Ein Porträt und Nachruf zugleich zum 25. Todesjahr des weltberühmten Malers
Stets weigerte er sich, einer bestimmten Klasse oder Schule von Malern anzugehören. Am 28. März 1985 starb Marc Chagall in seinem Heim in St. Paul-de-Vence in Südfrankreich. Sein Leben – er vollendete das 97. Altersjahr – brachte ihn mit der Unruhe des vergangenen Jahrhunderts in engste Berührung. Mit seinem Werk (er schrieb auch Gedichte) schuf er dazu eine Gegenwelt, in der Jugend, Träume, Märchen und Liebe zu Hause sind. Marc Chagall ist der grosse Zauberer in der Malerei des 20. Jahrhunderts. Zeitlebens galt er als ein wenig verrückt.
Der weltberühmte Maler hat zu seinen grossen Themen, die er mehrheitlich der Bibel entlieh, immer wieder Skizzen angefertigt.Meisterhafte Exemplare davon begegneten einem Gros von Kunstinteressierten während der Ausstellung bei J&P FINE ART in Zürich, die leider nur bis zum vergangenen 17. September dauerte. Dort wurden fünfzig Papierarbeiten aus seinem Skizzenbuch gezeigt; Gouachen, Aquarelle und Zeichnungen. Zum Teil wirr gekritzelte Zeichen, aber auch winzige Skizzen auf demselben Blatt oder gar fertige Werke. Neben Tusche, Oelkreide, Filz- und Bleistift griff Chagall nicht selten auch zum Kugelschreiber.
So weckte die Zürcher Ausstellung erneut meine ganze Aufmerksamkeit für den grossen Meister Marc Chagall, dessen Deckenmalereien in der Pariser Oper mich damals als 20-Jährige so stark beeindruckt hatten und sogar von den Geschehnissen auf der Bühne abzulenken vermochten. Da war es wieder, mein festverankertes Interesse an Marc Chagalls Werken, oder gar die Erinnerungen an Paris? Das Gefühl, hinter die Kulissen eines Theaters zu spähen. Die einzelnen Akteure sind da, jeder kennt seinen Text, aber erst auf der Bühne verschmelzen sie zu einem Ganzen. Von genau dieser Aura wird man angesichts der Skizzen grosser Meister erfasst: Alles ist schon da, was sich später in den Werken niederschlägt… Das gilt eben auch für Marc Chagall.
Für Chagall gab es keine Grenzen – nicht der Formen von Mensch und Tier und Dingen, nicht der Farben mit ihren unendlichen Tiefen und Schattierungen, nicht des Geschehens der inneren Welt von Schönheit und Liebe, die er unverdorben durch äussere Einflüsse – auf seine Leinwand übertrug. Jemand hat einst dafür den Begriff „La Chagallite“ geprägt. Das sind seine geigenspielenden Pferde ebenso wie seine Illustrationen zur Bibel oder zu alten französischen Fabeln, seine unnachahmlichen Farbenglasfenster im Jerusalemer Hadassah-Spital, in Metz (Frankreich), im Zürcher Fraumünster oder die Deckenmalereien in der Pariser Oper und zuletzt in Chicago als Tribut an Amerikas 200. Geburtstag, die es zu bewundern gibt. Das sind seine dekorativen Kunstwerke im Jerusalemer Parlament und im New Yorker Lincoln Center sowie an vielen anderen Orten.
„La Chagalitte“ ist die weiche, fliessende, runde Bewegung: Das Sichineinanderschmiegen seiner vielen Liebespaare, das Bildnis der Frau wie eine Girlande um seinen Kopf in dem Selbstporträt von 1962, eine Zirkusreiterin auf einen lächelnden Pferd, selbst der zornige Moses, der die Gesetzestafeln zerschmettert. „La Chagalle“, das sind die Fabelwesen, die aussehen wie Hähne und Hühner, wie Fische und Pferde und Hunde; und manchmal eine Mischung von allen – es sind die immer wiederkehrenden Geigen und Traumhimmel und Blumen, die viel mehr sind als Blumen. Es sind die Farben – Rot und Gelb und Blau und Grün vorherrschend –, die ihr eigenes glorreiches Leben haben, als hätte der Maler-Poet sie erfunden, wurde ihm attestiert.
