Der Schweizer Theatersommer bringt für alle etwas. Und nur Gutes!
Wer jemals bei schönem Wetter in irgend einer Form von Open Air-Aufführung gesessen oder gestanden hat, kennt diese unvergleichliche Stimmung: Im letzten Abendschein sitzt das Publikum draussen bei Essen und Trinken, Lachen und angeregten Gesprächen beisammen, schlendert dann in den Ort des Geschehens hinein und sieht zu, wie das Licht langsam abnimmt, wie der erste Abendwind in den Bäumen zittert , und wie in die langsam entstehende Stille hinein die Scheinwerfer aufstrahlen. Untrennbar verbunden ist auch immer die leicht bohrende Sorge ums Wetterglück – wird das Wetter halten und die Aufführung ohne Regen zu Ende gehen?
Nun, bei der Carmen-Premiere in der spektakulären, nachgebildeten Stierkampf-Arena von Sevilla, der wie eine Art Meteor mitten in das kleine Schinznach-Dorf eingeschlagen hat, hielt das Wetter bis zum vierten Akt durch. Aber auch da fielen nur einige Tropfen – die zuckenden Blitze wanderten gegen das Reusstal hin ab: Bizets Carmen triumphierte respektive starb äusserst effektvoll und trockenen Fusses. Die Aufführung selbst hält sich auf erstaunlich hohem Niveau, sowohl musikalisch als auch inszenatorisch eine Ohren- und Augenweide! Neben den durchwegs erstklassigen singenden und spielenden internationalen Solistinnen und Solisten liess vor allem die hohe Qualität des jungen Operaartists Orchestra unter der temperamentvollen Leitung des renommierten amerikanischen Dirigenten Marc Tardue aufhorchen. Eine Herausforderung ganz besonderer Art, nämlich Chor und Statisterie im Arena-Rund sehr natürlich und nie langweilig agieren zu lassen, meisterte die deutsche Regisseurin Anette Leistenschneider auf bewundernswerte und sogar manchmal witzige Art. Die Arena und mit ihr das Opernpublikum selbst, ins Bühnenbild von Karel Spanhak mit einbezogen, sind allein schon eine Attraktion besonderer Art. Der ausgiebige Premierenapplaus der rund 1'500 Besucher dankte dem riesigen Ensemble und galt wohl auch der glänzend gemeisterten Infrastruktur des gesamten anspruchsvollen Unternehmens wie Organisation, Technik und Gastronomie.
Aufführungen noch bis 22. August, jeweils 20 Uhr. Es gibt Ausweichdaten infolge schlechten Wetters. Infos: www.operschenkenberg.ch
Es ist geplant, die Oper Schenkenberg im Dreijahresrhythmus als festen Bestandteil des Schweizer Theatersommers zu bespielen. Dass dies klappen möge, ist für uns Opernliebhaber wohl „ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen“.
Weniger vom Wetterglück begünstigt war die diesjährige Juli-Premiere von des engagierten, sich der Problematik der schweizerischen Verdingkinder annehmenden Musicals „Die schwarzen Brüder“ am Walensee. Die Vorstellung musste wegen starken Regens mittten drin abgebrochen werden. Aber in der Zwischenzeit gab es ja zum Glück inzwischen genügend schöne Abende, um diese vor bezaubernder Kulisse stattfindende Produktion unter der inszenatorischen Leitung von Holger Hauer und des jungen Luzerner Dirigenten Andreas Felber zum verdienten Erfolg zu führen. Diese letzte Spielsaison des Musicals wurde bis 22. August, verlängert. Spielzeit täglich 19.45 Uhr. www.dieschwarzenbrueder.ch/
„Thun ist einmal mehr die Musical-Hauptstadt der Schweiz“ behaupten ein wenig kühn die Verantwortlichen des erfolgreichen „Dällebach Kari – das Musical“ am Thunersee. Diese bereits achte Produktion der thunerSeespiele AG ist nach eigenen Angaben auf dem Weg, „alle bisherigen Zuschauerzahlen zu schlagen – sofern der Wettergott mitspielt.“ Schon vor der ersten Vorstellung der berührenden, wahren Geschichte um den hasenschartigen Coiffeur Kari Dällebach, einem Berner Original, waren mehr als 65'000 Tickets verkauft. Die Produktion der Autorin Katja Früh und dem Komponisten Moritz Schneider läuft noch bis zum 28. August.
