Kultur

Gesehen: Fieser Mitläufer

Gesehen: Fieser Mitläufer

 

Uwe Schönbeck ist „Der Herr Karl“ 

 

DAS Theater an der Effingerstrasse in Bern eröffnet die Saison mit einem imposanten Theater-Paukenschlag. Doch hat wohl niemand vom Schauspieler Uwe Schönbeck und vom Text von Helmut Qualtinger und Carl Merz etwas Anderes erwartet.

 

 

 

Eigentlich bräuchte es nur einen einzigen Satz, um der Saisoneröffnungs-Premiere von „DAS Theater an der Effingerstrasse“ in Bern gerecht zu werden:

„Uwe Schönbeck ist der Herr Karl“

Leider steht er schon überall, dieser Satz, im Programmheft, auf Plakaten, in Inseraten… Darum sei halt hier doch noch etwas weiter ausgeholt.

Helmut Qualtinger hat, unterstützt von Carl Merz, diesen Monolog (1961?) sich selbst auf den Leib geschrieben. Man wundert sich: Hat der berühmte Qualtinger da nicht eigentlich beim Schreiben an Uwe Schönbeck gedacht? Spricht Schönbeck heute überhaupt einen fremden Text? Er führt ein spontanes, sozusagen aus dem vollen Leben schöpfendes Gespräch, zum Teil mit sich selbst, zum Teil mit einem viel jüngeren, unsichtbaren Kollegen und, mit wesentlicher dramatischer Funktion, mit der „Frau Scheffin“ oben im Laden. Der Text wird mehr und mehr zu seinen eigenen Worten, Uwe Schönbeck ist mit jeder Faser seiner Schauspielerseele, überzeugend, vielseitig, lebensvoll: Der Herr Karl!

Uwe Schönbeck erweckt diesen typischen Vertreter des unbedarften Kleinbürgertums zu vordergründigem, fast liebenswürdig harmlosem Leben. Es ist, als hätte er keine Ahnung von der Abgründigkeit seiner zweifelhaften Auffassung von einem ehrenwerten Mann. So wie Uwe Schönbeck mit seiner körperlichen und wortreichen Präsenz die Bühne ausfüllt, wird diese (Bild: Peter Aeschbacher) unversehens zum echten Keller. Wir sind in den späten Fünfzigerjahren; der Prolog, verfasst und gesprochen von Stefan Suske, stellt das nochmals unmissverständlich fest, formuliert die Rahmenbedingungen. Suske, der Regisseur dieser Aufführung, ist ja bedauerlicherweise schon zurück in seiner Heimat, in Graz. Seine Stimme klingt aus dem Off, aus dem Lautsprecher. Diese Inszenierung ist gewissermassen sein Abschiedsgeschenk an das Publikum des Theaters an der Effingerstrasse. Man wird sich dieser beispielswürdigen Aufführung noch lange erinnern!

Das Leben eines einfachen Mannes

Feinkosthandelsangestellter, Kassierer, Kinobilleteur, Funktionär kleinbürgerlicher Vereine und jetzt zuletzt wieder Feinkosthandelsangestellter – ein einfaches Leben hat der Herr Karl bis heute geführt. Was erst in seinem Selbstgespräch im Keller der Feinkosthandlung zutage tritt: Er hat sich sein Leben halt doch selber etwas zu einfach gemacht. Es kennt eigentlich nur drei Richtungen: „Soll ich mich links anlehnen und mitlaufen, soll ich mich rechts anlehnen und mitlaufen?“ Denn so einfach ist das ja gar nicht, weiss man doch nicht immer im Voraus ganz genau, ob man jetzt am besten katholisch oder sozialistisch ist… Die dritte Richtung von Herrn Karls Leben ist allerdings die hauptsächlichste. Es ist die „Stossrichtung“, die Richtung der aus eigenen Trieben geborenen Aktivität. Ja richtig: Es geht um die „Maadeln“, die Frauen. Auch hier: Schönbeck macht auf hintergründig harmlose Weise klar, wie ein rechter Mann eben ein rechter Mann ist. Von harmlosen Eroberungen mit Mandoline und Harmonika bis zu drei Mustern, wie man Gattinnen gewinnt und wieder los wird, behält man nur sicherheitshalber die Wohnung im „Gemeindebau“.

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Der Herr Karl (Uwe Schönbeck) in seinem Keller am Schwadronieren (Copyright: Severin Nowacki)

Wer ohne Selbstzweifel ist, werfe einen Stein

Langsam fährt einem der Schreck in die Glieder: Was für eine fiese Art, sich durchs Leben zu schlängeln! Wo bleiben da Haltung, Gewissen, ja vielleicht sogar Ehre? Kann der Sinn des Lebens im Anpassen, Anlehnen an die herrschende Vormacht in der Gesellschaft bestehen? Man glaubt es fast, hört man dem leise fiesen Schwadronierer Karl alias Uwe Schönbeck zu. Und vielleicht fragt man sich tatsächlich, ob man in schwierigen Zeiten mutig genug wäre, sich anders als der Herr Karl zu benehmen. Nur so hypothetisch, als Problema gewissermassen… In diesem Sinne kann „Der Herr Karl“ durchaus auch als lehrreiches Stück aufgefasst werden.

„Was ist das Gegenteil von Mut?“

Der Mut des Kleinbürgers ist vielleicht zumindest die Tugend, zu schweigen und sich stille zu halten, wenn man unheilvolle Mächte am Wirken sieht. Widerstand zu leisten, ist nicht jedermanns Sache – sonst würde das Übel überhaupt nie mächtig.

Die Frage nach dem Mut und dessen Gegenteil beantwortet ein Blog, im Programmheft abgedruckt (der Link dazu ist in den Quellenangaben enthalten).

Zwischenbemerkung: Nicht üblich ist es, bei der Besprechung einer Theaterpremiere auch ein paar Worte über das Programmheft zu schreiben. Warum eigentlich nicht? In der Regel findet man bei Besprechungen von Musik-CDs regelmässig auch Bemerkungen über das Booklet! Also sei das Tabu durchbrochen.

Simone Füredi hat ein Prorammheft zu „Der Herr Karl“ mit aussagestarken Standbildern (Fotos: Severin Nowacki) und bedenkenswerten Hintergrund-Texten, informierend und illustrierend, aus Internet-Quellen gestaltet. Hilfreich zur Vorbereitung auf diesen intensiven Theaterabend, so vor dem Eindunkeln der Bühne.

Theaterzettel:

„Der Herr Karl“
Von Helmut Qualtinger

Mit einem Prolog von Stefan Suske

Inszenierung: Stefan Suske
Assistenz: Ivana Bach
Bühnenbild: Peter Aeschbacher
Bühnenbau: Röné Hoffmann
Kostüme: Sybille Welti
Technik: Thomas Glück
Fotos: Severin Nowacki

Mit Uwe Schönbeck und Thomas Glück

Premiere 1. September 2010, 20.00 Uhr

Weitere Aufführungen:

Donnerstag bis Samstag, 2. bis 4. September, 20.00 h
Montag bis Samstag, 6. September bis 11. September, 20.00 h
Montag bis Samstag, 13. bis 18. September, 20.00 h
Sonntag, 19. September, 17.00 h
Dienstag bis Samstag, 21. Bis 25. September, 20.00 h
Sonntag, 26. September, 17.00 h
Montag, 27. September, 20.00 h

http://www.dastheater-effingerstr.ch

http://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Qualtinger

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Herr_Karl