Kultur

Maler der Einsamkeit

Maler der Einsamkeit

Eine beeindruckende Retrospektive des Werks von Edward Hopper zeigt die  Fondation de l’Hermitage in Lausanne.   

 

 

Bild: Edward Hopper, Self-Portrait, 1925-30, New York © Whitney Museum of American Art

Wenn man etwas mit Worten ausdrücken könnte, gäbe es keinen Grund, es zu malen.“Er, der Künstler selbst, hat hier mit seinen eigenen Worten aber doch sehr gut ausgedrückt, was ihn umtrieb: Das Dazwischen. Das Unaussprechliche. Das nicht Greifbare. Und dies in durchaus figurativen Bildern. Abstraktion gibt es nur in der Licht- und Linienführung, ansonsten ist alles realistisch gemalt und von aktuellen Zeitströmungen nur am Rande beeinflusst. Ein amerikanischer Max Beckmann, könnte man sagen. Oder ein später Cézanne. Oder... Aber all das greift nicht ganz: Hopper hat in seinem Bildern das amerikanische Zeitgefühl erfasst und verewigt wie kein anderer Maler vor oder nach ihm. Konzentration auf das Wesentliche ist das substantielle Motiv aller seiner Bilder, seien dies Landschaften, Interieurs oder die Menschen darin. Und was ist für Edward Hopper das Wesentliche? Behausungen, Licht, der Mensch. Aber der Mensch bleibt vereinzelt, ist auf eine tatsächlich  unfassbare Weise unbehaust. In die Welt geworfen und fremd geblieben.

Heutiges Zeitgefühl

Dieses moderne, uns wohl allen geläufige Zeitgefühl entwickelte Edward Hopper schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geboren 1882 in Nyack im Staate New York, entwickelte er nach einem halbjährlichen Paris-Aufenthalt 1906 und seiner Rückkehr nach New York sehr bald eine unverwechselbare Bild- und Formensprache. Schon die frühen Bilder, in der Farbgebung noch stark unter dem Einfluss des französischen Impressionismus, zeigen eine geradezu eigensinnige Konzentration in der Sujetwahl, der Hopper immer treu bleiben sollte: Brücken und ihre Flüsse, Häuser und Leuchttürme, Menschen, Maschinen. Edward Hopper sollte Amerikas bedeutendster Maler des 20. Jahrhunderts werden.

Treue und Einsamkeit

Überhaupt fällt, vertieft man sich in Hoppers Biografie, seine Treue zu Menschen und Örtlichkeiten auf. So gab er zum Beispiel sein 1913 bezogenes New Yorker Atelier an der Washington Square North sein Leben lang nicht mehr auf, ganz zu schweigen von seiner 43jährigen Ehe mit seiner Muse und später  alleinigem Modell, der Künstlerin Jo (Josephine) Nivison. Da der Whitney Studio Club in New York, das spätere berühmte Whitney Museum, 1920 seine erste Einzelausstellung sowie 1950 und 1964 weitere Retrospektiven organisiert hatte, vermachte Jo Hopper vor ihrem Tode 1968 diesem Museum den gesamten Nachlass von sage und schreibe dreieinhalbtausend Werken. Das Paar verbrachte ab 1934 jeden Sommer im selbst erbauten Atelierhaus in Truro am Cap Cod in Massachusetts. Edward starb mit 80 Jahren 1967 in New York. Josephine folgte ihm nur ein Jahr später.

Trotz dieser innigen Seelenverwandtschaft mit seiner Frau blieb Hopper zeitlebens in seinem  melancholischen Lebensgefühl gefangen: Ein Mensch bleibt ein Mensch ganz für sich allein, auch wenn er in der Gruppe lebt. Am besten illustriert dies eines der Hauptbilder der Lausanner Ausstellung: Im grossen Bild “Soir bleu“ von 1914 verewigte Hopper aus der Erinnerung Figuren aus seiner Pariser Zeit, reihte sie geradezu aneinander, eine melancholische Szene aus einem Pariser Café. Hopper zog das Bild nach dessen erster New Yorker Präsentation und einer unerwartet schlechten Presse zurück und sollte es nie mehr wieder ausstellen. Welch ein Glück, dass wir es jetzt in Lausanne bewundern dürfen!

Erotik und Melancholie

Besonders gut in diesen heissen Sommer 2010 passen die hauptsächlich in den 20er und 30er Jahren entstandenen Zeichnungen, Radierungen und Aquarelle, ergänzt durch drei Ölgemälde, zum Thema Erotik in Hoppers Werk. Das wundervolle Aquarell „Reclining Nude“ ist Jo Hopper zugeeignet, deren schöner Körper in all diesen Akten erkennbar ist. Die meist einzeln dargestellten, ganz für sich allein sich räkelnden oder schlafenden nackten  Frauen haben die Kissen und Bettücher weggedrängt – es ist offenbar zu heiss gewesen. Man vermeint geradezu den Duft von schwüler Hitze zu riechen. Es gibt in der Kunstgeschichte natürlich jede Menge Vorbilder für solche Darstellungen, doch bei Hopper verkehrt sich die durchaus spürbare sinnliche Lust sehr rasch ins Gegenteil. „Excursion into Philosophie“ von 1959 (aus Privatbesitz und darf deshalb hier leider nicht abgebildet werden) zeigt einen introvertierten, völlig bekleideten und deprimiert wirkenden Mann, in offenbar postkoitaler Depression befangen, neben seiner schlafenden, halbnackten Partnerin, neben sich ein aufgeschlagenes Buch. Jo Hopper sagte später aus, dass es sich beim Buch um ein Werk Platons gehandelt hatte: Mann und Frau, sich nacheinander verzehrend, sich nie mehr findend, für immer getrennt. Das frühere weibliche Gegenstück-Bild "Summer in the City" von  1950 ist leider nicht in die Ausstellung integriert. 