Wer nicht nach Thun kann, dem sei der wundervolle Kurt Früh-Film von 1970 über den Dällebach-Kari, mit Walo Lüond in der Hauptrolle, empfohlen, auch als DVD erhältlich.
Vorstellungen noch bis 28. August. www.thunerseespiele.ch
Mitten in den letzten Vorbereitungsarbeiten hingegen stecken die Leute vom Theater Basel im (diesmal echten) römischen Amphitheater von Kaiseraugst/AG, sprich Augusta Raurica. Dort wird am 20. August die Premiere von „Alexanderfest oder Die Macht der Musik“, einer Ode von Georg Friedrich Händel nach einem Text von John Dryden , über die fast zweitausendjährige steinerne Bühne gehen. Solisten und Chor (Ludus vocalis und Basler Madrigalisten) agieren in der Regie des Basler Theaterdirektors Georges Delnon selbst. Die basel sinfonietta steht unter der Stabführung von Giuliano Betta. Die Produktion dieses aussergewöhnlichen Werkes, das weder Oratorium noch Oper ist, sondern Elemente beider Gattungen vereinigt, hat den Vorteil, dass man für jede ins Wasser gefallene Vorstellung eine Schlechtwettervariante im Foyer des Grossen Hauses in Basel - dort allerdings als lediglich konzertante Vorstellung - anbieten kann. Aber Händels grossartige Musik, derart hochprofessionell dargeboten, wird in jedem Falle triumphieren.
Vorstellungen nur bis 25. August, täglich 21 Uhr.
www.theater-basel.ch/spielplan/stueck.cfm?s_nr=4212
Aber auch in der Zürcher Oper bereitet man – nach den längst zu Ende gegangenen Zürcher Festspielen - eine Produktion vor, die noch in den Festspielsommer hineinragt: den ersten Ballettabend der Saison unter dem Titel „Nocturnes / Solo / Der Tod und das Mädchen“. In der Choreographie von Ballettdirektor Heinz Spoerli huldigt das Zürcher Ballett mit „Nocturnes“ einem der musikalischen Jahresregenten des Jahres 2010, Frédéric Chopin. Ebenfalls unter Spoerli kommt als Ballett-Uraufführung „Der Tod und das Mädchen“ nach dem berühmten Streichquartett d-moll von Franz Schubert (dieses wiederum im 2. Satz nach dem gleichnamigen Schubert-Lied entstanden) heraus. „Solo“ entsteht in der Choreographie des holländischen Meisterchoreographen Hans van Manen.
Premiere und damit Saisoneröffnung am Zürcher Opernhaus ist am 28. August. Nächste Vorstellungen: 29.8., 1., 15., 17.9., 1.10.
Alles in allem: Die theaterlose, die schreckliche Zeit hat heutzutage ihre Schrecken verloren. Die Festspiel-Alternativen, von den ich Ihnen heute nur einen Ausschnitt geboten habe, retten uns Theaternarren vor der sommerlichen kulturellen Verödung.
Aufführungsfotos unten aus: "Carmen", Oper Schenkenberg, Fotos Ingo Höhn (Jordana Milkova als Carmen, Peter Bernhard als Don José, Wieland Satter als Escamillo, Chor)
... die unvergessliche Kuh von Ostermundigen http://www.madamebissegger.ch/
Und das gibt's auch noch:
http://www.theatergurten.ch/
«Einstein» auf dem Gurten. Noch bis 11. September
Gott gebe allen, die mich kennen, doppelt so viel wie sie mir gönnen...