„La Chagalitte“, das sind die Themen – viele jüdische, geschöpft aus der alten Tradition des Ostens Europas, andere aus dem neuen Testament oder aus den Sagen der arabischen Nächte. Das ist auch: sie alle unter den einen Nenner zu bringen, Liebe, Freude und Schönheit, Glaube und Jugend... „Ich habe das für die jungen Menschen geschaffen“, soll er gesagt haben.
Blaues Glasfenster im Fraumünster Zürich. Bild: Kurt Salzmann - www.salzmaenner.chMarc Chagall liess sich nicht einordnen. Auch eine Klassifizierung als jüdischer Maler lehnte er ab, obwohl er als einer der grössten Vertreter des Schicksals und des dichterischen Ausdrucks seines Volkes angesehen wird – besonders des jüdischen Lebens in Osteuropa. „Man darf kein Nationalist sein. Das ist nicht gut. Ich brauche weder Pass noch Kennkarte. Wenn man eine Frau findet, die man liebt, dann heiratet man sie – das ist alles. Und wenn man einen Traum hat, eine Idee, eine Inspiration, dann geht man ihr nach. Man greift tief in die Farben und zaubert sie auf die Leinwand – das ist alles.“ Stets weigerte sich Chagall, einer bestimmten Klasse oder Schule von Malern anzugehören.
Gewiss, einige Richtungen in der Malerei haben im Laufe der vielen Jahre auch Chagall beeinflusst: Expressionismus vorab, besonders aber der Kubismus. Sein „Adam und Eva“ aus dem Jahre 1912 ist vielleicht das kubistischte Bild, das er geschaffen hat. „Ida im Fenster“, 1924 entstanden, zeigt seine Tochter, die selbst Malerin wurde, in einer Komposition, die den Kubismus bereits völlig überwunden hat und frei ist von Symbolen. Fünfzehn Jahre danach regierten nur die Meisterschaft und die Phantasie in dem „Cellisten“: Der Torso dieses zweigesichtigen Mannes ist das Cello, das er spielt. Der Hintergrund bildet ein verschneites Städtchen. Auf einem Stuhl sitzt ein kleiner Geiger mit einem Tierkopf. Leben und Kunst, Mensch und Tier scheinen eins zu sein… Oft wurden Chagalls Bilder eindimensional genannt: Sie sind flach, kindlich naiv – aber die Perspektive ist da. Und die Komplikationen sind hier in den Symbolen, Verzerrungen, in den Träumen des Pinsels von Farbe, Schönheit und Liebe, die an keine Gesetze gebunden sind – so wenig wie es der Meister und der Mensch Chagall war.
Witebsk heisst die Stadt in Russland, wo im jüdischen Viertel Marc Chagall am 7. Juli 1887 geboren wurde. Dass dort Dinge geschahen, die allen Gesetzen der Logik und Physik widersprachen, lag an der Zauberphantasie von Marc Chagall. Die Geige – besser die Fiedel – war sein Lieblingsinstrument und dieses auch im russischen Getto. Das Modell des berühmten Fiedlers („Fiddler On The Roof“) war des Künstlers Onkel Neuch, der die Fiedel spielte wie ein Schuster. Er war immer gegen Realismus. „Wenn ich einen Juden auf seinen Füssen gehen sah, dann ging er für mich auf dem Kopf. Ich sehe Dinge an, und auf einmal schlüpft ein Teufelchen in mich hinein. Ich bin wohl ein wenig verrückt – das ist mein Normalzustand“, soll Chagall oft gesagt haben.
