Nach zwölf Jahren lässt sich eine gewisse Müdigkeit nicht verhindern
Cyril Simmen (19), Zürich
Die eigene Schulzeit zu beschreiben, während man sie noch am eigenen Leib erfährt, ist nicht einfach. Nach zwölf Jahren ununterbrochenen Besuchs dieser überlebenswichtigen Institution lässt sich eine gewisse Müdigkeit nicht verhindern.
Ich erinnere mich auch zuallererst daran: An die endlosen Stunden, in denen ich schlafend oder mit dem Schlafe ringend in der ersten Schulstunde mit Pythagoras, Novalis und dem x-ten Integral gefoltert wurde. Eine Szene blieb mir besonders im Gedächtnis: Ich hatte nach langem aber sinnlosen Kampf vor Morpheus‘ Waffen kapituliert und lag in meinem Pullover versteckt im Stuhl. Im Traum befand ich mich in einem tropischen Inselparadies in einem Bassin mit stillgelegtem Wasserfall. Plötzlich begann selbiger wieder seinen Dienst und ich war überrascht, dass solche Träume sich so realistisch anfühlen konnten (hatte Freud doch Recht?); beschloss aber im Traum weiterzuschlafen bis zur nächsten Pause. Diese kündigte sich durch lautes Klingeln an, welches mich unsanft zurück in meinen Betonbunker drängte. Genervt warf ich pro Forma einen Blick auf die Uhr: Überraschung es waren zwei! Stunden gewesen, die ich im Reich der Träume verbracht hatte. Und, wie mir später erzählt werden sollte, der Wasserfall war nichts weiter als der verzweifelte Versuch einer Lehrperson gewesen, mich mit Hilfe eines Wasserglases, welches über mich geleert worden war, wieder an ihrer Stunde teilhaben zu lassen – erfolglos! Doch auch andere Emotionen – ist Müdigkeit überhaupt eine? – kommen mir in den Sinn. Erleichterung zum Beispiel.
Ich erinnere mich an eine Schulreise während des zweiten oder dritten Primarschuljahres. Der Rastplatz war eine Feuerstelle irgendwo im Küsnachter Tobel (also dort wo jeder schon eine Schulreise hin unternommen hat) und aus irgendeinem Grund entschied ich mich, zu versuchen die steilen, vertikalen, teils überhängenden Seitenwände des Tobels zu erklimmen. Ich schaffte es bis fast ganz nach oben, aber eben nur fast; ein moosbedeckter Fels wurde mir zum Verhängnis. Ich ruderte noch kurz mit den Armen, fiel aber schlussendlich und rutschte der Hangneigung folgend Richtung Fluss. Ich überschlug mich ein-, zwei-, dreimal, dachte schon, dass es dies wohl gewesen sei – und wurde abrupt gestoppt. Die grosse Krone eines Baums der durch „Lothar“ entwurzelt worden war, hatte mich gebremst. Die Glückshormone, die mein Körper danach aussandte, waren unbeschreiblich. Noch nie, und nie wieder, hatte mein Körper sich so lebendig angefühlt und würde sich je wieder anfühlen.
Solche Erinnerungen halfen natürlich später, sie dienten als Ruhepol wenn sich Freund Müdigkeit verabschiedet und blanker Wut Platz gemacht hatte. Aber manchmal half alles nichts.
Ich erinnere mich an einen denkwürdigen Vorfall im Lehrerzimmergang des RG, der meinen Ruf bei der Klasse steigen und in Prorektors Aktenschränken ins Bodenlose fallen lassen würde. Mein iPhone (DAS In-Gerät meiner späten Schulzeit) war konfisziert worden und ich wartete relativ genervt auf die betreffende Lehrperson, die es mir gefälligst zurückgeben sollte. Es handelte sich um jemanden, den wir als Klasse schon mehr als ein halbes Jahr terrorisiert hatten. Ich fühlte mich schon einmal von Beginn an im Recht und als sie mir unter einem fadenscheinigen Vorwand mitteilte, mein kostbares iPhone übers Wochenende einbehalten zu wollen und sich anschickte mir den Rücken zuzuwenden verlor ich die Beherrschung. Der genaue Inhalt des von mir Gesagten (oder besser Gebrüllten) würde vermutlich dem Rotstift des Zensors zum Opfer fallen, also belassen wir es dabei, dass es eine unschöne Szene mit unschönen Folgen war. Aber blanke Wut tut halt selten gut. Die betreffende Lehrperson wurde Ende des Schuljahres abgelöst.
Ich erinnere mich an die Müdigkeit.
Ich erinnere mich an die Erleichterung.
Ich erinnere mich an die Wut.
Und ich erinnere mich an unendlich viele Szenen, zu viele um eine spezielle herauszufiltern, am See mit Freunden und Kollegen, am Verspeisen der Döner im Niederdorf über den Mittag und an das gemeinsame Lachen über Lehrer K, dem ausserordentlich tauben Geografen. Sie machten den Rest mehr als erträglich und werden immer für ein Schmunzeln sorgen, wenn ich später über diesen Lebensabschnitt nachdenken werde. Der Charakter wird nur zu einem kleinen Teil durch die Schule an sich geformt, welche auch nur einen kleinen Teil der Schulzeit ausmacht. Gefühle und Emotionen, ob gut oder schlecht, spielen hier die wesentlich wichtigere Rolle.
Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben"