Er lernte die persische Gartenkunst. Er liess in Neapel und Rom weite Gärten und Villen mit grossartigen Skulpturen anlegen. Er importierte die ersten Kirschen aus Giresun. Er war ein römischer Senator und Feldherr. Er war bekannt für seine opulenten Gelage. Er starb im Jahre 56 vor Christus und hiess Lucius Licinius Lucullus.
Noch heute spricht man von „lukullischen Genüssen“, wenn man sich an einer reich gedeckten Tafel mit auserlesenen Köstlichkeiten bedienen darf. Es wäre allerdings falsch, den Lucius Licinius als Prasser zu bezeichnen. Er liebte es ganz einfach, genau wie ich, seine Freunde zu bewirten. Wobei meine Gelage lediglich Gelägelchen sind, schliesslich habe ich auch nicht das Einkommen eines Feldherrn, höchstens das eines Legionärs in Ausbildung.
Auch meine Perle kennt Lukullus, allerdings nicht den römischen Kirschenimporteur, bei ihr schmückt sich ein herrlicher, süsser Nachtisch mit diesem Namen. Beschränken sich Georgettes Kochkünste normalerweise ausschliesslich auf Spaghetti, beim Backen zeigt sie ihr wahres Können, backen kann sie nämlich. Allerdings nur kalt. Und auch nur diese eine Süssspeise, eben den Lukullus. Eine Köstlichkeit mit Butterkeksen.
Grossherzig, wie meine Georgette nun einmal ist, durfte ich ihr neulich bei der Zubereitung über die linke Schulter schauen. Natürlich musste ich ihr absolutes Stillschweigen geloben, es handelte sich schliesslich um ein Geheimrezept. Sie hatte es vor Jahren aus einer Zeitschrift abgeschrieben.
Als erstes liess sie Kokosfett bei ganz kleiner Hitze schmelzen. Sie vermengte Eier, Puderzucker und Kakao in einer Schüssel und fügte dann ganz langsam, man kann schon sagen tröpfchenweise, das abgekühlte Kokosfett dazu. Die Eier durften ja nicht gerinnen. Dann wurde die ganze Chose, mit einem guten Schuss Rum verfeinert, zu einer geschmeidigen Masse verarbeitet, natürlich mit dem elektrischen Handrührgerät.
Dieses altersschwache Unikum erstand ich vor Jahren auf einem Basar der Dame Wilt. Bekanntlich führt Madame alljährlich so eine Veranstaltung durch. Den Erlös verteilt die Sackkleidträgerin dann gerecht unter sich und den armen und weniger armen Mitbewohnern unserer Stadt.
Das Gerät für rührselige Kakaomassezubereitung funktioniert trotz seiner zweifelhaften Herkunft noch immer einwandfrei. Sehr zum Leidwesen meiner Perle, die schon lange eine richtige Küchenmaschine auf ihren ellenlangen WirbrauchenundedingtnochfürdieKüche-Wunsch- oder besser gesagt Befehlszettel gesetzt hatte.
Doch weiter zur Lukullus-Herstellung. Eine Keksform wurde leicht eingeölt und dann mit Klarsichtfolie ausgelegt. Und jetzt kamen die Butterkekse ins Spiel. Diese rechteckigen, dünnen, gezackten Biskuits. Ich musste meiner Perle immer mehrere Packungen dieser Véritable Petit Beurreaus der Schweiz mitbringen.
In die Form wurde nun eine Schicht „Lukullusmasse“ verteilt, diese bedeckte sie mit Keksen. Dann wieder Masse, Kekse, Masse, Kekse, solange, bis alle Masse aufgebraucht war. Den Abschluss bildeten Kekse. Anschliessend marschierte das Ganze für gut drei Stunden in den Kühlschrank, bevor sie es danach auf eine längliche Kuchenplatte stürzen konnte.
