Das späte Erkennen der Zeichen
In diesem Frühling erschien der letzte Gedichtband der grossen 88-jährigen Schweizer Lyrikerin Erika Burkart, fast gleichzeitig wurde die Nachricht von ihrem Tod nach langer Krankheit bekannt.
Dass sie wusste, wie nahe ihr Lebensende bevorstand, davon zeugt eine ganze Anzahl der Gedichte in diesem Bändchen. In keinem ihrer Bücher spüren wir die physische Gebrechlichkeit der Dichterin so deutlich; nicht selten spricht sie hier vom nahenden Tod und vom Abschiednehmen.
(aus "Mittwinter-Kind", p. 68)
Kalt ist der Schnee der Alten,
sie fühlen den Puls und falten
die knochigen Hände im Schoss.
Nichts blieb, wie es war,
das Grosse ward klein,
und grösser das Kleine,
funkenweises Erlöschen: ich weine,
wie fremd mein Lachen, du weinst.
Die Gedichte kreisen um die Themen, die Erika Burkarts Leben geprägt haben: die Natur, ihr Garten, ihr Haus, einige enge Freunde, ihr Ehemann Ernst Halter, ebenfalls Dichter und Schriftsteller. Wer gern mit offenen Sinnen durch Feld und Wald streift, dem erschliessen sich ihre Gedichte leicht. Von einfachen Dingen führt Erika Burkart die Lesenden in die Tiefe,ohne Pathos, scheinbar selbstverständlich, in knappster, aber klarer Sprache. Ihr Garten ist ihr "ein Ort, ein Revier, wohin die Seele gehen kann und sich angenommen fühlt." An einem solchen Ort kann sie "etwas niederlegen und erhält etwas zurück".
Sommersonnenwende
Am Fenster warten und ausschaun,
vereinen gestaffelte Berge
im Dunst sich zum Zwillingsvulkan.
Still steht die Sonne,
ehe sie sinkt.
Sehen, was einen nicht sieht.
Gestirne sind andrer Natur.
Augen-Blicke: menschliche Blicke.
Ihr Brennen durch Wasser,
bevor sie erlöschen. (p. 71)
Auf den Moränenhügelzügen oberhalb des Reusstals ist Erika Burkart aufgewachsen. Ihr Vater, der in seiner Jugend in Südamerika gereist war, hatte dort eine Gastwirtschaft übernommen, einen früheren Landsitz der Äbte des Klosters Muri, wo der Vater oft genug der einzige Gast blieb. Ihre Mutter hielt die Familie mit Unterrichtstätigkeit als Primarlehrerin über Wasser und kümmerte sich um den grossen Garten, in dem sie Gemüse und Früchte für die Familie zog.
Hier, im Haus Kapf, wuchs die Dichterin auf. Bis auf eine Periode, in der sie auf Reisen war, lebte sie zeit ihres Lebens in diesem Haus. Es ist ihre Heimat, die sie vermisste, sobald sie zu lange entfernt war. So erzählt sie, dass sie, als sie – selbst Lehrerin geworden – einen Grund erfinden musste für die Kündigung ihrer Stelle in Basel; denn den wahren Grund, dass sie sich nach den im Herbst aufsteigenden weissen, durchsichtigen Nebelschwaden über ihren Wiesen und Wäldern sehnte, konnte sie der Schulbehörde nicht nennen.
Nebelmeer, vom Lindenberg aus gesehen
Soweit der Blick reicht, ein Meer
in sich wogender Wolkenballen,
Fluten und Wallen landüber bergan,
klar steht der Fels, steht am Meer.
Dort unten schuften wir, schaben
in Küchen, Hallen, auf Feldern,
am Meeresgrund kreuzen wir Strassen,
haben Ziele, bauen Waben,
sind in Haft – und gehalten
von Aktivitäten -,
verfehlen Menschen, begegnen Tieren,
kehren heim unter Dächer,
essen, sind krank,
nahblind sehen wir fern,
fallen in Schlaf, schweben im Traum
geschlossener Füsse, gehen fremd
in Schattenschluchten und Paradiesen.
Vor mir den Fries
meerentstiegener Berge,
möchte ich über das Wasser gehen,
kämt Ihr, die ich liebte,
in meinem andern,
im Schweigen gesammelten Leben
mir entgegen von dort. (p.62)
Gerade in Basel hatte sie als junge Frau das erste Mal Anerkennung für ihre Gedichte erhalten. Max Rychner, damals Kulturredakteur der Tat, hatte sie ermutigt weiterzumachen, und in der NZZ war eines ihrer Gedichte abgedruckt worden. Ihren "Brotberuf" Lehrerin, wie sie sagte, gab sie – abgesehen von einer damaligen Krankheit - auf, um sich endlich mehr dem Schreiben widmen zu können. Kinder hatte sie immer gern um sich. In ihnen fand sie eine Begegnung auf der Ebene der Seele, wie sie sich entfaltet, wenn man für sie sorgt.
Lange Fusswanderungen durch "ihre" Landschaft gehörten früher zu ihrem Alltag, wenn immer möglich bewältigte sie den Weg zu den Schulen, in denen sie Vikariate übernommen hatte, zu Fuss oder mit dem Fahrrad.
Der Tod und die Frau(für Ernst)
Durch die Felder bin ich gestreift,
pflückte Blumen, sammelte Namen,
Winter gingen und Frühlinge kamen,
mit ihnen Gäste; ich mochte jene,
die Bücher lasen und Briefe schrieben,
ich liebe Menschen, die lieben.
Nichts ist geblieben.
Mein Glück ist heute eine schmerzfreie Stunde,
die Absenz der Runde
mienenlos finsterer Gesichter.
Meister!
Rühr mich nicht an,
noch erreicht mich das Licht,
noch kann ich klagen,
das Schweigen befragen,
verstehe, was mitklingt, erwache,
verschreckt, an verschollenen Orten -
noch darf ich worten
aus meinem verlorenen,
nackten Gesicht. (p. 86)
Wer dächte bei diesen Versen nicht an "Der Tod und das Mädchen" von Matthias Claudius, später vertont von Franz Schubert.
Erika Burkart gilt als die bedeutendste Dichterin der Schweiz, sie wurde 2005 als erster Autorin mit dem Grossen Schillerpreis, dem bedeutendsten Literaturpreis der Schweiz ausgezeichnet.
Neben vielen Gedichtbänden haben auch ihre Prosawerke Beachtung gefunden. "Die Vikarin" (2006 bei Ammann erschienen, vergriffen, aber in Bibliotheken auszuleihen) ist allen zu empfehlen, die sich mit der Persönlichkeit von Erika Burkart und ihren Wurzeln vertraut machen möchten. Dieses autobiographisch geprägte Buch - teils in der 1., teils in der 3. Person verfasst – berichtet nicht nur von der Jugend der Dichterin, bis sie ihre Tätigkeit als Lehrerin wegen einer Herzkrankheit aufgibt, sondern erzählt auch vom Leben in den 40er und 50er Jahren und von den Verhältnissen in den Volksschulen. Auch ihre Prosa zeichnet sich durch die geglückte Verbindung von Poesie und Klarheit aus.
Erika Burkart: Das späte Erkennen der Zeichen
Gedichte.
Weissbooks Verlag Frankfurt am Main 2010; 88 Seiten
ISBN 978-3-940888-56-3; CHF 29.90
(Die Seitenzahlen am Ende der zitierten Gedichte beziehen sich auf diese Ausgabe.)
Im Herbst 2010 finden an verschiedenen Orten Gedenkveranstaltungen für die Lyrikerin statt.
Informationen darüber hier.
Weiteres über Erika Burkart.
Videoaufzeichnung des Schweizer Fernsehens von 1983: Ein Besuch bei Erika Burkart.
Foto oben: Copyright Ammann Verlag / Ernst Halter