Eingefrorene Erinnerungen

Was bleibt, ist die Einsamkeit eines frühen Morgens in einem Zimmer („Morning Sun“, 1952; „A Women in the Sun“, 1961), sind die eingefrorenen Momente der Erinnerung in Theatern, Kinosälen oder sogar auf der Sommerterrasse eines Landhauses („Second Story Sunlight“, 1960, Plakatmotiv) Ein kleines schwarzes Bild zeigt eine dunkle, nur ahnbare Frauensilhouette in einem Theatersaal, mit silbernem Licht auf Sesselrücken und Bühne – eine Momentaufnahme, unvergesslich und für mich eines der beeindruckendsten Bilder der ganzen Ausstellung. („Solitary Figure in a Theater“, 1902/19049). Nicht zuletzt haben sich viele grosse Filmer von der Hopper’schen Aesthetik inspirieren lassen (Wim Wenders, Michelangelo Antonioni, Billy Wilder, Jim Jarmusch) Das berühmte,  unheimliche graue Haus, in dem Alfred Hitchcocks „Psycho“ spielt, hat Hopper schon 1925 unter dem lapidaren Titel „House by the Railroad“ gemalt – in Lausanne ist es im Original zu bewundern!

An den Stil der italienischen Pittura metafisica erinnern in ihrem geheimnisvollen Seitenlicht manche menschenleere Szenerien wie „Dawn in Pennsylvania“ von 1962 oder schon in dem frühen Meisterwerk "Blackwells Island" von 1928. Und  dann immer wieder diese in die Landschaft geworfenen Häuser, geradezu abgehoben, eine Welt, ja, Wesen für sich. Und dieses Licht! Und diese Farben! Sie sehen schon – ich bin ein Hopper-Fan!

Einzige Schweizer Ausstellung

Die Ausstellung in der stilvollen Jahrhundertwende-Villa, oberhalb von Lausanne inmitten eines herrlichen Parks mit Blick auf den Lac Léman und die Dents du Midi gelegen, bietet einen durch private und öffentliche Leihgaben angereicherten und dadurch noch umfassenderen Ueberblick als die letzte Schweizer Hopper-Ausstellung. Diese fand 1992 im Musée Rath in Genf statt und war ausschliesslich Hoppers Werk im Whitney Museum New York gewidmet. Eine wunderbare Überraschung in der Lausanner Schau bilden die hohe Anzahl der Vorzeichnungen zu den Gemälden. Darin entpuppt sich Hopper nicht nur als brillanter Zeichner, sondern auch als unglaublich sorgfältig recherchierender Künstler von renaissancehaftem Zuschnitt. Neben hervorragenden Radierungen sind auch Proben seiner Illustrationen – für die ersten Jahre Hoppers Broterwerb – integriert.

Die – meist aus dem Whitney Museum stammende – 160 Werke umfassende Retrospektive erstreckt sich über 3 Stockwerke. Sie ist klug gehängt und nimmt trotzdem auf die doch recht  komplizierten räumlichen Gegebenheiten Rücksicht (Projektleitung: Juliane Cosandier und Iole Siena). Im obersten Geschoss wird ein Dokumentarfilm von Caroll Moore mit vielen Originalsequenzen aus dem Leben des Malers vorgeführt. Die Ausstellung bietet verschiedenste Spezialführungen und Events an. Der (gewichtige) umfassende Katalog, auch  mit vielen farbigen Vergleichsbildern ausgestattet, herausgegeben vom Gesamtprojektleiter Carter E. Foster, ist im Skira-Verlag erschienen (Ausgaben nur Englisch oder Französisch). Ein international bestückter Filmzyklus in der Cinémathèque Suisse in Lausanne ergänzt die Ausstellung auf kluge und spannende Weise.

Die Zusammenarbeit mit dem  Whitney Museum of American Art in New York und der Arthemisia Group hat das ehrgeizige Projekt überhaupt erst ermöglicht. Im Ausland wurde die Ausstellung bisher im Palazzo Reale in Mailand und der Fondazione Roma Museo in Rom gezeigt. In der Schweiz ist die Schau nur in Lausanne und noch bis zum 17. Oktober zu sehen.

Geöffnet Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr.

Eintritt: sfr. 18.-, AHV 15.-. Katalog, 278 Seiten, f oder e: sfr. 59.-

Filmzyklus in der Cinémathèque Suisse, Lausanne, noch bis 30. August.

www.fondation-hermitage.ch

info@fondation-hermitage.ch

 

Bilder in der Bildergalerie unten:

"Soir bleu"1914. Öl auf Leinwand. New York © Whitney Museum of American Art

"Blackwells Island", 1928, Öl auf Leinwand, © Collection Mr. and Mrs. Robert J. Hurst

"Morning Sun",  1952, Öl auf Leinwand, Columbus, Ohio © Columbus Museum of Art

"Study for Morning Sun",   Bleistift auf Papier, New York © Whitney Museum of American Art

"Cape Code Sunset"  1934, Öl auf Leinwand, New York © Whitney Museum of American Art