Kultur

Gelesen: „Von Bismarck bis Picasso“

Gelesen: „Von Bismarck bis Picasso“

 

   

Wilhelm Uhde (1874-1947) und das Wesen der Dinge als Gehalt der Kunst 

   

 

Zwei Extreme im (Er-) Leben eines Deutschen

Wilhelm Uhde, geboren in der „Gründerzeit“, der Zeit von Bismarcks Reichsgründung, und drei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg, kennt Bismarck, den „Eisernen Kanzler“, noch persönlich. Das Deutsche, das Preussische Beamtentum ist Nährboden seiner Bildung und seiner gesellschaftlichen Stellung; sein Vater ist Staatsanwalt. Nach dem Rechtsstudium arbeitet der dreissigjährige Wilhelm Uhde genau drei Tage lang in seinem erlernten Beruf, als Referendar bei einem preussischen Amtsgericht. Sechs Jahre später lernt er, seit 1904 in Paris lebend, den damals 29-jährigen Pablo Picasso kennen (und wird von ihm im gleichen Jahr portraitiert).

Was für eine Spannung und Entwicklung von Persönlichkeit und Intellekt! Wilhelm Uhde geht vor allem als Kenner, Sammler, Händler von Kunst in die Gesellschaft und die Kulturgeschichte ein.

Autonome Haltungen und Erkenntnisse

Händler, Sammler und Kommentator nicht jeder Kunst. Die neu aufgelegte autobiografische Schrift „Von Bismarck bis Picasso. Erinnerungen und Bekenntnisse “ zeugt von einer eigenständigen und selbständig urteilenden Persönlichkeit. Sie wird schon an den Schwächen und Unarten des kleinen Knaben offensichtlich. Dieser, so bekennt der Autor, hatte zum Sammeln noch keinerlei Beziehung. „(Sonst) hätte ich früher vielleicht meinen Sammeltrieb an Briefmarken befriedigt“, schreibt er.

Seit ich vor 55 Jahren im Deutschunterricht zum ersten Mal mit Goethes „Dichtung und Wahrheit“ beschäftigt wurde, ist mir der Unterschied zwischen Tagebuch und Autobiografie geläufig. Lese ich nicht Tagebücher von Grossen (da bin ich nicht immer überzeugt, dass sie authentisch und nicht nachbearbeitet sind), sondern von Unscheinbaren dieser Welt, dann berührt mich die Unmittelbarkeit des Erlebens und fast zeitgleichen Wiedergebens. Autobiografische Texte enthalten zusätzliche Reflexionen, offen oder versteckt. Das Erlebte, Erfahrene wird bearbeitet, gemessen an der gereiften Urteilskraft der Autorin, des Autors. Wohl ist es immer noch Erfahrung, aber geschildert aus weiser (oder mindestens klüger) gewordener Distanz. Dichtung und Wahrheit, in diesem Sinne eben.

Wilhelm Uhdes Text ist von verblüffender wie berührender wahrhaftiger Präsenz. Was er schreibt, ist „Dichtung und Wahrheit“, nicht Tagebuch. Er schreibt eine – in der Sache wie in der persönlichen Stellungnahme und Haltung – biegsame, exakte, untadelige Sprache. Dass Rechtschreibe- und Syntaxregeln und -anwendungen sich bis heute gewandelt haben, stört diesen Eindruck nicht. Man spürt, dass die Authentizität des Erlebens, nicht nur je entfernter dieses in Kindheit und Jugend liegt, mit formalem Willen gebändigt und stilsicher veredelt ist.

Im Anfang habe ich diese „Lebensgeschichtlichen Bekenntnisse“ unterschätzt

Ein nach den Idealen des 19. Jahrhunderts Gebildeter tritt den Lesenden in Wilhelm Uhde entgegen. Er ist ein intellektueller Deutscher mit viel Seele und weniger Begeisterung für enzyklopädisches Wissen. Aufgeschlossen Vielem, offen für Manches, jedoch trotzdem nicht ohne Arroganz. Was er ablehnt, erfährt man unmissverständlich. Seinen urteilenden Erwägungen mag ich nicht in allen Teilen beipflichten, aber seine Überlegungen zu Goethe, Hölderlin und Jean Paul sind bedenkenswert, wenn auch nicht ohne genaueres Nachprüfen durch eigenes Wiederlesen der erwähnten Autoren. Überhaupt hat mich die Fülle von literarischen, philosophischen, kulturkritischen und politologischen Ausführungen überrascht – auf einen solch weitgefächert sein Leben überblickenden und darstellenden Intellektuellen und Zeitbeobachter war ich nicht vorbereitet. Wilhelm Uhde war für mich vor der Lektüre dieses Buchs ein Kunstsammler, Kunsthändler und Kunstpublizist, mehr nicht.

Am meisten verblüfft mich in Sprache und Stil der Unterschied zwischen den Schilderungen der ersten Lebensjahre bis nach dem Studium und dem Beginn der Beschäftigung mit der Kunst (Florenz, Paris). Was dem studierten Juristen in Florenz begegnet, fasst er mit den Worten zusammen: „Hier entstanden meine ersten schüchternen Versuche, mit den Sinnen, nicht mit dem Verstand zu leben.“ Hierin hat er es zu grosser Meisterschaft gebracht und dabei den scharfen Verstand doch nicht übergangen, davon zeugen seine Zeilen. Beim Lesen gewahrt man, wie die Sprache farbiger, sinnlicher, persönlicher wird.

Man liest eine von starkem persönlichem Erfahren wahrgenommene Kulturgeschichte Deutschlands während der Zwischenkriegszeit. Uhde ist vielseitig, doch überzeugt nicht jede Seite oder Facette seiner Stellungnahmen. Es prägt ihn jedoch ein starker, ja beseelter Idealismus, der verhindert, dass er sich an ihm Ungemässes vergeudet. Was eben halt auch wieder den Eindruck von intellektuell elitärer Überheblichkeit aufkommen lässt.

Am Beispiel von Manet, den das kunstverständige Publikum ablehne, und Degas, den es verherrliche, gibt er seine Meinung über die Unbedarftheit dieses kunstverständigen Publikums kund, dessen „dumme und gefährliche Arroganz“ er moniert. Seine absoluten Favoriten sind die Kubisten, Picasso und die die „Primitiven“, deren Vorreiter Henri Rousseau ist, genannt der Zöllner. Auch ihn kennt er persönlich. Entschieden abgelehnt hat er die Maler des Expressionismus.

Der grosse Schmerz

Im Älterwerden, besonders nach dem Tode seines Freundes Helmut Kolle (1931), um den er mit grossem Schmerz trauert, befällt den rund Sechzigjährigen zunehmend auch der resignierende, manchmal gar jammernde Kulturpessimismus. Das Leiden am Vergehen einer einstmals hoch gehaltenen kulturellen Welt mit noblen Werten schildert er überdeutlich.

Erst über seine Erlebnisse und Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs – Verfolgung, Flucht, Verlust, Heimatlosigkeit – vermag er wieder mit vornehmer Sachlichkeit zu berichten; in einem besonderen Text („Aufzeichnungen aus den Kriegsjahren“, 1937-1940). Auf vornehme Sachlichkeit (oder ist es auch eine gewisse Hilflosigkeit für einen Humanisten wie ihn, für einen Deutschen im besten kulturellen Sinn wie Uhde zweifellos war?) lässt auch schliessen, dass die Zeit des nationalsozialistischen Dritten Reichs ihm nicht viele so harte, unmissverständlich urteilende Worte finden lässt, wie er sie in Dingen der Kunst und Kultur sonst zu gebrauchen sich nicht scheut. Trotzdem entsteht kein Zweifel, dass er die Unmenschlichkeit des Regimes und seiner Führer verabscheut.

Wilhelm Uhde hat geglaubt, der Europäische Mensch sei am 14. Juli 1936 gleichzeitig mit dem „Front Populaire“ in Paris geboren worden. Seine Vision eines Vereinigten Europas, wie er es 1934 sah, entstand allerdings wohl ein Jahrhundert zu früh.

Die Lektüre lohnt sich

Wilhelm Uhdes „Von Bismarck bis Picasso – Erinnerungen und Bekenntnisse“ wurden erstmals 1938 in Zürich publiziert und waren bisher auch antiquarisch kaum aufzutreiben. Die Texte haben meine Aufmerksamkeit und meine zeitgeschichtlichen Kenntnisse stark herausgefordert. Fast ein wenig glücklich bin ich, dass ich diesem Reichtum an Schilderungen, Überlegungen und Fakten aus Kunst und zeitgeschichtlicher Kultur begegnen durfte. Gerade weil kaum alles ungeprüft hinzunehmen ist, was Uhde schrieb, ist sein Gedankenreichtum in hohem Mass anregend. Seine autonome Haltung gegenüber den Grossen der Zeit und der Welt und seine Unabhängigkeit des Denkens und Lebens fordern grossen Respekt ein. Wie von selbst fördert die leicht lesbare, elegante Sprache Interesse und Freude beim Lesen.

Das Buch

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Wilhelm Uhde

Von Bismarck bis Picasso
Erinnerungen und Bekenntnisse

Hardcover, 400 Seiten, zahlreiche Photographien

Römerhofverlag Zürich 2010

ISBN 978-3-905894-06-6 

 

http://www.roemerhof-verlag.ch/