Chagalls eigene Jugend war nicht leicht. Er studierte zuerst in Witebsk, dann in St. Petersburg die Malerei, konnte aber nicht zur Akademie gehen, weil er die für Juden notwendige Wohnerlaubnis nicht bekam. 1910 machte es ein Gönner für ihn möglich, nach Paris zu gehen. Dort studierte er an zwei Kunstschulen, traf den Dichter Apollinaire und durch ihn den Berliner Kunsthändler Walden, hatte eine grosse Ausstellung in Berlin. 1914 fuhr er zur Hochzeit seiner Schwester nach Witebsk, wurde dort vom Krieg überrascht, heiratete im Jahr darauf seine Bella, mit der er glücklich lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1944. Bella hinterliess reizende Kurzgeschichten mit Illustrationen, die völlig den Einfluss ihres Mannes verraten.
Die Revolution 1917 brachte Chagall das Bürgerrecht und das Amt eines „Kommissars für feine Kunst“ in Witebsk, wo er später als Direktor der Freien Kunstakademie wurde. Seine Werke erwarb der Staat. 1920 bis 1923 lebte er in Moskau, dann in Berlin und Paris mit ersten Ausstellungen (New York) und Ehrungen. Reisen mit Frau und Kind führten nach Ägypten, Libanon, Palästina, Holland, Spanien und Polen. 1937 wurde Marc Chagall französischer Staatsangehöriger und lebte in der Provence, dann in Marseille und zog 1941 nach New York, wo Bella drei Jahre später starb. 1948, nach unzähligen Erfolgen seiner Ausstellungen kehrte er nach Frankreich zurück, und vier Jahre danach heiratete er Valentine, genannt „Vava“, mit der er bis zu seinem Tode in seinem Heim in St. Paul-de-Vence lebte.
„Früher, wenn ich ein Bild sah, dessen Subjekt wirklich war, sagte ich, das ist nichts für mich. Aber als dann alles von oben nach unten gekehrt wurde, dachte ich an Qualität. Jetzt suche ich nach Qualität, wie eine Braut nach Liebe sucht. Qualität und Liebe sind genau dasselbe“, so sprach bereits im hohen Alter der Meister mit dem Koboldgesicht; Worte, die nicht ungehört verhallt sind. „Marc Chagall ist der grosse Zauberer in der Malerei der 20. Jahrhunderts. Es sind Meisterwerke aus Licht und Farbe; melancholisch, euphorisch und immer etwas schräg. „Der französische Künstler hat die Folklore seiner jüdisch-weissrussischen Vorfahren ebenso wie die Überlieferungen der griechischen Antike und des Christentums zu leuchtenden Bildern verwoben, deren poetischen Kraft sich niemand, ob Kind oder Kunstkenner, entziehen kann. Seine melchanolischen Clows, sein „Fiedler auf dem Dach“, vor allem seine immer wieder neuen Darstellungen der Liebe haben ihn weltberühmt gemacht“, schreibt Autor Nicolaj Aaron im Klappentext zum Buch „Marc Chagall“. Recht hat er. Wo man auch immer mit Marc Chagalls Kunst konfrontiert worden ist oder wird; der Eindruck bleibt oder wird in nachhaltiger Erinnerung bleiben…
Marc Chagall
Liebe Jacqueline
obschon ich schon einige Zeit Mitglied von Seniorweb bin, habe ich immer "einen Bogen um die Blogs gemacht" in der Meinung, es komme dort nichts mit Tiefgang zur Sprache. Du hast mich mit Deinem Blog, für den ich Dir gratuliere und herzlich danke, eines Andern belehrt. Ich habe ihn als Hobbymaler (Fan der alten Holländer und der Impressionisten) deshalb mit Interesse und grossem Vergnügen gelesen.
Was mich schon etwas beschäftigt ist die Frage, wie lange ein guter Blog-Beitrag wie Deiner denn oben bleibt, bevor er in der Versenkung verschwindet und nur noch mit weiteren Klicks heraufgeholt werden kann. Aus diesem Grund begann ich zu suchen, weil ich selbst auch die Absicht habe, ein aktuelles Problem zur Sprache zu bringen. Es wäre natürlich erfreulich, wenn möglichst viele SWler Deine Arbeit lesen könnten, doch die Zahl herauszufinden dürfte nicht einfach sein. So muss man sich fragen, ob ein Blog die richtige Plattform bietet. Ich wünsch es Dir.
Liebe Grüsse und meine besten Wünsche H.Kessler