Afghanistan und seine strategische Lage ist nach der Afghanistan-Konferenz so aktuell wie je. Welches sind die humanistischen, kulturellen und strategischen Hintergründe? Was geschah bis jetzt? Die von Claudine Nick-Miller für Prof. Albert A. Stahel herausgegebene Publikation ermöglicht vertiefte Einblicke.
Der Titel des Buchs entspricht dem Titel, unter welchem Prof. Albert A. Stahel 2008 seine Vorlesungen über Afghanistan an der Universität Zürich beendete. Der Strategische Überfall Afghanistans durch die Sowjetischen Streitkräfte erfolgte 1979. Das Ereignis weckte Albert A. Stahels Interesse für Afghanistan, packte ihn, lässt ihn nicht mehr los und wird ihn auch in Zukunft weiter beschäftigen. Zahlreiche Reisen vermitteln Kontakte mit Persönlichkeiten des Landes aus politischen wie humanistisch-kulturellen Kreisen. Das führt zu intensiver wissenschaftlicher Verarbeitung des Beobachteten und Vernommenen. Damit wird der an sich vielseitige Strategie-Experte und Militärwissenschaftler Stahel zu einem der hervorragendsten Afghanistan-Spezialisten. Dass damit immer auch persönlicher menschlicher und humanitärer Einsatz verknüpft ist, belegen die persönlichen Dankesbriefe in diesem Buch.
Über Albert A. Stahels Tätigkeit als Experte, Forscher und Lehrer informiert seine Webseite http://www.strategische-studien.com/.
Beim Lesen der Beiträge namhafter Autoren spürt man diesen persönlichen Einsatz, spürt man, dass der Geehrte mit dem Land und seinen Bewohnern nicht nur über akademische Gelehrsamkeit verbunden ist. Im Buch ist nicht der geringste Beitrag von Albert A. Stahel selber enthalten. Beim ersten Hinsehen hat mich das ganz leise gestört; ich hätte gern gelesen, was mein gelehrter Freund mit eigenen Worten schildert. Beim weiteren Studium der Texte verflog die Irritation und wandelte sich in bewundernden Respekt für die Herausgeberin des Bands. Claudine Nick-Miller, der freien Mitarbeiterin von Prof. Stahel an seinem Institut für Strategische Studien, gelingt es, Autorinnen und Autoren und deren Texte zu einem überraschend vielseitigen Dokument zusammen zu führen. Strategische Lage, Kultur, Gesellschaftsstruktur Afghanistans, aber auch Wirken und Einfluss der Strategischen Weltmächte wie deren „Stellvertreter“, die Nachbarstaaten, eröffnen sich nachhaltig in wohl allen denkbaren Facetten. Auch wer keine „Kriegsgurgel“ sein möchte und mit Militärwissenschaft und Kriegsgeschichte nicht viel anfangen kann, wird die Schilderungen der Operationen der Sowjets, der Amerikaner und der NATO unter Führung der US-Streitkräfte (ISAF, aus dem engl. International Security Assistance Force) trotzdem mit Spannung verfolgen. Gerade diese Beiträge helfen mit, besser zu verstehen, worüber die Politiker an der jüngst abgeschlossenen Afghanistan-Konferenz debattierten.
Ich denke, wer ausser an gründlich recherchierten und dargestellten Fakten auch an Geschichte, Kultur und Menschen interessiert ist, wird gerade das ansehnliche Angebot an Hintergrundinformationen in diesem Buch zu schätzen wissen.
Auf die zahlreichen Autoren und deren Beiträge einzeln einzugehen, würde den Umfang dieses Beitrags sprengen und Lesende vermutlich ermüden. Herausragend finde ich vor allem zwei Beiträge.
Autor der ausführlichen Dokumentation über die Kulturgeschichte ist Habibo Brechna (geb. 1926, Kindheit in Deutschland, Jugendzeit bis zur Matur 1948 in seiner Heimat Afghanistan, emeritierter Professor ETHZ).
Über die Flüchtlingssituation vor allem der afghanischen Frauen im Iran und in Pakistan schreibt Judith Huber (geb. 1969, heute Redaktorin beim Echo der Zeit, Schweizer Radio DRS) und öffnet damit Fakten, die man selten vernimmt.
Interessant ist allerdings auch die Sicht von Matin Baraki auf die Rolle der USA gegenüber Afghanistan. Der Autor ist 1947 im Land geboren und war dort Lehrer. Seit 1995 wirkt er in Marburg als Mitglied des Zentrums für Konfliktforschung, des Instituts für Politikwissenschaft und des Zentrums für Nah- und Mittelost-Studien. So kommt mit seiner dezidierten Kritik (unter dem Titel „Afghanistan: Kolonie der USA“) die Stimme des europäisch geschulten Afghanen zum Wort. Es lohnt sich, auch diese Blickrichtung zu überdenken – auch wenn man nicht jede Kritik an den USA zwangsläufig „interessant“ finden will.
Eine grosse Zahl aussagekräftiger und auch stimmungsvoller Fotografien bereichert diese lebendige, farb- und konturreiche Studie über einen Konflikt, der einmal mehr viel Kulturgut, vor allem ideelles, unwiederbringlich zerstört.
Dieses Wort aus Strindbergs „Ein Traumspiel“ steigt beim Lesen auf, wandelt sich zu „Es ist schade um dieses Land“, verändert sich in meinen Gedanken ein weiteres Mal: „Es ist schade um dieses Land, seine Kultur, seine Menschen.“ Auch Albert A. Stahel muss das gespürt haben und immer noch spüren. Die Autoren des seinem Wirken für Afghanistan gewidmeten Buchs, aber auch Albert A. Stahel in seinen Vorlesungen, Publikationen und Seminaren selbst, zeigen auf, dass es Auswege aus der verfahrenen, schmerzvollen Lage gäbe. Es gäbe solche Auswege ja auch im Nahen Osten, in Afrika. So banal wie abgedroschen ist das Wort Erich Kästners, aber zutreffend: „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.“ Warum tun es dann nur Wenige, Einzelorganisationen mit geringer Wirkung? Weil, wie fast überall auf der Welt, die Interessengegensätze und der Egoismus der Gross- (und auch Klein-) Mächte sich gegenseitig neutralisieren.

Claudine Nick-Miller (Hrsg.)
Strategisches versus humanitäres Denken:
das Beispiel Afghanistan
Publikation der Reihe
Strategie und Konfliktforschung
der ETH Zürich
Verlag vdf ETH Zürich 2009
Das Bild des Covers zeigt Albert A. Stahel mit einem Begleiter in Afghanistan
Link zum Inhaltsverzeichnis: http://www.vdf.ethz.ch/vdf.asp?page=inhalt/3230.in.html
Albert A. Stahel, Strategische Studien: http://www.strategische-studien.com/