Als mir meine Perle das erste Mal diese Köstlichkeit servierte, erinnerte sich der Speicher in meiner Gehirnfestplatte plötzlich daran, dass auch meine Mutter diesen Kekskuchen ab und zu, bei besonderen Gelegenheiten, auftischte. Da sie Lukullus nicht persönlich kannte, hiess er bei ihr, als waschechte Schweizerin, Schiiterbiigi.
Vor zwei Tagen kamen wir wieder einmal ganz unerwartet in den Genuss dieses einmaligen Perlenkeks. Wir, das waren Jean, der Rechtsverdreher, Philippe, der Hotelier im Ruhestand, Lionel, der Contrex-Trinker und meine Wenigkeit. Ich hatte meine Freunde zu einem längst überfälligen Diner eingeladen.
Nach Amuse-Gueule und Vorspeise servierte ich meinen Gästen ein Boeuf Stroganoff. Meine Tante Olga, die viele Jahre in Russland lebte, verriet mir vor langer Zeit, dass ihr ein Spitzenkoch in Sankt Petersburg einst den Tipp gab, das Stroganoff mit scharfem Senf abzuschmecken, um ihm eine rassige Würze zu verleihen. Ich habe das natürlich sofort ausprobiert, beibehalten und ernte seitdem mit meinem russischen Filetstreifengericht nur noch eitel Lob.
Zum Dessert brachte meine Perle dann den Lukullus auf den Tisch. In meinem Séjour machte sich langsam ein herrlicher Duft von Rum breit. Allerdings kam das nicht daher, dass Georgette etwas zu grosszügig mit der Spirituosenbeigabe war, Jean hatte klammheimlich auf der Anrichte fünf Gläser mit einer goldbraunen Flüssigkeit gefüllt, notabene aus einer Flasche, die er genau so klammheimlich mitgebracht hatte.
Der emeritierte Advokat klärte uns, langatmig wie immer, über sein Mitbringsel auf: „Wie ihr wisst, habe ich einen guten Bekannten bei Pernod-Ricard in Paris, der schickte mir neulich zwei Flaschen dieses göttlichen Gebräus. Havana-Club gehört ja jetzt auch zu PR und darum komme ich ab und zu in den Genuss von Rum. Dieses hier ist ein Máximo Extra Añejo, eine Spitzenkreation des Chef-Blenders Don José Navarro. Man könnte den Geruch des Máximo mit reichen Aromen von Eiche und Rauch sowie frischer Birne, Kokosnuss und getrockneten Früchten beschreiben, während der Geschmack Akzente von Vanille, Schokolade und getrockneten Früchten hat. Und der Abgang, meine Freunde, der lange Abgang auf der Zunge, genau wie bei einem sehr guten Rotwein“.
Er hatte Recht, dieser Rum übertraf alles, was ich bisher von diesem kubanischen Nationalgetränk kannte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass beim Abschied meiner Gäste nur noch eine leere Flasche auf meinem Tisch zurückblieb, dafür hatten vier volle Freunde und eine naturblonde Halbgrazie ganz schön rote Backen bekommen.
Bevor wir auseinander gingen, hatte Philippe noch eine Überraschung für uns: „Ich lade Euch alle morgen in ein Superrestaurant ein. Ich kenne in der Nähe von Grasse ein Kleinod, mitten in den Lavendelfeldern. Lionel wird uns chauffieren, sein Auto ist gross genug für fünf Personen, also wird uns auch Georgette begleiten. Nach diesem Ausflug werdet ihr endlich wissen, wo Lukullus wirklich wohnt“.
Die Idee mit dem Ausflug fand ich ausgezeichnet, dass meine Perle auch eingeladen war, eher blöd. Nichts gegen die Fabrikantin höchst deliziöser Spaghetti-Gerichte, aber bei Ausflügen muss sie im Auto immer vorne sitzen, es könnte ihr im Fond schlecht werden. Und drei alte Knaben durften sich mit ihren kleinen, wirklich nur kleinen, Wohlstandsattributen auf der Rückbank breit, respektive schmal machen. Dazu kam, dass sie dauernd Navigationsgerät spielen musste, allerdings hatte dieses Gerät einen etwas verwirrten Orientierungssinn.
