Kultur

„Willst Du denn Dienstmädchen werden?“

„Willst Du denn Dienstmädchen werden?“

Ich getraute mich nicht aufzustrecken, obwohl ich die Antwort wusste.

                           

Ruth Suter, (68), Baden

Als ältestes von drei Kindern war ich für meine Eltern eine Enttäuschung, als ich die Prüfung in die Bezirksschule nicht bestand. Mein Vater meinte: „Willst du denn Dienstmädchen werden, wenn du dich nicht mehr anstrengst?“ Zum Glück verlief der Eintritt in die Sekundarschule dann reibungslos. Die Schule war in der benachbarten Stadt, ungefähr zwanzig Minuten zu Fuss entfernt. In der „Sek“ hatten wir einen Hauptlehrer. Die Sing- und Turnlektionen besuchten wir bei einem anderen Lehrer.

Unser Hauptlehrer, Herr Müller, war anfangs sechzig, hatte einen hohen Blutdruck und Herzprobleme. Heute würde man wohl sagen, er war nahe einem Burnout. Wenn er wütend war, bekam er einen roten Kopf, rollte seine Augen und hatte sich nur noch mühsam im Griff. Herr Müller war auch parteiisch. Besonders einen Knaben hatte er „auf dem Zahn“ und rügte und beschimpfte ihn dauernd. Hans musste die Schule dann auch nach einem Jahr verlassen. –

Ich war ein schüchternes Kind und getraute mich manchmal nicht, den Finger aufzustrecken, obwohl ich die Antwort wusste. So ging Herr Müller dazu über, mich direkt zu fragen, ob ich die richtige Antwort wüsste. Einmal lud auch ich seinen Zorn auf mich. Wir hatten einen Scherenschnitt gemacht, der auf eine Zeichenmappe aufgeklebt werden sollte. Jeder Schüler musste nach vorne kommen und auf einem Tisch das Bild aufkleben. Als die Reihe an mir war, fand ich die Bleistift-Markierungen nicht mehr und klebte den Scherenschnitt auf die falsche Seite der Mappe. Als der Lehrer dies realisierte, kam er auf mich zu und schlug mit seinen Fingern auf meinen Schlüsselbein-Knochen, was recht wehtat!

Die Schulreisen schienen für Lehrer Müller ein Problem zu sein. Er hatte einmal gelesen, dass bei einer Bahnreise einem Kind der Kopf abgeschlagen wurde, als es sich zu weit hinauslehnte. So erhielten wir die Weisung, dass auf einem Teil der Bahnfahrt die Schüler auf der rechten Seite die Fenster etwas öffnen durften, während auf der linken diese geschlossen zu bleiben hatten. Erst wenn der Zug anhielt, durften wir aufstehen und zu den Fenstern hinauslehnen. Süssigkeiten am Kiosk zu kaufen, war untersagt. So mussten wir unser Taschengeld wieder heim tragen. Trotzdem genossen wir die Reisen und es ergaben sich immer wieder Momente für lustige Streiche.

Im Gesangsunterricht war Herr Wernli unser Lehrer. Wir nahmen dieses Fach nicht so ernst, besonders auch, weil wir die Gesangsstunden zusammen mit den Dritt-Seklern hatten. So kam es, dass ich einmal beim Hinsetzen wie eine Tarantel wieder aufschoss, sass ich doch direkt in einen Reissnagel. Die Burschen in der hinteren Reihe konnten sich kaum halten vor Lachen. Neben dem Liedersingen, lernten wir auch, Noten zu lesen. So mussten wir einmal je einzeln eine kleine Melodie nach Noten vorsingen. Ich kannte die Noten vom Blockflötenspielen her, konnte sie aber beim  Singen nicht umsetzen. Zum Glück hatte ich aber eine Kameradin, die mir die Melodie leise vorsang und so fiel der Test ganz gut aus.

Am Samstagmorgen las uns Lehrer Müller jeweils aus einem Buch vor. Es kam ab und zu vor, dass er sagte, es sei ihm nicht gut und wir könnten vorzeitig nach Hause gehen. Im Januar des letzten Schuljahres hiess es, Lehrer Müller sei schwer herzkrank und könne den Unterricht nicht weiterführen. Da so kurzfristig kein Ersatzlehrer gefunden werden konnte, kamen wir drei Monate früher aus der Schule...

Ein Beitrag im Projekt "Generationen schreiben"