Roman aus Ägypten von Muhammad al-Bissati
Jeder von uns kennt Hunger, und doch ist es etwas völlig anderes, wenn Hunger zum Alltag gehört. Je länger der Magen leer bleibt, desto lähmender wirkt sich diese Leere im ganzen Menschen aus. Sie betäubt schließlich auch Gehirn und Gefühle. Muhammad al-Bissati beschreibt in schlichter, schnörkelloser Sprache das Leben einer vierköpfigen Familie, Vater, Mutter und zwei halbwüchsige Söhne.
Nach einem kurzen Anfangskapitel beginnt der Roman folgendermaßen:
"Wie üblich, wenn das Brot im Hause aufgebraucht ist, erwacht Sakîna früh und setzt sich auf die Bank, das Kopftuch zusammengeknüllt auf dem Schoß. Sie hat sich das Gesicht gewaschen und die einzige Gallabija angezogen, die sie besitzt und die sie schon lange Jahre begleitet. An vielen Stellen ist sie dünn geworden, und die Farbe der Rosen ist verblichen. Sakîna schläft nicht darin. Zum Schlafen genügt ihr der schon mehrfach geflickte Unterrock."
Vor allem für die Mutter wird die Suche nach Nahrung zum Lebensinhalt, der erste und der letzte Gedanke ihrer Tage kreist um die Frage: "Wo finde ich etwas zu essen für meine Familie?". Während sich die Frau für die Familie aufreibt und nie eine dauerhafte Verbesserung erreichen kann, wird der Vater als dickköpfiger, auch jähzorniger Eigenbrötler gezeichnet, der aufgrund seines ungehobelten Charakters schnell einmal seine unsichere Hilfsarbeit verliert, der aber trotz aller Unbill leidenschaftlich Antworten auf existentielle und religiöse Fragen sucht. – Aber auch dabei eckt er an.
Jede der vier Personen findet einmal oder mehrmals eine Gelegenheit, etwas Geld für ein wenig Essen zu verdienen oder Brot heim nehmen zu dürfen. Und immer werden die daraus keimenden Hoffnungen zerstört. Alle Versuche, auch nur ein Minimum an Einkommen für die Familie zu erwerben, scheitern früher oder später. In ihrer Armut vereinsamen die Mitglieder dieser Familie, jeder auf seine Weise. Darin liegt etwas Zermürbendes.
Eindringlich, aber unspektakulär führt uns der Autor die Gesellschaft in einer ägyptischen Kleinstadt vor Augen, die in der Literatur dieses Kulturraums nicht oft thematisiert wird. Er beschönigt nicht und versucht nicht, durch stilistische Mittel oder ausgeschmückte Szenen Mitleid zu erwecken. Gerade diese scheinbar kalte Art der Darstellung berührt die Lesenden umso mehr. – Das Buch ist keine leichte Sommerlektüre, es macht betroffen und rüttelt auf!
Dem Autor gelingt es, ohne ein einziges Wort über Gesellschaft oder Politik zu verlieren, die schreiende Ungerechtigkeit der Armut – auf der Liste der ungelösten Probleme dieser Welt immer noch ganz oben verzeichnet –, die Bedürftigkeit von Menschen in solchen Verhältnissen zu schildern.
Muhammad al-Bissati wurde 1937 in Gamalija bei Port Said (Ägypten) geboren. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften war er viele Jahre als staatlicher Rechnungsprüfer tätig. Er lebt heute als Schriftsteller in Kairo. Sein literarisches Werk umfasst elf Romane und acht Erzählsammlungen. In unseren Breiten ist er neben dem Nobelpreisträger Nagib Machfus aus Kairo viel zu wenig bekannt und geachtet.In den arabischen Ländern wird sein Werk sehr geschätzt: Für sein gesamtes erzählerisches Werk wurde Muhammad al-Bissati im Jahr 2000 mit dem in Dubai verliehenen Sultan-Uwaiss-Preis, dem "arabischen Nobelpreis", ausgezeichnet.
Mit "Hunger" hat Muhammad al-Bissati ein kleines literarisches Meisterwerk geschaffen. Hartmut Fähndrich, renommierter Kenner der arabischen Literatur und Übersetzer vieler Werke aus dem arabischen Raum, wird dem Roman als Übersetzer vollauf gerecht. Er schreibt knappe Sätze, benutzt eine karge, nüchterne Sprache, die dem Gefühl des Hungers, der Reduktion auf die Suche nach den überlebensnotwendigen Mahlzeiten aufs beste entspricht.
Hunger
Lenos Verlag, Basel
140 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag
ISBN 978 3 85787 406 2
Der Andere Literaturclub
Hervorgegangen aus einer Initiative der Erklärung von Bern (EvB), fördert dieser alternative Buchclub Literatur von Autorinnen und Autoren, die ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen kulturellen Sprachen und Welten in ihrem Werk umsetzen, und setzt sich für ihre Verbreitung in der Schweiz ein.
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Der Andere Literaturclub gibt jedes Jahr vier ausgewählte literarische Werke heraus, das erste Buch des Jahres 2010, "Jive Talker" von Samson Kambalu wurde hier am 9. Mai besprochen.
Foto von Muhammad al-Bissati: Lenos Verlag
der andere literaturclub
und seine empfehlungen habe ich über jahre hinweg mit sehr viel gewinn gelesen, selten den zugang zu einzelnen nicht gefunden. sie kommen mir gelegentlich wieder in der erinnerung hoch.
ein ganz anderes buch über HUNGER beschreibt amélie nothomb in ihrer einzigen biographie, die ich hinreissend geschrieben fand.