Der nächste Morgen begrüsste uns mit eitel Sonnenschein und, dem Frühherbst angepasst, angenehmen Temperaturen. Um zehn Uhr begrüssten wir Vier meine frühherbstliche Perle. Frisch onduliert, sie war bestimmt schon um halb acht bei ihrem Friseur gewesen, buntes, etwas zu kurz geratenes Blumenmusterkleid, Handtasche aus der Zeit vor Ivan dem Schrecklichen, dazu eine kleine Überdosis an Maiglöckchenparfum. Es war nicht gerade ein Bild für Götter, aber ein paar verspätete Sommervögel wird sie damit bestimmt erfreuen.
Wir fuhren also gemütlich und ruhig Richtung Grasse, denn das sprechende Navigationsgerät G1 wurde von Lionel schon kurz nach dem Start freundlich, aber bestimmt ausgeschaltet. Dafür durften wir jetzt bei jeder Abzweigung, bei jeder Kreuzung ein zischendes Tz tz tz, begleitet von einem energischen Kopfschütteln, geniessen
Das von Philippe avisierte Kleinod war ein hübsches, terracottafarbiges Haus im provenzalischen Stil, mit einer schönen, schattigen Pergola. Über dem Eingang stand in gusseisernen Lettern „Auberge de …..“. Aus formaljuristischen Gründen muss ich den ganzen Namen leider unterschlagen. Er hatte aber irgendetwas mit Lavendel oder Mimosen zu tun.
Auf der schattigen Terrasse waren nur zwei Tische besetzt. Die restlichen fünf zierten noch halbvolle Weingläser, Besteck, volle Aschenbecher und schmutzige Servietten. Ein schon etwas älterer Jüngling schlurfte zielstrebig auf uns zu, fragte, ob wir essen möchten und begab sich nach unserer Bejahung umgehend und ohne Umwege zu einem grossen, runden Tisch.
Der dezent nach Schweiss riechende Kellner räumte etwas gelangweilt die Überbleibsel der letzten Gäste ab, wischte kurz mit einem schmuddeligen Lappen über die genauso schmuddelige Oberfläche, et voilà, wir durften uns setzen.
„Jetzt brauche ich zuerst einmal ein Contrex“, sagte Lionel zu dem späten Knaben, musste aber zu seinem Entsetzen hören, dass Vittel das einzige Kohlensäurefreie Mineralwasser im Angebot war. Der durstige Chauffeur gab sich wohl oder übel damit zufrieden.
Wobei ich überzeugt bin, dass er den Unterschied gar nicht merkt. Ich habe zuhause immer ein paar leere Contrex-Flaschen. Die fülle ich bei einem allfälligen Lionelbesuch mit Chateau Robinet, also mit Hahnenburger, stelle sie in den Kühlschrank und serviere sie dem Abstinenzler ungeniert als hochwertiges Eau Minerale. Bis dato habe ich noch nie Klagen bekommen.
Die Carte des mets hätte in jedes Fast Food-Restaurant gepasst, hier wirkte sie etwas befremdlich. Hamburger, Chicken-Nuggets, diese köstlichen Hähnchenklumpen, Salade de museau, also Ochsenmaulsalat, einige Nudelgerichte, darunter auch Spaghetti Sauce tomate, eine Daube und Steak au poivre vert.
Philippe war entsetzt, bestürzt, frustriert, Es war im sichtlich peinlich. „Vor zwei Jahren, ich schwöre es Euch, war das ein Geheimtipp, eine Auberge für Kenner, mit ausgesuchten Spezialitäten, freundlicher Service, und heute, mir fehlen die Worte“.
Wir bestellten das Pfeffersteak und hofften, dass das Rind nicht an Altersschwäche gestorben war. Das Paar am Nebentisch genoss sichtlich seine Tomatenspaghetti. Monsieur hatte sich seine Serviette um den Hals gebunden, Madame platzierte die ihre malerisch auf ihrem strammen, linken Oberschenkel. Der Herr, beide Ellenbogen auf dem Tisch aufgestützt, führte seinen Mund möglichst nahe zum Teller, der kurze Weg gab den Rundnudeln keine Chance, ihre Sauce zu verspritzen. Seine Gattin war weniger clever, sie zielte mit den Spaghetti von hoch oben in ihre etwas zu grell geschminkte Essensaufnahmeöffnung. Das Kinn der vollbusigen Dame zierte dementsprechend nicht nur ein Damenbart, auch die Spaghetti-Sauce durfte es sich dort gemütlich machen. Einige Spritzer fanden sogar Zuflucht auf ihrer Bluse.
Wir mussten nicht lange auf unser Essen warten, trotzdem war das Steak nur lauwarm. Ein kleiner Klecks gräulicher Sauce mit ein paar angebrannten Pfefferkörnern, Pommes frites, die man mit Zucker auch als Marshmallows hätte verkaufen können, einige schon leicht angetrocknete Erbsen und ein welkes Salatblatt leisteten dem trockenen Stück vom Rind Gesellschaft.
Eines war klar, Lukullus wohnte nicht mehr hier.
Später erfuhr Philippe, dass der Patron der Auberge vor anderthalb Jahren an einem Herzinfarkt starb. Seine Frau zog sich aus dem Berufsleben zurück und verkaufte das Anwesen. Der neue Besitzer schaffte es in kurzer Zeit, das einst florierende Geschäft in ein Beispiel für schlechte Gastronomie zu verwandeln.
Etwas Gutes hatte diese negative Erfahrung für uns fünf Ausflügler. Am Abend sassen wir alle im Le Sirocco und genossen Fisch vom Feinsten. Jean und Philippe entschieden sich für Loup grillé au fenouil et flambé à l’aneth, Georgette und Lionel für Daurade à la Raphaëlle und ich erfreute mich an Sole dorée meunière et son beurre citronné. Himmlisch, und das in unserer Stadt. Direkt am alten Hafen. Wir können zu Fuss hingehen. Lionel bekommt sogar sein Contrex. Hier stimmt einfach alles, Preis, Leistung und äusserst kompetenter, freundlicher Service. Wozu auch in die Ferne …..
Lukullus wohnt zwar nicht hier, aber er macht ab und zu Urlaub in Saint Raphael.
Es ist, wie wenn ich dabeigewesen wäre.
Auch ich kenne Restaurants, die von heute auf morgen um Welten schlechter wurden. Neuer Küchenchef, neuer Wirt, da kann sich vieles verändern.
Deine Geschichte war wieder einmal ein echter Aufsteller. Nur schade, dass sie immer noch nicht in diesem Schaukasten erscheinen. Andere Blog-Beiträge werden doch auch dort angezeigt.
Martin H. Bader
dass Lukullus so herunterkommen musste! Die Umgebung wäre sicher sehr wohl geeignet, mit allen Sinnen zu genießen. Übrigens- dieses lukullische Dessert kenne ich aus meinen Kindertagen auch. Es nannte sich "Kalter Hund". Schrecklicher Name, aber wir liebten es. Besonders mein Bruder, der allem schokoladigen sehr zugetan war. Heute ist es zu üppig für die seniorengerechte Ernährung. Aber ein klitzekleines Stück würde ich schon naschen!
Danke für die köstliche Geschichte!
immerguen
http://www.mönchsklause.de
Aus formaljuristischen Gründen ...
... muss ich den ganzen Namen leider unterschlagen. Er hatte aber irgendetwas mit Lavendel oder Mimosen zu tun.
"sacré égoïste !" dachte ich mir, als ich dies las - der will sich sein Privatgeheimnis bewahren und nicht mit uns teilen !
Ich freue mich über jede Deiner Geschichten, Kurt - merci !