben. Meine Freunde und ich waren einfach schuld - an allem. Im Gymnasium konnte ich dann meinen Ruf bei den Lehrern neu aufbauen - bei vielen mit Erfolg, nicht alle Lehrer funktionierten gleich:
Ich erinnere mich an die Zeit im Realgymnasium, als ich mich daran gewöhnen musste, ein Dutzend verschiedene Lehrer zu haben, jeder in seiner Person einzigartig. Für jeden gab es eine Schublade, in der sich "typisch Sowieso-Lehrer" Erinnerungen von dieser Person anhäuften, die sie fast unsterblich machten:
Ich erinnere mich an Herr F., der einen äusserst langatmigen Unterricht hielt, an dem die Schüler nur noch weniger mitmachen konnten, wenn sie die Stühle gewesen wären, auf denen sie sassen. Er kam in der letzten Stunde vor Semesterende zu mir und sagte: "Ich konnte Ihnen gar keine Mündlichnote geben, da ich Ihren Namen gar nicht weiß" – "Kann sein, doch ehrlich gesagt, ich weiss Ihren auch nicht", musste ich gestehen.
Es war sehr lustig zu merken, dass uns Lehrer nur ungewollt zum Lachen bringen konnten, und sich ihr Beliebtheitsgrad hauptsächlich durch ungeschickt-lustiges Verhalten steigerte anstatt durch ihre "lustigen" Sprüche, Kommentare und Witze:
Ich erinnere mich zum Beispiel an den ungeschickten Satz von Frau B., als sie versuchte, Interesse in uns zu wecken, ausserschulisch ein gewisses Buch zu lesen: "Als ich noch ein Junge war, las ich es innerhalb eines Tages!"
Wir lachten Tränen. Unterricht dieser Art machte Spass, so wie bei Herrn S.:
Ich erinnere mich, als er uns die Prüfungen zurückbringen sollte, aber feststellen musste, dass "ich die Prüfungen im Kühlschrank vergessen habe". Eine äusserst legitime Entschuldigung.
Ich erinnere mich an weitere tolle Entschuldigungen seitens der Schüler: "Sie, der Bus war entgleist", "Sie, das Flugzeug hatte Verspätung!" (was eigentlich gar nicht gelogen war und tatsächlich sein Grund für die Verspätung war), "Sie, der Bus kam, aber meine Beine wollten einfach nicht aufstehen!". Schule lehrte uns, schwierige und mühsame Dinge mit Humor zu bewältigen. So vergeht die Zeit schneller und man hat trotzdem mehr zu erinnern.
Und ich erinnere mich an das schlechte Essen in der Mensa. Es ist kein Mythos!
Bild: Margaretha Hubler
Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben".